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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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NR. 16 4/84 4.— DM 


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schwa 

FADEN 

ANARCHISTISCHE VIERTELJAHRESSCHRIFT 

















EDITORIAL 



Diese Nummer 4/84 erschein t zugegebener¬ 
maßen etwas spät im Jahr, doch wir denken, 
daß es gerechtfertigt war, zu warten, bis die 
zugesagten Artikel tatsächlich (fast) alle bei 
uns eintrafen. Mit der Venedig-Berichterstat¬ 
tung und zwei ersten Orignalbeiträgen von 
John Clark (Canada) und von Barbara Köster 
(Frankfurt) ist der Schwerpunkt dieser Num¬ 
mer bereits gegeben. Wir setzen ihn ihn in den 
nächsten Nummern fort mit Übersetzungen 
der Beiträge Murray Bookchins »The radicali- 
zation of nature« und »Theses on libertarian 
municipalism«, einem Papier der uns befreun¬ 
deten Athener Anarchozeitung ARENA zu 
»Eurosocialism, the case of Greece«, dem in¬ 
teressantesten Beitrag aus der Anarcha-Femi- 
nismus-Diskussion von der Französin Arian- 
ne Gransac »La liberation des femmes: de 
l’ordinaire a Timportance...« und dem Vor¬ 
trag des unkompliziertesten Redners in Vene¬ 
dig, Stephen Schecter, der als einziger seinen 
Vortrag überhaupt nicht hielt, als er merkte, 
daß die Hälfte der Zuhörer lieber diskutieren 
wollte: »The real rocky horror picture show: 
state and politics in Contemporary society«. 

Mit den Artikeln zur Wende und zum IWF 
beginnen wir die unseres Erachtens für Anar¬ 
chisten wichtigste ideologische Auseinander¬ 
setzung der Gegenwart, die dem »Neolibera¬ 
lismus« gilt, der es versteht mit scheinbaren 
»Anti-«Staats-Argumenten die Bevölkerung 
der Demokratien zu gewinnen/zu verarschen. 

Mit den Beiträgen zum Atommüll und dem 


Zuletzt zum 4. FLI-Treffen im Tagungs¬ 
haus der Burg Waldeck. Es hat leider keinen 
ausführlichen Bericht gereicht, weil die Be¬ 
richte aus den Arbeitsgruppen noch nicht Vor¬ 
lagen. Nur soviel: es war das unseres Erach¬ 
tens gelungenste Treffen. Anwesend waren 
insgesamt 46 Personen, davon die Hälfte zum 
ersten Mal. Gearbeitet wurde an einigen The¬ 
men von Venedig (FLI-Papier zur Arbeit, 
Welche Revolution, Bookchins Thesen, An¬ 
sätze zur Erneuerung des Anarchismus etc.), 
am Thema »Anarchismus auf kommunaler 
Ebene - Verhältnis zu Offenen Listen der 
GRÜNEN«, am Thema »Sowjetunion«, am 
Thema »Antipädagogik«, »Feminismus - 
oder Kritik männlichen Denkens und Diskus¬ 
sionsverhaltens auch unter Anarchisten«, 
»Anarchismus contra modischer Zynismus« 
und einiges mehr. Die Aufteilung in Klein¬ 
gruppen und das Angebot mehrerer Themen 
erwies sich als erfolgreich und wird beibehal¬ 
ten werden. Nicht stattfinden konnte der Ar¬ 
beitsbereich »Gentechnologie«, da die FLI- 
Mitglieder, die ihn vorbereiten wollten, alle 
zum Treffen nicht gekommen waren. Das 
5.Treffen wird vom 15. bis 19. Mai im KOMM 
in Nürnberg stattfinden. 

Themenvorschläge und Diskussionspapiere 
an die FLI-Rundbriefkontaktstelle: Günter 
Hartmann, c/o Antiquariat, Oranienstr. 39, 
1000 Berlin 36. An dieser Stelle auch die Erin¬ 
nerung, daß alle (neue wie alte) FLI-Mitglie- 
der 1985 wieder 20.-DM für die Erstellung der 
Rundbriefe bezahlen müssen. FLI-Konto: 
W.Haug/H.Blume/F.Kamann u.a. Ktonr. 140 
649 000, BLZ 640 90100, Volksbank Reutlin¬ 
gen. Mitglied kann jede/r werden, die/der sich 
bei der Rundbriefadresse meldet und die 20.- 
DM überweist. Mitglied sollten diejenigen 
werden, die auch Interesse daran haben selbst 
ein Thema mitvorzubereiten, selbst Diskus¬ 
sionen anzuregen, kurz aktiv zu sein... 

Gruppenbild mit Dame vom Rückumschlag 
der Nummer 14: Noch sind nicht alle Perso¬ 
nen der FAUD identifiziert worden: zm vor¬ 
läufigen Ergebnis: Es handelte sich in der 


HERA VSG EBER: ELI-Forum für libertäre 
Informationen 

V.i.S.d.P. .Horst Blume, Schleusenweg 
4700 Hamm; namentlich gezeichnete Beit füge 
stehen unter der Verantwortlichkeit der Verfas¬ 
ser und geben nicht die Meinung der Herausge 

ber oder des presserechtlich Verantwortlichen 
wieder. Eingesandte Artikel werden diskutiert, 
über einen Abdruck entscheidet die Redaktion 
der jeweiligen Nummer; ein Anspruch aufs o 
druck besteht nicht; Nachdrucke sind gegen 
Quellenangabe und Belegexemplare ausdrüe 
lieh erwünscht, Abdrucke erfolgen honota* 
frei. KNASTFREIEXEMPLARE bleiben so¬ 
lange Eigentum des Verlags, solange sie nie it 
dem Gefangenen ausgehändigt sind. Eine Zur 
Habe-Nahme ist keine Aushändigung! 

Auflage: 2000 (!) Exemplare; Satz: Trotzdem- 
Verlag; Druck: Druckcooperative Karlsruhe, 
Erscheinungsweise: vierteljährlich; Abonne¬ 
mentsgebühren: 15.-DM für 4 Nummern (Be¬ 
zahlung im voraus; automatische Verlängerung 
nach Ablauf des Abo-Zeitraums, d.h. bitte gebt 
uns schriftlich Bescheid , wenn ihr den SF nicht 
mehr beziehen könnt oder wollt.) Anzeigen¬ 
preise; 1 Spalte: 100.-DM + MWST; 112 Seite. 
150.-DM; 1 Seite: 500.-DM. SF-Konto: F.Ka- 
mann - PSK Stuttgart - Ktonr. 574 63-703; Ke- 
daktionsansdirift: SCHWARZER FADER - 
REDAKTION, Postfach 581, 7410 Reutlingen; 

Tel 071211370494; ISSN: 0722 - 8988. 


4 Nummern: 15.-DM 
8 Nummern: 30.-DM 
Bitte vor der 1. Lieferung, 
bzw. bei Verlängerung des 
ABOS nach der letzten Nummer 
des alten Zeitraums. 

Postscheckamt Stuttgart, F. Kamann, 
Kontonummer: 574 63 - 703 


Redaktionsschluß Nr. 17:1.03.85 


BUKO-Bericht wollen wir ein wenig den Ein¬ 
druck verstärken, daß es mit der Anti-AKW- 
Bewegung wieder aufwärts geht und daß es 
langsam deutlich wird, daß sie nicht der »au¬ 
ßerparlamentarische Arm« der GRÜNEN zu 
sein hat, sondern sich als »antiparlamentari¬ 
sche Bewegung« reorganisieren muß und 
wird. 


INHALT 


Editorial S. 2 

Venedig-Berichte S. 3 

Feminismus-Vortrag S. 9 

Ware = 1984 (Vortrag) S. 13 

Zur Wende S.23 

IWF S.28 

Kolumbien/Selbstverwaltung S.31 

Atommüllpriester S.38 

BuKo-Bericht S.41 

Bhagwan-»Kritik« S.44 

O.M. Graf S.46 

Der »Journalist« Heidemann S.51 

Bakuninhütte S.52 

Lange Hoffnung S.55 

Otto Reimers (Nachruf) S.56 

Stowasser-Prozeß S.58 

Kurzmeldungen S.60 

Leserbrief S.62 


Ältere Nummern/Nostalgienummer S.63 


oberen Reihe von links nach rechts: Her¬ 
mann Ritter / Theo Schuster / Bennef (aus 
Ratibor) / die übrigen drei stehen noch aus 
In der mittleren Reihe: Konnten außer den 
schon bekannten Souchy und Rocker keine 
weiteren Personen identifiziert werden. 

In der unteren Reihe sitzen: Helmut Rüdi¬ 
ger / Milly Wittkop-Rocker / Paul Albrecht. 


★ SPENDENLISTE: 45.- B.S., Tübingen; 75.- 
N.H., Nürnberg; 5.- F.W., Eilweiler; 20.- J.S.. Witt- 
mund; 5.-G.H., Wiesbaden; 5.- M.M., Hildesheim: 
5.- T.A., Bad Hersfeld; 25.- E.H., Emmerich; 3.- 
K.L., Mömbris; 5.- O.S., Ahlen; 10.- PP* Wre¬ 
stedt; 16.- A.M., Bremen;5.- R.B., Mannheim; 10.- 

H.K., Augsburg;2,50H.G., Köln;5.-, B.B.,Tübin¬ 
gen; 5.-F.L., Vlotho 

Die Spenden sind sehr wichtiger Bestandteil für die 
Kostendeckung des SF. Wir bedanken uns deshalb 
recht herzlich dafür. 










Denkanstöße von Venedig ’84... 



I. Atmosphärisches 

La Republica (29..9.84): »Sie sind 3000 und 
kommen aus der ganzen Welt um zu entschei¬ 
den, wie ein nachindustrieller Anarchismus 
aufgebaut werden könnte. (...) Die meisten 
sind jung, aber man kann auch grauhaarige äl¬ 
tere Männer sehen. Viele von ihnen sprechen 
zwei oder drei Sprachen korrekt. Es gibt auch 
eine Punkecke und einige Drop-Outs.« 


II Gazzettino (Venedig-Lokal »presse«, 
29.9.84): »Sie gehen nackt herum und kopu¬ 
lieren in der Öffentlichkeit.« 

II Corriere della Sera (29.9.84): »Manche 
zweifelten, ob es sie noch gäbe. Doch nichts- 
destotrotz, die Anarchisten wollten sich zei¬ 
gen und sagen, daß sie tatsächlich noch vor¬ 
handen sind.« 

Und nach der bürgerlichen Presse noch die 
Stimme der syndikalistischen Umanita Nova 
(7.10.84): »Etwas wie dieses Treffen, hilft 
uns, unseren Minderwertigkeitskomplex ab¬ 
zubauen.« 































Die Organisatoren, allen voran die Genos¬ 
sen um das Mailänder Centro Libertarii und 
Revista A, hatten nicht mit diesem Andrang 
gerechnet und waren auch besonders über die 
große deutschsprachige Beteiligung (ca. 300- 
400 Deutsche, Schweizer, Österreicher) über¬ 
rascht. Daß diese Überraschung nicht nur po¬ 
sitiv war, lag an dem vor allen von vielen 
Deutschen recht provokativ ausgetragenen 
Konflikt zwischen »Theoriekongreß« und 
»Aktionismus-Mythos«. Aufgebauscht, sa¬ 
hen einige in der fehlenden deutschen Über¬ 
setzung schon eine Verschwörung im Gange 
»die deutsche Position« auszugrenzen. Man¬ 
gelndes Selbstbewußtsein war noch nie Kenn¬ 
zeichen der Deutschen... 

Daß es »die deutsche Position« nicht gab, 
liegt auf der Hand, so waren Anarchos, Auto¬ 
nome, Graswurzler, Studenten, Sympathisan¬ 
ten, traditionelle Anarchisten und Syndikali¬ 
sten genauso nach Venedig gekommen wie 
Anarchotheoretiker, Punks oder kritische Li¬ 
bertäre, denen es um die Erneuerung des An¬ 
archismus geht. Die Touristen nicht zu verges¬ 
sen, schließlich fand das ganze in Venedig 
statt. 

Von den älteren Genossen hatte Clara 
Thalmann die Reise von Nizza auf sich ge¬ 
nommen und sie genoß es sichtlich, was sich 
um den Campo Santa Margherita an Leben 
abspielte. Das Sprachproblem wurde im Ver¬ 
lauf des Treffens ansatzweise gelöst; und es 
soll noch einmal betont werden, daß die Ver¬ 
anstalter von Anfang an Kabinen etc. zur Ver¬ 
fügung gestellt hatten und eine zufriedenstel¬ 
lende Übersetzung nur daran scheiterte, daß 
es dieser stark vertretenen aber uneinheitli¬ 
chen und desorganisierten deutschen Bewe¬ 
gung nicht gelang für Übersetzer aus den eige¬ 
nen Reihen zu sorgen. 

Den Kongreß besuchten insgesamt ca. 3000 
Teilnehmer. Konflikte gab es auch unter an- 
ders-sprachigen Gruppen, so zwischen CNT- 
AIT und CNT-Valencia oder zwischen CNT- 
AIT und dem Amsterdamer Institut um den 
CNT-Nachlaß von 1938/39. Der Anarchismus 
bot also keineswegs ein geschlossenes Bild, 
erst recht nicht, wenn man die inhaltlichen Po¬ 
sitionen näher betrachtet; man könnte von ei¬ 
nem Nord-Süd-Konflikt sprechen bzw. es gibt 
Einschätzungsunterschiede zwischen Anar¬ 
chisten aus weiter industriell fortgeschritte¬ 
nen Ländern wie USA/Canada/BRD etc. und 
südeuropäischen Ländern wie Spanien/Italien 
etc. Auf andere Punkte wollen wir zum Teil in 
diesem Beitrag eingehen. Wir (FLI) fanden 
das Treffen insgesamt sinnvoll und interessant 
und haben uns auch emotional wohl gefühlt. 
Die Aufteilung auf drei Plätze, wovon zwei 
der Kommunikation (Essen, Trinken, Musik¬ 
veranstaltungen, Aufenthaltsplätze, Buch¬ 
stand, Ausstellung, Filme...) und einer der 
Theorie (Vorträge, Seminare) Vorbehalten 
waren, erwies sich als gelungen und bot den 
gewünschten Rahmen zum Austausch. Daß 
diese Aufteilung zu statisch war, erwies sich 
dann allerdings in den »Podiumsdiskussio¬ 
nen«, die zu dreistündigen Vortragsreihen 
»verkamen«. Während in den meisten Semi¬ 
naren gut diskutiert werden konnte (Ausnah¬ 
men lagen hier oft am Verhalten der Vortra¬ 
genden bzw. dem ungeschickten Eingreifen 
der Zuhörer), waren alle »Podiumsdiskussio¬ 
nen« mit Beiträgen überfrachetet. Vier Refe¬ 
rate pro Themenkomplex hätten ausgereicht 
und zumindest Raum für eine oft notwendige 
Diskussion gelassen. Stattdessen wurden bis. 
zu acht Referate gehalten und die verbleiben¬ 



den Minuten nutzten diejenigen für vorgefer¬ 
tigte Stellungnahmen, die sich wohl ebenfalls 
gern auf dem Podium gesehen hätten. D.h. ei¬ 
ne wohl unumgängliche Konsequenz aus der 
geäußerten Unzufriedenheit wäre die Be¬ 
schränkung der Beiträge pro Thema. Will 
man keine Zensur ausüben, hieße das vermut¬ 
lich weniger Themen. Die Veranstalter [CI- 
RA in Genf ((existiert seit 1957), CSL in Mai¬ 
land (seit 1976) und Anarchos Institute in 
Montreal (seit 1982)] haben sich eine solche 
Auswahlrolle nicht angemaßt und ließen je¬ 
den vorher angekündigten Beitrag zu. Ob sich 
dieses anarchistische Prinzip aufrechterhalten 
laßt, ist also der eigentliche Kern der Frage; — 
zugunsten eines befriedigerenden Kongre߬ 
verlaufs würden wir dafür plädieren, daß eine 
Vorauswahl getroffen und überflüssige Bei¬ 
träge abgelehnt werden. Und die gab es in Ve¬ 
nedig: einige zu selbstverständlich und nichts¬ 
sagend, einige zu akademisch und folgenlos, 
andere zu selbstbeweihräuchernd - doch wer 
soll dies vorher entscheiden? Dies zu beurtei¬ 
len und zu kritisieren ist leicht, die andere 
Überlegung wäre doch: wer könnte im Mo¬ 
ment und in welcher Stadt in der BRD über¬ 
haupt ein solches Treffen in der Öffentlichkeit 
durchführen? Da die Antwort auf der Hand 
liegt, geht unser Kompliment nach Italien, wo 
es die italienischen Genossen verstanden,’ein 
solches Treffen trotz (und nicht wegen!) einer 
kommunistischen Stadtverwaltung in Vene¬ 
dig zustande zu bringen. 

Zu den Themen, die wir für die diskussions¬ 
wertesten halten, was nicht heißt, daß wir alle 
Vorträge anhören konnten. 



II. Autoritäre Tendenzen und libertäre Span¬ 
nungen in gegenwärtigen Gesellschaften 
Unter diesem Thema stand der internatio¬ 
nale Anarchisten-Kongreß in Venedig. Wie 
sich anhand der Vorträge zeigt, hätte er auch 
unter dem Motto stehen können: Aufforde¬ 
rung zur Wieder-bzw. Neuaneignung der 
Realität! 


Die Aufforderung dazu zieht sich zumin¬ 
dest durch die Vorträge, die wir zur Grundla¬ 
ge dieses Papiers genommen haben. Die Aus¬ 
wahl ist nicht willkürlich, sondern wurde an¬ 
hand der Veranstaltungen, die von uns be¬ 
sucht wurden, vorgenommen. Sie geben aber 
auch im wesentlichen, eine Sicht aus den me- 
tropolen Ländern wieder. 

Zu Beginn des Kongresses stand das orwell- 
sche >1984< zur Diskussion. Gerade diese The¬ 
matik eignet sich wie kaum eine andere den ei¬ 
genen Realitätsbezug zu überprüfen. Wie ein 
Trommelfeuer prasselt seit über einem Jahr 
aus allen Ecken die Bestätigung auf uns nie¬ 
der, daß der Überwachungsstaat, der >Big 
Brothers existiert und uns alle in seinen Klau¬ 
en hat. 

Bei den Vorträgen zu diesem Thema trat, 
entgegen allen Erwartungen, eine wohltuen¬ 
de Differenzierung zu tage. Die Tendenz zur 
Überwachung und Kontrolle leugnet dabei 
niemand; viel wichtiger jedoch scheint zu sein, 
den Computer von dem ihn umgebenden 
»Mythos« zu befreien, um anhand der ».. 
Analyse einiger Aspekte der >Verwundbarkeit 
der Computergesellschaft<. .die »... soziale 
Ambivalenz der Computer...« aufzuzeigen. 
Diese Ambivalenz unterstreicht einerseits die 
Notwendigkeit einer >Kritik< und gibt ande¬ 
rerseits auch den Rahmen an, in dem diese ge¬ 
leistet werden müßte. Die »... Kritik wird ge¬ 
leitet durch Vernunft angesichts eines Phäno¬ 
mens, das, während es die Gelegenheit zu einer 
libertären Dynamik in der Geschichte offen 
läßt, uns genauso gut einer Welt entgegen ge¬ 
hen läßt, die auf der reinen Logik der Macht 
und des Profits aufgebaut ist.« Es wird dazu 
aufgefordert, die notwendige Kritik zu lei¬ 
sten. Dabei wird unterstellt, daß »...die 
schrecklichen Prophezeihungen. ..«, die über¬ 
all herumgeistern, diese Kritik nicht leisten! 
(Alle Zitate aus: Borillo, Mario: >Bewegen 
wir uns in Richtung eines Computers 
»1984«?<). 

Im Vordergrund der Analyse und Kritik 
steht das Erkennen der Multidimensionalität. 
des >ungeheuren Ausmaßes und der Tiefe< der 
Veränderungen, die in den gegenwärtigen 
Gesellschaften vonstatten gehen bzw. sich an¬ 
bahnen. 







Während Orwell lediglich »... die Bedeutung 
der Kontrolle...« und die »... von Produktion 
und Zerstörung...« vorwegnehmen konnte, 
kommt cs für Libertäre darauf an, >die Proble¬ 
me und Konsequenzen, die ... aus diesen 
Veränderungen hervorgchen< zu erkennen. 

Die gegenwärtige Krise ist von Anarchisten 
als Herausforderung zu verstehen und cs gilt, 
»... eine Theorie und Praxis zu entwickeln, 
(um) diesen Herausforderungen (zu) begeg¬ 
nen.« »(Die anarchistische) Literatur ist die er¬ 
ste, die diese ökologischen, ethischen und insti¬ 
tutioneilen Fragen, wie Gegenseitigkeit, per¬ 
sönliche Zusammenschlüsse (usw) aufwarf', sie 
könnten sorgfältig aufgearbeitet werden, um 
diesen anstehenden Problemen zu begegnen.« 
Wir dürfen uns dabei nicht lediglich »...auf 
die Sprache und Tradition des 19. Jahrhun¬ 
derts. ..« zurückziehen, auch wenn »»... die si¬ 
cherlich während des Kapitalismus innovativ 
und kreativ waren...«. Dies ist viel eher als 
Aufforderung zu verstehen, ihr neue innovati¬ 
ve Kraft abzuringen und sie in Sprache und ei¬ 
nem dem >Post-Industrialismus< angemesse¬ 
nen Sinnzusammenhang zu stellen. Insbeson¬ 
dere der Anarcho-Syndikalismus wird we¬ 
sentlichen tiefgreifenden Veränderungen un¬ 
terworfen, weil ».. .die traditionelle Arbeiter¬ 
klasse, die Fließbänder, (...) die alten Fabri¬ 
ken ... (sich).. .mit der gleichen Zukunft kon¬ 
frontiert (sehen), wie die kleinen Bauern beim 
Aufkommen der Agrarwirtschaft, sogar die 
Facharbeiter und Manager können auf einen 
neuen marginalen Status zurückverbannt wer¬ 
den,...«. Diese tiefgreifenden Veränderun¬ 
gen, sind für Bookchin vergleichbar mit de¬ 
nen, ».. .als sich die Menschen nach der Jäger¬ 
kultur zur Agrikultur niederließen«. Die li¬ 
bertäre Theorie muß auf den neuesten Stand 
gebracht werden, indem »...die neuen 
Schnittpunkte der neuen Fragestellungen in 
Theorie und Praxis...« formuliert werden. 
Ausgangspunkt ist für Bookchin die »libertäre 
Dimension der amerikanischen demokrati¬ 
schen Tradition^ 

Bookchin bezieht sich in seinem Beitrag aus¬ 
drücklich auf amerikanische Verhältnisse. 
Wie weit diese übertragbar sind auf andere 
Regionen, läßt er dabei offen. »Amerikani¬ 
sche Libertäre müssen sich jetzt der anarchisti¬ 
schen Kommunaltradition zuwenden-der Bil¬ 
dung freier Gemeinden - von wo aus Rekon¬ 
struktionen stattfinden müssen, mit den Wur¬ 
zeln in Stadtversammlungen, Nachbarschafts¬ 
treffen und städtischen Ratsversammlungen.« 
(Alle Zitate aus: Bookchin, Murrray: >Anar¬ 
chismus -1984 und danach) 

Einem anderen sehr wichtigen Element der 
Diskussion um >1984< wendete sich John 
Clark zu. Für ihn ist cs ».. .nicht BIG BROT- 
HER, der regiert, sonder GIANT ECONO- 
MI E SIZE B ROTH ER - nämlich die Ware - 
...« Macht ist bei ihm heute >nicht brutal, son¬ 
dern vcrlockend< (vergleiche nachstehenden 
vollständig abgedruckten Vortrag). 

Das FLI-Papier, das ebenfalls in dieser er¬ 
sten Podiumsdiskussion vorgestellt wurde, 
unterstrich die Aufforderung an die Linke, ih¬ 
ren >RealitätsvcrIust< zu erkennen und sich 
die Realität wieder neu anzueignen. Das be¬ 
deutet Abschied zu nehmen von liebgeworde¬ 
nen Vorstellungen und Bedingungen, die je¬ 
doch allesamt aus dem letzten Jahrhundert 
stammen und in der Gegenwart zunehmend 
an Bedeutung verlieren. 

Die Handlungsunfähigkeit der Linken, spe¬ 
ziell der Anarchisten, wird daran festge¬ 
macht, daß »... eine Bewegung, (...) mit dem 


Verfall ihrer Voraussetzungen, an die sie ge¬ 
bunden ist untergeht!... Eine durch ökonomi¬ 
sche Bestimmungen determinierte Linke ver¬ 
fällt mit diesen (...)«. 

Daraus folgt, daß sich »... linke Politik der 
ökonomischen Bestimmung entziehen und all¬ 
gemeiner werden (muß). Allgemeiner in dem 
Sinne, daß sie sich jener Tendenz der Ökono¬ 
mie zuwendet, die das ganze Leben zu durch¬ 
dringen und zu vereinnahmen trachtet.« Die 
Linke muß sich in die Lage setzen, »...ihre 
Voraussetzungen immer neu zu reproduzie¬ 
ren...«, so daß sie »mit deren Veränderung 
nicht (zwangsläufig) untergeht.« Das Papier 
verdeutlichte die anderen Ansätze an einigen 
Punkten, wie z.B. durch den postulierten 
»Abschied von der Arbeiterklasse< als histori¬ 
schem Subjekt, der sich notwendig daraus er¬ 
gibt, daß der tendenzielle Verfall der Lohnar¬ 
beit die Auflösung dieser Klasse bewirkt. Die 
Richtung der Auseinandersetzung wird fol¬ 
gendermaßen formuliert: »Die libertäre Ein¬ 
flußnahme auf linkes Denken muß verstärkt 
jenseits der Zwangs-Arbeitsgesellschaft anset¬ 
zen und sich der Rekonstruktion der sozialen 
Beziehungen zuwenden, um eine Gesellschaft 
denkbar zu machen, die vom Zwang zur 
Lohnarbeit befreit ist. 

Der Weg führt, entgegen der Tradition, von 
der Wissenschaft zur Utopie und zur konkreten 
Entwurfskraft!« (Alle Zitate aus: Hartmann, 
Günter + Haug, Wolfgang/FLI; »Thesen zu 
Auflösung und Verfall der Arbeit und zur Re¬ 
konstruktion linker Politik aus anarchistischer 
Sicht<). 

Abgerundet wurde der BIock-1984 durch 
ein Papier, das sich mit den Grundlagen des 
Orwellschen Romans befaßt. Wichtig ist da¬ 
bei, daß der Titel durch Zensur-Maßnahmen 
statt > 1948<, so bedeutungsschwanger »1984< 
heißt und daß die Grundgedanken eine Welt 
zu erfassen versuchen, die für Orwell real exi¬ 
stierte. Das Moment der »Neuschreibung der 
Geschichte< z.B. fand er realisiert in der 
Überprüfung und Korrektur der Ereignisse 
vom Mai 1937 im spanischen Bürgerkrieg, 
durch die kommunistische Partei. 

Wichtige Momente bei der Analyse des Ro¬ 
mans sind u.a. das Konditionieren des Indivi¬ 
duums durch »Neusprache< und »Doppeldec¬ 
kern die »Omnipotenz und Omnipräsenz der 


Partei, die alles private Leben vereinnahmt 
usw. Insofern fällt es auch leicht, in dem Ro¬ 
man die realexistierenden sozialistischen Län¬ 
der leichter wiederzuerkennen, als den softe- 
ren Totalitarismus, z.B. der McCharty-Ära. 
Der Autor fragt zum Schluß. »... ob uns nicht 
eher >Schöne neue Welt< erwartet anstelle von 
>1984<.« (Zitat aus: Gandini, J.J., »Welcher 
Totalitarismus herrscht 1984?<) 

Die bisher deutlich gewordene Hauptströ¬ 
mung, Auseinandersetzung mit der Realität 
und Neuorientierung, durchzieht auch die Pa¬ 
piere zu der Veranstaltung »»Militantes Prole¬ 
tariat«, worunter die Diskussion über Anar¬ 
cho-Syndikalismus zu verstehen ist. 

Worauf sich in diesem Bereich die Neuo¬ 
rientierung zu beziehen hat, wird deutlich in 
dem Papier von Octavio Alberola. »Um auf 
einen Punkt zu kommen, was die Entwicklung 
von Herrschaft und der Kräfte, die sie bekämp¬ 
fen, angeht, (.. .)(also) zwischen Staat und An¬ 
archie, verstanden als zentrale und sich entge¬ 
gengesetzte Elemente der sozialen Vorstel¬ 
lungskraft, ist es lebenswichtig, über alles, be¬ 
wußt eine kritische Sicht der Dinge zu bewah¬ 
ren, gegründet auf historische Reflexion und 
der objektiven Analyse der Gegenwart unserer 
>Bewegung< und nicht nur eine optimistische 
oder apologetische Sicht der Dinge...«. »Es 
geht nicht mehr länger an, mehr oder weniger 
demagogisch, überzeugt doktrinäre Prinzipien 
zu bejahen; wir müssen versuchen, solche 
Grundsätze zu verstehen, die das Leben in der 
Gesellschaft regieren, um - nach ernsthafter 
Reflexion - neue Wege der Intervention und 
des Handelns zu entdecken. Wege, die nach 
wie vor mit unseren antiautoritären Ideen auf 
einer Linie liegen, aber auch Bezüge zur Wirk¬ 
lichkeit aufweisen .« 

Diese Neuorientierung muß nach Alberolas 
Ansicht auch dann erfolgen, wenn sie sich viel 
schwieriger gestaltet, als bloße Bestätigung 
und Befolgung doktrinärer Haltungen. Die 
Bewegung scheint nicht zuletzt gerade aus 
dieser doktrinären Haltung heraus an den 
Rand der Gesellschaft gedrängt worden zu 
sein. Es scheint, »... mehr Anarchie in den 
verschiedenen existierenden Bewegungen der 
Massen und der radikalen Minderheiten (Öko¬ 
logie, Feminismus etc.) (zu geben) als in den 












militanten Aktivitäten, von dem was übrigge¬ 
blieben ist an organisierter Bewegung.« 

Alberola fordert zur Kritik auf, >an all den 
doktrinären Molotow Cocktails<, »... die nur 
noch existieren können durch Abgeschlossen¬ 
heit und ständige Wiederholung«. Es muß be¬ 
griffen werden, daß heute, nach den vielen 
radikalen Morgen danach<, dem »Gulag-Syn- 
drom<, »... die Idee einer globalen Transfor¬ 
mation der Gesellschaft nervös macht...« und 
daß sich aus diesem Grunde». ..im persönli¬ 
chen Leben mehr Hoffnungen und Leiden¬ 
schaften liegen als im politischen. «VA 

Auch die Werte der Linken sind zerfallen 
oder im Verfall begriffen, teils durch die >Pro- 
bc der Macht<, teils durch »internationale 
Schocks<, speziell in Europa mit seinen vielen 
»sozialistischen Oberhäuptern. Die Öffent¬ 
lichkeit wendet sich verstärkt ».. .einer ande¬ 
ren dominanten Ideologie...« zu, der Wieder¬ 
geburt des Liberalismus (als Hyper-Liberalis¬ 
mus). Und diese Wiedergeburt stellt die Kon¬ 
frontation speziell für Anarchisten dar und 
nicht etwa die ».. .Hegemonie der Sozialde¬ 
mokraten oder des totalitären Kommunis¬ 
mus...« Dieser Neo-Liberalismus verein¬ 
nahmt zunehmend originär anarchistische 
Vorstellungen und ist ...» trotz seines anti¬ 
staatlichen Standpunktes (...) oft (um nicht 
zu sagen immer) das genaue Gegenteil unse¬ 
rer Sensibilität und unserer Ziele und nichts 
anderes als eine ideologische Fassade für eine 
neue, starke klarsehende Rechte.« Zwar wur¬ 
de die Entwicklung demokratischer und liber¬ 
tärer Verhaltensweisen und Sensibilitäten 
vorangetrieben, deren Nutznießer jedoch der 
Neo-Liberalismus ist. Er kann aber auch ge¬ 
nausogut ».. .das trojanische Pferd des faschi¬ 
stischen Totalitarismus sein ...«, wenn es dem 
Kapitalismus nicht gelingt, die Krise zu bewäl¬ 
tigen. 

Daß der Neo-Liberalismus einen solchen Auf¬ 
schwung nehmen kann, ist »...ein Arschtritt 
für den Fortschritt der hundertjährigen Arbei¬ 
terkämpfe und für den größten Teil der Werte 
der Freiheit, die im allgemeinen von der revo¬ 
lutionären Bewegung verteidigt wurden.« Die¬ 
se Ausführungen, werfen ein neues Licht auf 
das Thema »Autoritäre Tendenzen und liber¬ 
täre Spannungen, da der Totalitarismus im 
neuen, bisher zu wenig beachteten Gewand 
daherzukommen scheint. Um dies zu erken¬ 
nen und dem begegnen zu können ist es not¬ 
wendig, ».. .auszubrechen aus der sterilen in¬ 


tellektuellen Rigidität und aus dem armseligen 
und gefährlichen Sektierertum das gerade 
überall angesagt ist im orthodoxen libertären 
Milieu.« (Alle Zitate aus: Alberola, Octavio: 
»Der ideologische und revolutionäre Verfall 
des spanischen Anarcho-Syndikalismus<) 

Auch Daniel Colson nimmt Bezug auf die 
Marginalisierung und den sektiererischen Zu¬ 
stand des Anarchismus bzw. des Anarcho¬ 
syndikalismus wenn er feststellt, daß er sich 
».. .einbringen kann in umfangreiche (!) sozia¬ 
le Bewegungen, die im allgemeinen herausra¬ 
gen und spontan >anarcho-syndikalistisch< 
sind, aber er kann nicht, in seiner Form als 
Programm und ideologischer Bezugspunkt, 
Einfluß auf den Lauf der Geschichte der sozia¬ 
len Kämpfe gewinnen, um lebendige Bewegun¬ 
gen wieder hervorzubringen, vergleichbar mit 
solchen, die ihn mal in’s Leben riefen. »Ob¬ 
wohl der Anarcho-Syndikalismus in den letz¬ 
ten 50 Jahren Bezugspunkt für einen Teil der li¬ 
bertären Bewegung war, gelingt es ihm nicht 
innovativ zu sein! 

Der Anarcho-Syndikalismus scheint heute 
verkommen zu sein, zu >kleinen Aktivisten- 
Zirkeln<, zu einem ideologischen Projekt, 
das den sozialen Kämpfen aufgesetzt werden 
muß. In dieser Form ist er sicherlich nur für 
».. .jene Militanten, die nur für die Idee le¬ 
ben,...« von Nutzen. Verstehen wir jedoch 
Anarqho-Syndikalismus »...als eine prakti¬ 
sche und komplexe Bewegung von sozialen 
Kräften, von sehr verschiedenen Interessen 
und Lebensweisen, welche sich auf diese Art 
und Weise entwickelt haben, indem sie eine so¬ 
ziale Logik der >Nicht-Macht<, der Gegen¬ 
macht, eine reale konkrete Alternative zur 
herrschenden Ordnung, ins Leben riefen«, 
kann er von seiner idealistischen Vision be¬ 
freit, neue Kraft entwickeln. 

Die militanten (hier im spanisch-italieni¬ 
schen Sprachgebrauch benutzt: etwa »aktives 
Mitlied einer Organisation sein<) Strukturen 
innerhalb des Anarcho-Sydikalismus haben 
eine wichtige Rolle, ».. .insofern als sie das 
Erbe der vergangenen Erfahrung lebendig hal¬ 
ten, das die herrschende Ordnung systematisch 
zu unterdrücken versucht im kollektiven Ge¬ 
dächtnis.« 

Die Chance des Anarcho-Syndikalismus 
sieht Colson »...in der Wiederentdeckung 
(des) praktischen und theoretischen Verständ¬ 



nisses von Realität, von (der) Proudhon 
spricht;« die sich orientiert an den tatsächli¬ 
chen Bewegungen und nicht an einem bloßen 
Ideal und der herrschenden Gesellschaft ihre 
eigene Realität entgegenstellt. Es muß ver¬ 
hindert werden, »... daß die Anhäufung und 
Reklamierung vergangener Bewegungen sich 
(...) transformiert in eine nichtssagende und 
rigide Ideologie, in eine Orthodoxie, die in al¬ 
lem am meisten rigide und sektiererisch ist, weil 
es ihr an theoretischem Fassungsvermögen 
mangelt und an Bezügen zu den Kämpfen und 
der Realität der sozialen Widersprüche.« (Alle 
Zitate aus: Colson, Daniel, »Die Zukunft des 
Anarcho-Syndikalismus<) 



Die Absage an die Militanz bzw. die Forde¬ 
rung nach kritischer Revision findet sich auch 
in dem Papier von Andrea Papi, das für die 
Veranstaltung »Welche Revolution verlaßt 
wurde. Eine revolutionäre Strategie zu pro¬ 
klamieren ist dann noch sinnvoll, »...wenn 
das Konzept der Revolution sich von dem Mo¬ 
ment des Aufstandes emanzipiert, mit welchem 
es fast immer in Gedanken von Genossen ver¬ 
knüpft ist. »Aufstand und Revolution sind des¬ 
halb zu trennen, weil... die Revolution (. - ■) 
einen radikalen, unumkehrbaren Druck in der 
gesellschaftlichen, politischen und ökonomi¬ 
schen Struktur (verursacht)«. Aufstand ist 
».. .genauso gewalttätig, wie er auch schnell 
wieder verschwindet.« Außerdem ist eine Re¬ 
volution nicht unbedingt an einen Aufstand 
gebunden. Um die Grundlagen für die Wc- 
sensmerkmale (Irreversibilität [,,Un-Um- 
drehbarkeit“] und Radikalität) einer Revolu¬ 
tion zu legen, ».. .müssen wir uns in Richtung 
des Abschaffens der Legitimierung der Macht 
bewegen, um fähig zu sein, die kulturelle und 
psychologische Grundlage aufzubauen, die es 
uns möglich macht, die Strukturen zu zerstö¬ 
ren, auf denen sich Herrschaft gründet. Entle- 
gitimierung bezeichnet ein Handeln und be¬ 
wegt andere zum Handeln, so als ob die errich¬ 
tete Macht nicht bestehen würde...« Dieses 
entlegitimierende Handeln antizipiert und 
realisiert das »Nachrevolutionäre Morgen'. 

Aufstände dagegen und die reine Kampfan¬ 
sage an die Herrschaft, legitimieren deren re¬ 
pressiven Herrschaftsapparat eher, als daß sie 
ihn zerstören. Sie haben auch kein antizipato- 
risches Moment, sondern bewirken eher das 
Gegenteil, ».. .weil der Vorgang des Aufstan¬ 
des soziale Mechanismen hervorruft, die Ün- 
tertanentum und Unterwerfung gegenüber den 
Führern erzeugen.« Die Unumkehrbarkeit 
der gesellschaftlichen Verhältnisse die eine 
Revolution hervorbringt ist nur verbürgt, 
wenn das Handeln in der Gegenwart bereits 
erfolgt, als ob es Herrschaft nicht gäbe.« 
»...(wir müssen) innerhalb eines Rahmens 
handeln, der die Strukturen der Herrschaft 
ignoriert, und eine Realität planen und aufbau- 
en, die - durch ihre bloße Existenz - zeigt, daß 
Handlung möglich ist außerhalb der Grenzen 
der Herrschaft.« 

Damit verbindet sich die Vorstellung von 
Adrea Papi mit der obengenannten von Col¬ 
son. (Alle Zitate aus: Papi, Andrea, »Welche 
Revolution?<) 









HI. Zur Diskussion um die »Libertäre Päd¬ 
agogik 

Mit Joel Spring, Pädagoge an der Universi¬ 
tät von Cincinnati (USA) war einer der be¬ 
kanntesten Vertreter der libertären Pädago¬ 
gik nach Venedig gekommen. Sein Vortrag 
mußte jedoch alle die enttäuschen, die von 
ihm erwartet hatten, daß er »Erziehung« an 
sich problematisieren würde. Spring scheint 
unter libertärer Erziehung nichts anderes zu 
verstehen, als eine Erziehung, die ohne staat¬ 
liche Kontrolle abläuft. Sein Beitrag setzte 
sich ausschließlich mit der Staatserziehung 
auseinander, die seit dem 19. Jahrhundert 
verstärkt versucht, Kontrolle über die Köpfe 
auszuüben, mit dem Ziel, Menschen zu erzie¬ 
hen, die »bereit und willens sind, für den Staat 
Selbstmord zugehen«, also in den Krieg zu 
ziehen etc. Er zeigte auf, wie die Auswahl des 
Lehrstoffs sich verstärkt auf die nationale Ge¬ 
schichte, die nationale Literatur und Tradi¬ 
tion, die staatlichen Symbole etc. richtete um 
die Identifikation des Bürgers mit »seinem 
Staat« zu creichcn. Das 20. Jahrhundert 
brachte eine Verfeinerung dieser Tendenz, in 
dem cs die Erziehung der höheren Spezialisie¬ 
rung in der Wirtschaft anpassen mußte. D.h. 
insbesondere das FUNKTIONIEREN in der 
Leistungsgesellschaft mußte in die Lehrpläne 
Eingang finden; eine Entwicklung, die weiter 
zur Entfremdung des Individuums führte und 
mit dem Verlust des Selbstbewußtseins ge¬ 
koppelt ist, Selbstachtung, Identität ohne 
Entfremdung sind demzufolge Ziele libertä¬ 
rer Pädagogik bzw. Voraussetzung für die Fä¬ 
higkeit Widerstand zu leisten. 

Assistiert wurde Spring durch den farbigen 
Pädagogen Luis Jones aus New York, wenn 
auch von einem anderen Denkansatz ausge¬ 
hend: Er stellte das US-Schulsysteni als ein 
kolonialistisches dar, das gegen die Gleichbe¬ 
rechtigung der Rassen erzieht und Schwarze 
im Bildungssystem als Eindringlinge klassifi¬ 
ziert. Dieser staatlichen Erziehung geht cs 
heute nicht darum selbständig denkende 
Menschen auszubildcn, sondern um Herr- 
schaftssichcrung. Es wird klassen-und rassen¬ 
spezifisch ausgebildct und damit die soziale 
Stellung vorherbestimmt. Als Ausweg fordert 
er die Überführung der Schule unter die Kon¬ 
trolle der »communities« (Gemeinden, Nach¬ 
barschaften, Stadtteilgruppen), die die Schule 
selbst organisieren und kontrollieren. 

In der anschließenden Diskussion wurde die 
Erziehung als solche nicht hinterfragt, wichtig 
sei nur, daß sie auf freiwilliger Basis geschehe; 
- inwieweit Kinder cinwilligen blieb allerdings 
offen. 

IV. »Soziale Ökologie« als Konzept anarchi¬ 
stischer Ethik und Handlungsanweisung 

Murray Bookchin aus Vermont (USA) be¬ 
schrieb zunächst die ökologische Krise, die im 
Moment beispielsweise zu täglich 1000 Kreb¬ 
stoten in den USA führt (und den staatlich- 
verordneten Rummel um ein paar hundert 
AIDS-Kranke und Schwule in ein anderes, 
bezeichnendes Licht setzt) und die in der Kon¬ 
sequenz die Evolution um einige Millionen 
Jahre rückwärts dreht. Er betont die Fähig¬ 
keit des Kapitalismus zur Reintegration der 
Arbeiterklasse oder zur vollständigen Kon¬ 
trolle der Bevölkerung via Massenmedien und 
Repression. Er bestreitet ihm jedoch die Fä¬ 
higkeit zur Kontrolle der Natur. Ein Gegen¬ 
entwurf, die »Social Ecology«, muß ein Ge¬ 
samtkonzept für Mensch und Natur entwik- 
keln, muß mehr sein als bloßer Umweltschutz 


und wirft nach Bookchin notwendig die Frage 
nach der Herrschaft auf. 

Auch im Marxismus wird diese Problematik 
nicht erkannt; wird die Natur als Ressourcen¬ 
quelle behandelt, die es zu beherrschen gilt. 
Der Mensch degeneriert zum Instrument der 
Produktion und wird gleichzeitig - als abstrak¬ 
ter Mensch - zum Herrscher über die Natur. 
Eine solche Sichtweise, so Bookchin, vergiftet 
das soziale Ideal und schafft notwendig die de¬ 
mokratischen Regeln innerhalb einer Gesell¬ 
schaft ab. Der Sozialismus erschöpft sich nicht 



zufällig in Lenin’s »Elektrifizierungsthese« 


Der Mensch einer (-östlich wie westlichen) 


- hierachischen Gesellschaft interpretiert die¬ 


se Hierarchie in die Natur und erkennt nicht, 
daß Hierarchie für Gesellschaft und Natur 
gleichermaßen Fremdbestimmung bedeutet. 
»Verwertet und ausgebeutet« werden folge¬ 
richtig nicht nur die Ressourcen, sondern 
auch die Frauen oder über die Erziehung 
(Bookchin: »Gift der Zivilisation«) alle Men¬ 
schen. Das hierarchische Denken, das sich im 
Westen auch im »besser als...« manifestiert, 
wird zum Prinzip in Armeen und Fabriken 
und damit zum Instrument der Mächtigen 
über Menschen und Natur. Die Fabrik er¬ 
zeugt Disziplin und es war demzufolge eine Il¬ 
lusion, daß sich Arbeiter unter Fabrikbedin- 
pungen emanzipieren können. »Der Arbeiter 
kommt erst dann zu sich (zu seiner Identität), 
wenn er die Fabrik abstreift.« Bookchin sieht 
deshalb das Ende der Industriegesellschaft für 


notwendig an. 

»Soziale Ökologie« integriert als Gegenent¬ 
wurf den Menschen in die Natur, erkennt die 
innere Logik zwischen Gesellschaft und Natur 
und begreift die Vielfalt als Voraussetzung für 
eine kreative freie Gesellschaft; Spontaneis¬ 
mus und Alternativkultur sind somit mensch¬ 
liche Verhaltens- bzw. Zielvorsteilungen, die 
mit der natürlichen Evolution übereinstim¬ 
men bzw. mit ihr korrespondieren. Bookchin 
sieht ein großes Arbeitsfeld für Anarchisten, 
weil diese neue Politik (der »communities«, 
Dezentralisation, Austausch) durchaus unter 
Zeitdruck steht. Die neuen Technologien läu¬ 
ten eine neue »industrielle Revolution« ein, 
die in den USA bereits im Gange ist und die 
den »Kapitalismus heute zum bloßen Vor¬ 
schein des wirklichen« machen könnte. Hier 
kommt Bookchin aus seinem anderen Ansatz 
zu den gleichen Zustandsanalysen wie das 
FLI-Papier; er sieht die Klassendesintegra¬ 
tion durch die neuen Technologien gefördert 
und so den oppositionellen Charakter, der im 
Klassengegensatz steckte ausgeschaltet. An 
diesem Entscheidungspunkt glaubt er die wei¬ 
test entwickelten Industrieländer bereits an¬ 


gekommen; die Stärke für Widerstand gegen 
eine totalitäre Gesellschaft könnte sich aus 


dem anarchistischen Ideal entwickeln lassen, 


das nicht nur das Proletariat gegen den Kapi¬ 


talismus, sondern die Menschen gegen die 
Herrscher mobilisiert. 

An dieser Stelle verweist Bookchin aus¬ 
drücklich auf die essentielle Rolle des Femi¬ 
nismus, mit dessen Hilfe es gelingen könnte, 
den Anarchismus ins Gefühl der Menschen zu 
bringen. Gelingt es nicht dieser anarchisti¬ 
schen Perspektive in dieser historischen und 
klassenübergreifenden Situation und Krise 
zum Erfolg zu verhelfen, sieht er eine militäri¬ 
sche Lösung für unausweichlich an. 

V. Feminismus und Anarchismus - theoreti¬ 
sche Ansprüche und praktische Schwierigkei¬ 
ten 

Thesen und Impressionen 

Am 27. September stand vormittags das The¬ 
ma Feminismus und Anarchismus< auf der 
Tagesordnung. Wie auch bei vielen anderen 
Themen weckte die zu allgemeine Themen¬ 
stellung verschiedenste Erwartungen an die 
sieben angekündigten Rednerinnen und Red¬ 
ner, die zudem alle an unterschiedlichen 
Aspekten der Beziehung des Feminismus zum 
Anarchismus und der des Anarchismus zum 
Feminismus interessiert waren. So blieben die 
Zuhörerinnen und Zuhörer - so viel schon im 
voraus - meistens unbefriedigt; eine Diskus¬ 
sion blieb in ihren Ansätzen stecken; jede/je¬ 
der zog an einem anderen Strang, beschränkte 
sich auf Statements und ging kaum auf einen 
anderen Beitrag ein. Insgesamt brachte dieser 
Vormittag nur wenig Neues zum Thema und 
war für mich eher ein Spiegelbild der Schwie¬ 
rigkeiten, die Anarchisten trotz aller theoreti¬ 
schen Nähe immer noch mit radikalen Femini- 
stinnen und ihren Positionen haben, und der 
Probleme, denen sich Frauen in anarchisti¬ 
schen Organisationen und Diskussionszusam¬ 
menhängen ausgesetzt sehen. Als »radikale 
Feministinnen< verstehe ich diejenigen, die 
über die Gleichberechtigungsforderungen 
hinausgehen und die patriarchalischen Herr¬ 
schaftsmechanismen bis in die alltäglichsten 
und scheinbar subtilsten gesellschaftlichen 
Strukturen (z.B. Sprache) analysieren und 
kritisieren. Als eine ihrer Vertreterinnen war 
die Amerikanerin Ynestra King in Venedig 
anwesend. 

Die Redebeiträge lassen sich - der Ambiva¬ 
lenz des Themas entsprechend, zwei Gesichts¬ 
punkten zuordnen: 

1) Feminismus und Anarchismus 

Was kann der Feminismus für den Anarchis¬ 
mus bedeuten? Welchen theoretischen und 
praktischen Beitrag vermag er zu leisten? 
Warum ist Anarchismus ohne Feminismus 
nicht mehr denkbar? 

2) Anarchismus und Feminismus 
Welche Rolle spiel(t)en Frauen in den anar¬ 
chistischen Bewegungen? 

Was ist ihr Selbstverständnis? Wird weibliche 
Autonomie akzeptiert? 

Zum ersten Gesichtspunkt faßte Marsha 
Hewitt (USA) einleitend zusammen, daß der 
Feminismus Macht und Dominanz auf der un¬ 
tersten zwischenmenschlichen Ebene auf¬ 
grund der primären psychologischen und phy¬ 
sischen Erfahrung von Frauen in der sie umge¬ 
benden patriarchalischen Gesellschaft weit¬ 
aus tiefgreifender analysiert als dazu der tradi¬ 
tionelle Anarchismus in der Lage ist. Eduardo 
Colombo konnte in seinem Diskussionsbei¬ 
trag hier zwar auf Bakunins »Gott und Staat« 
verweisen, wo die patriarchalische Familie als 









8 


Schule staatlicher Macht bereits benannt 
wird, betonte aber auch den grundlegenden 
Aspekt der Unterdrückung der Frau über die 
Sexualität, den erst der Feminismus in aller 
Deutlichkeit analysiert. Daß diese Korrup¬ 
tion das ganze menschliche Denken, Fühlen, 
Sprechen durchdringt, wollte auch Murray 
Bookchin betont wissen. Für ihn kann sich das 
Ziel des Feminismus daher auch nicht in 
Gleichheit und Gerechtigkeit erschöpfen son¬ 
dern muß die Freiheit als Abschaffung jegli¬ 
cher Form von Dominanz sein. Er greift damit 
bewußt nur die radikale Strömung im Femi¬ 
nismus auf, die eine ungeheure Affinität zum 
Anarchismus besitze. In diese Richtung argu¬ 
mentierte auch Ynestra King (USA), die auf¬ 
grund eines Unfalls leider erst am nächsten 
Tag zu Wort kommen konnte. Für sie ist die 
zentrale Kategorie der Herrschaft die »herr¬ 
schaftliche Okkupation der Sexualität«; folg¬ 
lich propagiert sie eine Form der »sexuellen 
Revolution«, die diese Herrschaft angreift, 
die auch die Kritik von seiten der Lesbierin- 
nen und Homosexuellen einbezieht. Feminis¬ 
mus ist für sie der fortgeschrittenste Ausdruck 
des Anarchismus, als Bewegung gegen die 
Herrschaft in allen Formen. Damit rückt sie 
von einer älteren Position des Feminismus ab, 
die vor allem die gemeinsame Unterdrückung 
von Frauen als das Verbindende gesehen hat. 
Sie betont im Gegenteil die Ungleichheit von 
Frauen, ihre Differenzen - eine Kritik, die in 
den USA vor allem schwarze Frauen einge¬ 
bracht haben. Frauen haben zwar dasselbe 
Ziel, ihre Befreiung - sind aber nicht diesel¬ 
ben ; sie unterscheiden sich vor allem darin, in¬ 
wieweit sie in der Lage sind, das zu tun, was 
Männer bislang Vorleben. Die Frauenunter¬ 
drückung zeigt sich mithin auch im Verhalten 
der Frauen selbst. Ynestra King rückte einen 
weiteren Aspekt in den Blick - Unterdrük- 
kung von Frauen, nicht nur als gesellschaftli¬ 
chen Ausschluß als >Randgruppe< sondern 
viel mehr als gesellschaftliche Unsichtbarma¬ 
chung weiblicher Lebenszusammenhänge, 
Tätigkeiten - die auch Anarchisten erst wie¬ 
der entdecken und neu ernst nehmen müssen. 
Die traditionellen Lebensbereiche von Frau¬ 
en wahrzunehmen, bedeute gleichzeitig eine 
Lokalisierung anarchistischer Konzepte (z.B. 
affinity groups). Besonders wichtig waren ihr 
die Erfahrungen der Frauen von Greenham 
Common, weil sie zeigen, daß solches weibli¬ 
ches Rückbesinnen auf ihre Lebenszusam¬ 
menhänge kein Rückzug in >neue-alte Weib¬ 
lichkeit bedeuten muß; - wie von denen un¬ 



terschoben wird, die deren gesellschaftliche 
Verächtlichmachung teilen. - 

Die Französin Arianne Gransac betonte in 
ihrem Beitrag besonders den Aspekt weibli¬ 
cher Verhaltensweisen als Ausdruck zuneh¬ 
mender sexueller und gesellschaftlicher Un¬ 
terdrückung und will damit zu einer Entmysti¬ 
fizierung weiblichen Verhaltens beitragen. Sie 
greift dabei einerseits ein feministisches 
Selbstverständnis an, das Frauen vor allem als 
Opfer der Männer sieht und sich so immer 
wieder neu nur gemäß der eigenen Frustration 
definiert. Eine solche Haltung verhindere ein 
wirkliches Bewußtsein über eigene weibliche 
Möglichkeiten. Andererseits kritisiert sie, 
daß viele Frauen den Ausweg darin suchen, so 
zu werden wie die Männer. 

Es gehe vielmehr darum, eigene Rollen, eige¬ 
ne Funktionen zu übernehmen. Gransac be- 
zeichnete vor allem die Industrialisierung als 
den historischen Rahmen der weiblichen Ver¬ 
innerlichung machistischer Strukturen. Seit¬ 
her sei die Frau im doppelten Sinne aus »ih¬ 
ren« gesellschaftlichen Bereichen verdrängt. 
Vor der Einbindung in den Produktionspro¬ 
zeß sei Frauen wenigstens noch Haus und Fa¬ 
milie als »ihr« gesellschaftlicher Tätigkeitsbe¬ 
reich geblieben, in dem sie schalten und wal¬ 
ten konnten. Heute könnten sie keine der zu¬ 
geschobenen Rollen mehr richtig ausfüllen 
und orientieren sich daher verstärkt an männ¬ 
lichen Machtstrukturen. Gransac warf auch 
die Frage des tatsächlichen Verhaltens der 
Anarchistinnen auf - ist ihr Anarchafeminis- 
mus nur verbal, auf den Rahmen der Organi¬ 
sation bezogen und reproduzieren sie damit 
die männliche Trennung von offiziellen und 
persönlich privatem Verhalten, oder bedeutet 
es ihnen tatsächlich eine ganzheitliche persön¬ 
liche Haltung. 

An dieser Stelle bietet sich der Übergang 
zum zweiten diskutierten Themenkomplex an 
- der Rolle und Lage der Frauen in den anar¬ 
chistischen Bewegungen. Als erstes der gehal¬ 
tenen Referate überhaupt wies bereits das Pa¬ 
pier der Gruppe deutscher Frauen in diese 
Richtung, die anhand historischer Beispiele 
(Frauen in der Bewegung der Sozialrevolutio¬ 
näre in Rußland, Emma Goldmann) auf die 
Widersprüche und Schwierigkeiten hinwie¬ 
sen, die sich Frauen hier stellen, wenn sie ihre 
eigene Befreiung in den politischen Kampf 
zentral hineinstellen. Besonders ihr Angriff 
auf das Heroinnenbild von Emma Goldmann 
erntete heftigen Protest. Die Ängste, Opfe¬ 
rung persönlicher Wünsche, um in ihrer Zeit 
politisch aktiv sein zu können, ihre daraus im¬ 
mer stärker werdende Einsamkeit mit zuneh¬ 
mendem Alter, wurde vor allem von älteren 
männlichen Zuhörern abgestritten. Die 
Frankfurterinnen hatten in ihrem Papier (sie¬ 
he in dieser Nummer) auch die Frage des fe¬ 
ministischen Separatismus zur Diskussion ge¬ 
stellt, was vor allem von den meisten der an¬ 
wesenden Männern, aber auch von vielen 
Frauen aus den syndikalistischen Organisatio¬ 
nen, dankbar aufgegriffen wurde. Gerade 
daran wurde deutlich, wie schwer es Frauen 
hier immer noch haben. Wenn zum Beispiel 
die Italienerin Rosanna Ambrogetti zu Beginn 
ihres Beitrages deutlichst daraufhinwies, daß 
sie nie Feministin im klassischen Sinne son¬ 
dern immer vor allem Anarchistin gewesen 
sei, daß sie Frauen und Männer vereinigt in ei¬ 
nem Kampf für die Anarchie sieht, daß die an¬ 
archistische Bewegung die Kämpfe der Frau¬ 


en schon vom Anspruch her umfasse, so redu¬ 
zierte sie damit das Problem auf die persönli¬ 
chen Haltungen der Männer, die sich quasi 
von selbst in ihrer bevorteilten Position un¬ 
wohl fühlen müßten. Mir erschien die Art und 
Weise, wie vor allem die südeuropäischen 
Frauen immer wieder jeglichen Separatismus 
von sich wiesen wie ein innerer Rechtferti¬ 
gungszwang gegenüber ihren männlichen Ge¬ 
nossen. Wenn wie von Rosanna Ambrogetti 
behauptet wurde, solche Probleme der Pcr- 
sönlichkeitsaufspaltung, wie bei den Frank¬ 
furterinnen am Beispiel Emma Goldmanns 
beschrieben (die Verdrängung und Ausklam- 
merung der weiblichen Sexualität, des Lebens 
mit Kindern und gleichzeitig die Möglichkeit 
zu politischer Aktivität), stellten sich heute 
für Frauen nicht mehr, dann übersieht sie 
auch die Notwendigkeit, neue Modelle des 
Zusammenlebens außerhalb der Ehe zu ent¬ 
wickeln. Von solchen Erfahrungen berichtete 
Laura Prieto, ein Mitglied der Communidad 
in Schweden, einer Gruppe von Exil-Üru- 
quayern, die dort seit annähernd 30 Jahren in 


einer experimentellen Kommune Zusammen¬ 
leben und u.a. versuchen, viele Funktionen, 
die in traditionell patriarchalische Bezic- 
hungsformen an Frau und Mann unterschied¬ 
lich festgemacht werden, von der Gemein¬ 
schaft aufzufangen. Durch die Gemeinschaft 
z.B. ist die Mutter nicht ans Haus gebunden, 
durch die Gemeinschaft haben Kinder nicht 
den engen Bezugsrahmen einer Kleinfamilie 
und werden nicht zu den typischen Mädchen 
und Jungen erzogen. Laura betonte die Be¬ 
deutung einer veränderten sozialen Struktur 
und Kultur als Basis für gesellschaftliche Ver¬ 
änderung. - Gerade diese Anregung empfin¬ 
de ich im Nachhinein als besonders wichtig. 
Der Anarchismus, wie er sich in Venedig dar¬ 
gestellt hat, krankt - nicht nur in Beziehung 
zum Feminismus - an einer aussgeprägten 
Praxisferne. Was fehlt, sind nicht Thesen oder 
Grundsätze - deren wurden mehr als genug 
formuliert - sondern experimentelle Erfah¬ 
rungen, die Bereitschaft, soziale Experimente 
zu wagen; was fehlt, sind Autorinnen, die ihre 
Beiträge auf deren praktische Anwendung in 
der sozialen Revolutionierung des Alltags hin 
verfassen. Vom Feminismus muß sich der An¬ 
archismus ständig neu befragen lassen, ob er 
die gesellschaftliche Realität von Frauen und 
die sexuelle Herrschaft nicht nur plakativ son¬ 
dern auch praktisch einbezieht. 

★ 



I 





■ ■ 


Wir sind eine Gruppe von Frauen, die sich 
erstmals 1982 im Rahmen einer autonomen 
»Schule für Frauen« trafen. Die Gruppe be¬ 
stand in ihren Anfängen aus ca. 13 Frauen, die 
aus unterschiedlichsten Motivationen heraus, 
sich mit Anarchismus schlechthin auseinan¬ 
dersetzen wollten. Der größte Teil der Grup¬ 
pe war damals in die Auseinandersetzungen 
um die Startbahn 18 West verwickelt. Die Er¬ 
fahrungen der Ohnmacht gegenüber der 
Staatsgewalt motivierte die Frauen, andere 
Wege der politischen Auseinandersetzung zu 
suchen. 

Wir haben uns dem Thema und der Frage 
nach dem Verhältnis zwischen Anarchismus 
und Feminismus genähert, indem wir den Le¬ 
bensweg einiger anarchistischer Frauen ver¬ 
folgt haben. Es handelt sich dabei um Frauen, 
die in eine sehr lebendige anarchistische bzw. 
populistische Bewegung integriert waren, mit 
der sie sich identifizieren und in der sie sich 
wohlfühlen konnten. Dennoch gab es für alle 
Frauen immer wieder einen Bruch in ihrer 
Identität, der aus der Tatsache resultiert, daß 
auch im Anarchismus männlich definierte 
Normen dominieren, auch wenn es immer 
wieder einen Platz für »außergewöhnliche« 
Frauen gab. 

Wir wollen hier die Populistinnen vorstel¬ 
len, insbesondere die Frauen der Narodniki 
und Emma Goldmann, um dann kurz auf un¬ 
sere eigenen Erfahrungen zu kommen. 















10 


Die Bedeutung von Bildung für die Frauen 

Da Wissen und Bildung als Mittel der Befrei¬ 
ung erscheinen, wollen die Frauen daran teil¬ 
haben. Sie wollen nicht länger unwissend sein, 
was gleichgesetzt wird mit Unmündigkeit. Die 
Frauen drängen auf Ausbildung und Schulbe¬ 
such. Ais die Regierung ihnen den Zugang zu 
den Bildungsinstitutionen verweigert, organi¬ 
sieren sie ihre Ausbildung selbst. Die begüter¬ 
ten und priviligierten Frauen unter ihnen 
eröffnen Schulen für arme und unwissende 
Frauen. Das ist der Beginn der »Sonntags¬ 
schulen«. Hier werden von angesehenen Leh¬ 
rern und Professoren, die den Idealismus die¬ 
ser Bewegung teilen, unentgeltlich Kurse or¬ 
ganisiert. Parallel zu den Sonntagsschulen für 
Frauen gibt es auch solche für die Bauern auf 
dem Land und für die Industriearbeiter in der 
Stadt. 

Von Anfang an wirken hier Menschen aus 
ganz verschiedenen sozialen Herkommen zu¬ 
sammen: aufgeklärte Aristokratinnen, aner¬ 
kannte Intellektuelle, davongelaufene junge 
Mädchen, radikale Studenten, Arbeiter und 
Bauern. Auch im Zusammenleben ergeben 
sich für diese Leute (vor allem für die jungen 
Mädchen, Studenten und Arbeiterinnen) 
neue experimentelle Formen. Man lebt in ei¬ 
ner Wohnung zusammen, zunächst aus öko¬ 
nomischen Gründen, später dann aber auch, 
um eine Kommune-ähnliches Leben zu versu¬ 
chen. Es werden Handwerksbetriebe gegrün¬ 
det, die Arbeitsplätze für die in die Stadt strö¬ 
menden Frauenm schaffen sollen. 

Innerhalb der Bewegung fühlen sich die 
Frauen aufgehoben. Ihre Interessen sind die 
der gesamten Bewegung. Trotzdem bestehen 
viele Frauen darauf, auch schon in dieser Zeit, 
eigene Frauengruppen zu bilden, um nicht 
wieder in den Diskussionen von den Männern 
vereinnahmt zu werden. Die freie Sexualität 
ist zu diesem Zeitpunkt kein Diskussionsthe¬ 
ma mehr. Die Frauen sehen ihre Freiheit nicht 
mehr in wechselnden Männerbeziehungen, 
wie es vorher noch als Weg zur Befreiung der 
Frau gesehen wurde. Sie wollen jetzt die Frei¬ 
heit haben, selbständig zu leben. 

An die Stelle von der »freien Sexualität« 
tritt das gleichberechtigte Zusammenleben, 
das asexuelle Verhältnis von Kameraden, die 
wichtige soziale Aufgaben zu erfüllen haben. 

Die Frauen kleiden sich in dieser Zeit be¬ 
tont »unweiblich«. Der »Nihilisten-Look« 
wird modern. Das bedeutet: kurzgeschnittene 
Haare anstelle kunstvoller Frisuren, schwar¬ 
ze, ganz einfache Kleidung, blaue, große Bril¬ 
len. Dazu gehört, daß die jungen Frauen rau¬ 
chen, tintenbekleckste Finger haben und oh¬ 
ne Hut und Begleitung auf die Straße gehen. 
Diese Frauen leben im Umbruch und vollzie¬ 
hen so, oft unter großer physischer Belastung, 
radikale Brüche mit ihrer eigenen Vergangen¬ 
heit. Auf all diese vielen Aktivitäten gibt es 
von der Obrigkeit nur eine Antwort: Repres¬ 
sion. 

Die Sonntagsschulen werden geschlossen, 
die Lehrer, die dort Kurse gegeben haben, aus 
dem staatlichen Schuldienst entlassen und 
sämtliche Petitionen, die um Zulassung der 
Frauen zu höheren Bildungsinstitutionen bit¬ 
ten, abgelehnt. 

Auch die 1861 verkündete Bauernbefrei¬ 
ung erweist sich als äußerst halbherzige Ma߬ 
nahme, die das Elend auf dem Land noch ver¬ 
schärft. In der noch relativ unstrukturierten 
Bewegung macht sich Hoffnungslosigkeit 


breit. Die kurze Zeit des russischen Liberalis¬ 
mus ist zu Ende. 

Von nun an wird die angestrebte Bildung 
neu definiert. Sie soll nicht mehr nur der eige¬ 
nen Selbstbefreiung dienen, die ja fiktiv 
bleibt, wenn sich nicht gleichzeitig die Mög¬ 
lichkeit bietet, ökonomisch unabhängig zu 
werden. Eine Tatsache, zu der die Frauen 
schmerzlich gezwungen werden, sie wahrzu¬ 
nehmen, da es keine Arbeitsplätze für Frauen 
gibt. In diesem verschärften Klima wachsen 
die späteren Narodniki-Frauen heran. 

Die Narodniki-Frauen 

Sie haben keine Hoffnung mehr auf eine Re¬ 
form von oben, sondern suchen von Anfang 
an Kontakt zu den radikaleren Studenten¬ 
gruppen. Sie sehen ihre Ausbildung unter 
dem Aspekt der gesellschaftlichen Nützlich¬ 
keit. Sie wollen »ins Volk gehen«. Eine Paro¬ 
le, die von jetzt an die Leitidee der Jugend 
wird. 

1869 gibt es Frauenkommunen, die eigen¬ 
ständig Leseprogramme aufstellen. Treiben¬ 
de Kraft ist dabei Sofia Perovskaya. Diese 
zum Teil noch sehr jungen Frauen wollen kei¬ 
ne Autoritäten mehr akzeptieren und lesen 
deshalb alles im Original, um sich eine eigene 
Meinung zu bilden. 

Um auch ihre äußere Freiheit zu vergrö¬ 
ßern und um in der Öffentlichkeit nicht belä¬ 
stigt zu werden, ziehen sie Männerkleidung an 
(Stiefel, Hosen, Jackets), lernen Reiten und 
verbringen ihre Zeit allein auf dem Land. Sie 
verhalten sich also so, als ob es für sie wirklich 
keine Autoritäten mehr gäbe. Sie fühlen sich 
dabei wohl und für sie selbst scheint alles mög¬ 
lich zu sein. Viele, gerade auch Männer, be¬ 
wundern sie. 

Im Sommer leben sie auf dem Land, 
manchmal zusammen mit radikalen Studen¬ 
ten, treiben Gymnastik und leben spartanisch 
genügsam. Eine regelrechte Jugendsubkul¬ 
tur. Andere Frauen entschließen sich an Uni¬ 
versitäten ins Ausland zu gehen, die Frauen 
zulassen. Die meisten von ihnen gehen nach 
Zürich. Dieses Exil setzt viele lange Kämpfe 
mit den Eltern voraus und wurde teilweise nur 
durch fiktive Eheschließungen möglich. Be¬ 
stes Beispiel dafür ist Vera Figner. Zwar ist es 
nur eine verschwindend kleine Minderheit, 
die diesen Weg beschreitet, aber ihr Schicksal 
wird aufmerksam von vielen anderen Frauen 
verfolgt. So kommen zur Abfahrt zweier 
Frauen aus Odessa nach Europa mehrere 
hundert Leute an den Hafen, um sie zu verab¬ 
schieden. Auch in Zürich bilden sich wieder 
Frauengemeinschaften, die zusammen studie¬ 
ren und sich gemeinsam politisieren. Sie leben 
in einem intensiven emotionalen Zusammen¬ 
hang, aus dem Männer fast immer ausge¬ 
schlossen sind. 

Ab 1871 gibt es in Rußland gemischte politi¬ 
sche Organisationen, in denen die Frauen al¬ 
lerdings von Anfang an eine sehr große Rolle 
spielen. Die Frauen sind in der Lage, die Wer¬ 
te dieser Gruppen nachhaltig zu bestimmen. 
Sie bestehen darauf, daß das Kriterium für die 
Aufnahme eines neuen Mitglieds seine mora¬ 
lische Integrität sein muß und sie bestehen auf 
absolut demokratischen Strukturen und auf 
dem Prinzip der konsenshaften Entschei¬ 
dungsfindung. Außerdem setzen sie das Ver¬ 
bot von Liebesbeziehungen innerhalb der Or¬ 
ganisation durch, da sie der Meinung sind, 
daß solche Beziehungen das Prinzip der sozia¬ 
len Gerechtigkeit durchbrechen. 


Mit der Gründung dieser Organisationen 
betrachten sich diese Gruppierungen als An¬ 
archisten. Kropotkin schreibt ihnen ihr erstes 
Programm, in dem die Ideen von Lavrov und 
Bakunin und die Erfahrungen der Pariser 
Commune aufgenommen werden. 

1873 ist der große Aufbruch der Studenten 
»ins Volk«. Tausende von Studenten, unter 
ihnen mindestens ein Drittel Frauen,ziehen 
zur Agitation auf’s Land. Viele werden bei ih¬ 
rer Tätigkeit verhaftet, deportiert und ange¬ 
klagt. Manche warten bis zu drei Jahren in 
Isolationshaft auf die Eröffnung ihrer Prozes¬ 
se. Viele werden im Knast verrückt, krank 
oder sterben. 

1874, nach dem offiziellen Verbot der Re¬ 
gierung im Ausland zu studieren und einer 
Diffamierungskampagne gegen Frauen, die 
sich im Ausland aufhalten, kommen die radi- 
kalisierten Studentinnen zurück und schlie¬ 
ßen sich der »Land- und Freiheits-Partei« an. 
Unter dem Eindruck der beginnenenden Ar¬ 
beiterbewegung in Europa, gehen viele Frau¬ 
en in die Fabriken. Auch dabei kommt es wie¬ 
der zu zahlreichen Verhaftungen und die er¬ 
sten großen Prozesse beginnen. Die Verteidi¬ 
gungsreden der angeklagten Frauen machen 
auf die gesamte Öffentlichkeit einen großen 
Eindruck. Man spricht nur von den »Moskau¬ 
er Amazonen«, die gleichzeitig eine Aura von 
»Heiligkeit« bekommen, da sie bereit sind, 
Herkunft, Bildung, Geld und Karriere für die 
Armen zu opfern. 

1876 eröffnen zwei Frauen die Reihe der 
nun beginnenden Attentate. Vera Sassulitsch 
schießt auf den General-Gouverneur von Pe¬ 
tersburg, um die eingekerkerten Kameraden 
zu rächen. Es ist sicherlich kein Zufall, daß ge¬ 
rade zwei Frauen das Attentat planen und 
ausführen. Schon vorher waren Frauen mit ih¬ 
rer Rolle in der Organisation unzufrieden. 
Man hatte sie zum Drucken von Propaganda¬ 
material und zu Gefängnisbesuchen abgc- 
stellt. Sie selbst aber sehen sich in einer we¬ 
sentlich aktiveren Rolle und begehen auto¬ 
nom und ohne größere Absprachen mit der 
Gruppe die Tat. Dennoch wird der jetzt ent¬ 
scheidende Typus des »Terrorist« folgender¬ 
maßen beschrieben: »Am Horizont tauchten 
die Umrisse einer dunklen Figur auf, erleuchtet 
von einer Art höllischer Flamme, eine Erschei¬ 
nung mit stolzem hochgereckten Kinn, und ei¬ 
nem Blick, der Provokation und Rache aus¬ 
strahlte. Durch verängstigte Massen schrei¬ 
tend, betritt der Revolutionär mit stolzem 
Schritt die Geschichtsarena. Er ist wundervoll, 
bewundernswert und unwiderstehlich , denn in 
ihm vereinigen sich die höchsten Formen der 
menschlichen Größe - der Märtyrer und der 
Held.« (Kravchinsky; aus: »Fathers and 
Daughtcrs«, von Cathy Porter). 

1879 wird dann von der Partei »Land und 
Freiheit«, die bisher vor allem Agitation im 
Volk betrieb, der Beschluß gefaßt, den Zaren 
zu ermorden. Die Frauen werden bei der vor¬ 
bereitenden Konferenz ausgeschlossen, da 
die Männer befürchten, daß sie sich diesem 
Beschluß widersetzen werden. Die Frauen 
sind zu diesem Zeitpunkt in der Mehrheit als 
Hebammen, Lehrerinnen. Schuhmacherin- 
nen, Färberinnen oder Inhaberinnen von 4 ee- 
stuben auf dem Land tätig. Aufgrund dieser 
Arbeiten halten die Männer sie für naive 
Träumerinnen, die friedlich irgendwelchen 
Utopien nachhängen. Vera Sassulitsch 
scheint schon wieder vergessen zu sein. E s 
wird der persönliche Mut, mit dem sie die so¬ 
zialen Tabus gebrochen haben, ihe Energie, 






eine Ausbildung zu erwerben und als Frauen 
allein auf dem Land zu leben, übersehen oder 
unterschlagen. Die Frauen werden einfach 
majorisiert und überrollt. Auf der Strecke 
bleiben dabei auch die Organisationselemen¬ 
te, die sie in die Partei eingebracht haben: De¬ 
zentralisierung, Verpflichtung gegenüber den 
Gefangenen, Respekt vor dem Willen der ein¬ 
zelnen Mitglieder, Konsensentscheidungen 
und Rotation. Dafür wird alles nur noch auf 
ein Ziel ausgerichtet: den Zarenmord. Diszi¬ 
plin und totale Hingabe an die Partei sind jetzt 
die Rekrutierungsmerkmale. 

Demgegenüber haben die Frauen eine an¬ 
dere Vorstellung vom Weg der Befreiung. Sie 
identifizieren sich stark mit dem Unglück der 
Bauern und vor allem mit dem der Bäuerin¬ 
nen, Sie haben als Hebamme und Landärztin¬ 
nen gearbeitet und dabei deren Elend miter¬ 
lebt. Ebenso haben sie als Wirtinnen, die 
Trunksucht der Bauern mitansehen müssen. 
Sic sahen die schwere Arbeit, die fehlenden 
Mittel, den Aberglauben und das Leid der 
Frauen mit ihren ewig betrunkenen Männern. 
Die Bauern waren in ihrem Verhalten zu 
Frauen und Kindern nicht anders, als die au¬ 
toritären Väter der Narodniki-Frauen. Auch 
ihre Väter tranken, hurten, schikanierten und 
schlugen ihre Frauen und Töchter und ließen 
ihnen keine Bildung zukommen. Die Nähe 
der Narodniki-Frauen zu den Bauern war 
dichter und emotionaler als das Verhalten, 
das die Männer aus der Organisation zu den 
Bauern hatten. Die Frauen fühlten sich auf 
dem Land wichtig, konnten dort, ganz auf sich 
gestellt, nützliche Arbeit leisten, die sie be¬ 
friedigte. Sic bestimmten dabei den Ort des 
Handelns, Art und Inhalt der Tätigkeit und 
ihr Erfolg war unmittelbar fühlbar. Diese Art 
von Arbeit war konkret, sinnlich erfahrbar 
und schloß die unmittelbare Beziehung von 
Befreiern und »zu Befreienden« ein. Aus die¬ 
sem Kontakt erwuchs den Frauen ein großer 
Teil ihrer Motivation - anders als den Män¬ 
nern, die vielmehr die männliche Herausfor¬ 
derung (Kampf mit der Waffe) des zaristi¬ 
schen Staates annahmen. Die weibliche Art 
des Engagements wird von Männern als naiv 
belächelt und als Überbleibsel des alten Popu¬ 
lismus verspottet. 

Aus einer Art Pflichtgefühl schließen sich 
die Frauen dennoch der neuen Linie an. Sie 
wollen auf jeden Fall eine Spaltung der Orga¬ 
nisation vermeiden. Das Einschwenken der 
Frauen auf die neue Linie hat zur Folge, daß 
sie sich selbst entwerten. Sie haben keine Al¬ 
ternativen und können keine in sich geschlos¬ 
sene Konzeptionen vorlegcn, wie man der za¬ 
ristischen Repression anders begegnen könn¬ 
te. Sie haben nur ihre alten Träume und die 
Erfahrungen auf dem Land, wo sich der Er¬ 
folg tatsächlich sehr langsam eingestellt hatte 
und immer wieder bedroht gewesen war. Da¬ 
gegen scheint die aggressiv formulierte jako¬ 
binische Zentralismusvorstellung erstmals ein 
Mehr an Effektivität zu versprechen. Die 
Frauen haben noch nicht das Selbstbewußts¬ 
ein auf ihre Vergangenheit zu bestehen und 
dir Unbehagen zum Kriterium der Kritik zu 
machen. Zu sehr glauben sie selbst noch an 
die »Rationalität«. So beugen sic sich der 
männlichen Strategie, wenn auch zum Teil un¬ 
ter äußerster psychischer Belastung. 

»Wir wurden gebeten am politischen Kampf 
teilzunehmen , wir wurden in die Stadt gerufen , 
aber wir glaubten , das Dorf braucht uns und 


ohne uns würde es dort noch dunkler werden. 
Die Vernunft sagte uns, daß wir den von unse¬ 
ren Kameraden gewählten Weg gehen müßten, 
als politische Terroristen, erfüllt vom Geist des 
Haders und angestachelt vom Erfolg . Aber un¬ 
sere Herzen sprachen anders .. .und zog es in 
die Welt der Enteigneten« , schrieb sie (Vera 
Figner) und fuhr fort: »Natürlich konnten wir 
damals noch nicht ermessen, daß folgerichtig 
diese Haltung als der Wunsch nach dem reinen 
Leben, nach einer Art von persönlichem Ge¬ 
borgensein definiert werden würde... Aber wir 
verdrängten unsere Gefühle und stellten uns 
mutig an die Seite unserer Kameraden, deren 
politische Instinkte die unseren bestimmen.« 
(Cathy Porter: »Fathers and Daugthers«) 

Und der Erfolg? Zwar wird der Zar 1881 ge¬ 
tötet, aber anstelle der erwarteten Volkserhe¬ 
bung findet eine unerbittliche Jagd auf die Re¬ 
volutionäre statt. Und anders als die früheren 
Gruppierungen ist die zentralistische Struktur 
wunderbar zu infiltrieren. Polizeispitzel zer¬ 
setzen die Partei und damit ist die Bewegung 
endgültig zerschlagen. 

Fazit: 

Spannend am Weg der Narodniki-Frauen ist 
die Tatsache, daß es sich keineswegs um ar¬ 
me, unterdrückte Frauen gehandelt hat, son¬ 
dern um sehr selbstbewußte Frauen, die aner¬ 
kannt, bewundert und akzeptiert worden sind 
und vielen als Vorbild galten. Trotzdem gab 
es einen Punkt, an dem sie sich verloren und 
ihre eigenen Vorstellungen aufgaben, näm¬ 
lich dann, als die Leitfigur der Bewegung nur 
noch männliche Züge trug. 

Um dieses jetzt nicht auf das Problem von 
Frauen und Gewalt zu reduzieren, möchten 
wir noch einmal kurz nach vollziehen, wie es 
einer anderen großen Heroine des Anarchis¬ 
mus ergangen ist, nämlich 

Emma Goldmann 

Auch sie stammt aus Rußland, wo sie 1869 ge¬ 
boren wurde. In ihrer Kindheit hört sie von 
den »Nihilisten« und identifiziert sich mit ih¬ 
nen, da diese gegen Willkür und Tyrannei 
kämpfen. Einen Kampf, den auch Emma ge r 
gen ihren autoritären Vater führt. Die ersten 
Kontakte mit radikalen Gedanken hat sie 
dann in Studentenzirkeln, die sie im Jahre 
1882/83 in Petersburg mit ihrer Schwester fre¬ 
quentiert. Nach der Emigration in die USA 
schließt sie sich, unter dem Eindruck der Chi- 
cagoer Ereignisse, bald der anarchistischen 
Bewegung in New York an. 

Emma Goldmann hat nicht die Chance, ei¬ 
nen Kreis von Frauen zu finden, mit denen sie 
sich zusammen engagieren kann. Sie ist von 
Anfang an in eine männlich dominierte Orga¬ 
nisation integriert, wo es nur eine Möglichkeit 
für sie gibt, nämlich den Unterschied zwi¬ 
schen den Geschlechtern zu verwischen, um 
dem allgemeingültigen Ideal nachzueifern. 
Ein anarchistischer Held zu werden, der be¬ 
reit ist, alles für die »Sache« zu opfern. Dieser 
Held hat nur rein männliche Züge. 

Emma ist sich dieses Konflikts in den ersten 
Jahren noch sehr bewußt (siehe ihre Biogra¬ 
phie »Gelebtes Leben«). Deutlich wird es 
z.B. in ihrer Auseinandersetzung mit Most, 
der führenden Figur im anarchistischen New 
York. Er versucht zunächst in ihr »nur« die 
Frau, das »Weibchen« zu sehen, um diese Sei¬ 
te dann sofort wieder zu negieren, wenn sie als 
»Genossen« Zusammenarbeiten. Zentral in 


ihrem Versuch mit diesem Widerspruch fertig 
zu werden ist dann ihre Entscheidung gegen 
das Kinderkriegen. Obwohl sie einen starken 
Kinderwunsch hat, entschließt sie sich kein 
Kind zu bekommen, da sie sich ganz der »Sa- 











che« widmen will. Dieses Opfer ist für sie 
gleichzusetzen mit einer Feuerprobe. Nach 
diesem Entschluß fühlt sie sich Sascha Berg¬ 
mann, den sie für das Modell des anarchisti¬ 
schen Kämpfers hält, ein wenig ebenbürtiger. 
Ebenso wie sie sich ein Kind wünschte, hat sie 
auch die Sehnsucht nach einer stabilen Bezie¬ 
hung und einem Heim. Alle diese Bedürfnisse 
werden von ihr immer wieder unterdrückt und 
dem Heldentum untergeordnet. Selbst in ih¬ 
rer radikalen Forderung nach freier Sexualität 
fordert sie letztendlich für die Frauen nur die 
selben Freiheiten, wie für die Männer. Für sie 
schließt eine wirkliche Freiheit auch die Mög¬ 
lichkeit von Schwangerschaft und Geburt ein. 
Revolutionär an Emma ist, daß sie für sich tat¬ 
sächlich dieselben Rechte wie die Männer in 
Anspruch nimmt. 

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Der nächste Schritt ist dann, daß sie nur 
noch das Unglück anderer Frauen wahr¬ 
nimmt, aber nicht mehr ihre eigenen Proble¬ 
me thematisiert. Sie setzt sich für unterprivile¬ 
gierte Frauen ein, fordert für diese Abtrei¬ 
bungsmöglichkeiten und verteidigt die Prosti¬ 
tution. Bei diesem Punkt hat sie sich selbst 
wohl ganz vergessen. Sie deklariert, daß die 
Prostitution ehrlicher sei als die Ehe, vergißt 
aber ganz, daß sie zwar in der Lage war, sich 
zweimal zu verheiraten, daß es ihr aber un¬ 
möglich gewesen ist auf »den Strich« zu ge¬ 
hen, als sie es aus finanzieller Not heraus ein¬ 
mal versuchte. Im Kampf für andere Frauen 
entfernt sie sich stückweise von sich selbst und 
ihre Deklarationen sind ohne große Aussage¬ 
fähigkeit. Ähnliche Fehler unterlaufen ihr 
auch in politischen Einschätzungen. So glaubt 
sie z.B. noch im Jahre 1921 daran, daß die rus¬ 
sischen Massen vielleicht - nach den Enttäu¬ 
schungen durch die Bolschewiki - einen neu¬ 
en Aufstand machen würden, jedoch diesmal 
im Namen des Anarchosyndikalismus. Da sie 
sich weigert, ihre eigene physische und psychi¬ 
sche Erschöpfung wahrzunehmen, kann sie 
auch nicht wahrnehmen, wie erschöpft die 
Menschen in Rußland sind, die zunächst nur 
noch ihr Überleben sichern, Ruhe brauchen, 
einen »normalen« Alltag wollen und nicht 
schon wieder kämpfen können. 


Den letzten Schritt vollzieht sie in dem Au¬ 
genblick, als der Widerspruch zwischen dem 
anarchistischen Ideal und ihren gegenläufigen 
Wünschen nicht mehr für sie fühlbar ist. Sie 
entscheidet sich dahingehend, indem sie zur 
Kämpferin für die Sache wird. Uns stellt sie 
sich von diesem Zeitpunkt nur noch als zänki¬ 
sches Streitroß dar, was sich nicht zuletzt in ih¬ 
rer Verachtung gegenüber der sehr weibli¬ 
chen Geliebten von Alexander Bergmann 
ausdrückt. Sie bezahlt diese Auflösung des 
Widerspruchs mit einem sehr hohen Preis, 
nämlich dem Gefühl grenzenloser Einsam¬ 
keit. Solange sie in ihrer Rolle funktioniert, 
die Säle bei ihren Propagandareisen füllt, 
Broschüren verkauft und Geld sammelt, 
scheint für ihre Genossen alles in Ordnung zu 
sein. Wie es ihr persönlich geht, wie verbittert 
sie ist, wie sehr sie sich selbst im Laufe des Äl¬ 
terwerdens als Frau entwertet, interessiert 
niemanden. Es ist allen eher unverständlich 
und man versteht es als »Grillen« einer altern¬ 
den Frau. 

Wir finden, an diesem Punkt wird endgültig 
klar, daß feministische Politik nicht einfach 
bruchlos im Anarchismus aufgeht. Der anar¬ 
chistische Mensch, das Individuum, ist ein 
Mann. Heldinnen sind Frauen nur dann, 
wenn sie sich so weil wie möglich daran annä¬ 
hern. Nach den »Kosten« wird dabei nicht ge¬ 
fragt. Dabei sind diese »Kosten« für Frauen 
unvergleichlich höher, als für die Männer, die 
eben jiäufig noch ein »Privatleben« (siehe 
z.B. Most) haben. Die Männer führen eine 
traditionelle Ehe und lassen ihre Reproduk¬ 
tionsarbeit von der Ehefrau leisten. Diese 
wurde natürlich »für die Sache« jederzeit ver¬ 
lassen. Reizend, wirklich! 

Wobei sich auch hier wieder die Frage 
stellt, welchen Sinn dieser Opfermut eigent¬ 
lich haben soll. Tendenziell ist es eine elitäre 
Vorstellung, denn nur wenige sind (Gott sei 
Dank) bereit, diese Ansprüche zu erfüllen. 
Bei denen, die sich diesem Zwang unterwer¬ 
fen, stellt sich dann aufgrund ihrer eigenen 
verdrängten Wünsche , auf Dauer nur Ver¬ 
achtung denen gegenüber ein, die sich nicht so 
verhalten wie sie selbst. So wird Emma Gold¬ 
mann anderen (weiblichen) Frauen gegen¬ 
über regelrecht frauenfeindlich. Außerdem 
steckt dahinter die Vorstellung, wenn man/ 
frau sich nur genügend anstrengt, guten Wil¬ 
len zeigt und von der »Sache« überzeugt ist, 
dann sind auch Berge zu versetzen. Daß dies 
eine äußerst flache Konzeption ist, braucht 
wohl nicht weiter ausgeführt zu werden. 

Unsere Erfahrungen und Einschätzungen 

Ein wichtiges Merkmal der Frauenbewegung 
ist, daß sie nicht über die inneren Strukturen 
der Frauen, ihre Wünsche und Widerstände 
hinweg, appellativ das Ideal der »neuen Frau« 
aufrichtet, sondern die innere Realität der 
Frauen mit in Betracht zieht. 

Wichtigstes Instrument dafür sind die CR- 
Gruppen, wo sich dann häufig herausstellt, 
daß es große strukturelle Gleichförmigkeit 
gibt, bei äußerlich sehr verschiedenen sozia¬ 
len Realitäten. Es sind eben nicht nur die äu¬ 
ßeren Zwänge oder die bewußte Bösartigkeit 
der Männer, mit denen frau zusammenlebt 
und arbeitet, die eine Frauenbefreiung ver¬ 
hindern, noch ist die Befreiung eine Frage des 
individuellen Durchsetzungsvermögens. Viel¬ 
mehr kann das Aufbrechen von gesellschaftli¬ 
chen bzw. alternativen Normen und das Fin¬ 
den eines eigenen Weges nur kollektiv gesche¬ 
hen. 


Unsere Erfahrungen in gemischten libertä¬ 
ren Gruppen hatten nicht die dramatischen 
Konsequenzen wie bei den Narodniki-Frau- 
en, aber es war doch erstaunlich, auf welche 
vehemente Kritik die Bildung autonomer Zu¬ 
sammenhänge stieß. Einen Widerhall davon 
haben wir in den Fragen gefunden, die uns zu 
dem Thema Anarchismus/Feminismus zuge¬ 
schickt wurden. Sobald sich reine Frauen¬ 
gruppierungen bilden und die Frauen sich in 
diesen weiblichen Zusammenhängen offen¬ 
sichtlich wohlfühlen, taucht prompt der Vor¬ 
wurf auri daß dieses Gefühl nur eine illusionä¬ 
re Verbesserung des weiblichen Lebensge¬ 
fühls sei, das nur durch den Ausstieg aus der 
Realität entstanden ist. Eine derartige Kritik 
kommt niemals, um die gesellschaftlichen 
Machtorganisationen zu kritisieren, wobei 
doch diese Institutionen fast immer reine 
Männerbünde sind. Ihnen Realitätsferne auf¬ 
grund ihrer geschlechtsspezifischen Zusam¬ 
mensetzung zu attestieren, ist außer den Fe- 
ministinnen noch niemanden eingefallen. 
Weibliche Zusammenhänge haben zunächst 
einmal die Funktion, eine beschädigte Identi¬ 
tät zu regenerieren. Hier konstituiert sich 
erstmals eine weibliche Identität, die nur als 
deformiert definiert und zugelassen wird. 

Tatsächlich hat die Frauenbewegung in den 
letzten 15 Jahren in der gesamten westlichen 
Welt ein neues Bild der Frau geschaffen. Das 
bis vor kurzem immer nur individuell gelebte 
Scheitern an der unsichtbaren Geschlechter¬ 
grenze wurde plötzlich als kollektives Schick¬ 
sal begreifbar. Der ewige Selbstzweifel, die 
Vorstellung von der eigenen Mangelhaftigkeit 
ist heute, durch Wahrnehmung als strukturel¬ 
les Problem, auflösbar geworden. Die Pro¬ 
blemlösung erfordert politische Strategien 
und nicht individuelle Anpassung. Diese Ein¬ 
sicht hat bei den Frauen ein enormes Energie¬ 
potential freigesetzt. Es ist kein Zufall, daß 
zum ersten Mal in Deutschland die Mehrzahl 
der Frauen im Alter zwischen 20 und 30 Jah¬ 
ren nicht verheiratet ist. Eine Frau ist jetzt 
auch ohne Mann und Kinder eine vollständige 
Person. Diese Veränderung der gesellschaftli¬ 
chen Stereotypen wurde durch die Durchbre¬ 
chung der Mauer des Schweigens erzeugt, hin¬ 
ter der die Frauen bisher ihre Gefühle und 
Hoffnungen und auch ihr Leid gelebt haben. 
Der Schlachtruf: »Das Private ist politisch«, 
sowohl von öffentlicher Bedeutung als auch 
im Privaten von der öffentlichen Meinung 
durchformt, brachte viele gesellschaftliche 
Bastionen ins Wanken. Verbunden mit diesen 
Aktionen war aber nicht nur die Euphorie der 
Erweiterung, sondern auch enorme psychi¬ 
sche Anstrengungen und Angst. Die durch¬ 
brochenen Tabus waren ja nicht nur äußerli¬ 
che, sondern auch verinnerlichte. Mit dem Er¬ 
folg kommt auch die Angst vor dem Erfolg* 
Mit dem Durchstoßen der Grenze, auch die 
Angst vor dem Raum hinter der Grenze. Im 
Augenblick sind wir damit beschäftigt, den 
Raum und die neu gewonnene Identität mit 
Realität zu füllen. Auch das Innehalten hat 
seinen Platz in einer feministischen Strategie 
und wir wollen uns das Langsamgehen gestat¬ 
ten. 

Zudem hat sich gezeigt, daß die männlichen 
Bastionen nicht wirklich überrannt wurden, 
sondern nur ein wenig zurückgewichen sind. 
Der zähe Guerilla-Kampf zwischen den Ge¬ 
schlechtern ist also weiterhin in Gang! 







iSisilfftM: 

g'SIlMIllilil 


Igjjjjjjl 


•' • ' * ?'$£>& 

Die interessantesten Fragen, die in der Um¬ 
frage gestellt wurden, beziehen sich unzwei¬ 
deutig auf Verhältnisse, wie sie heute vorherr¬ 
schen. Gefragt, ob die Regierung »Lügen und 
irreführende Statistiken benutzt um schlechte 
Nachrichten über Wirtschaft und Lebensqua¬ 
lität zu verschleiern«, drückten nur 40% der 
Amerikaner, 53% der Kanadier und 57% der 
Briten aus, daß sie sich dieser Praktiken be¬ 


wußt sind. Ganze 12% der Deutschen und 
13% der Schweizer halten diesen minimalen 
Bezug zur Realität aufrecht. Eine andere 
nachdrückliche Frage war, »ob die Regierung 
die Menschen dazu drängt, Freiheiten zugun¬ 
sten größerer Sicherheit aufzugeben«. Setzt 
man voraus, daß jede Regierung Menschen 
braucht, die Freiheit gegen ihre Art von »Si¬ 
cherheit« aufgeben, weist eine negative Ant¬ 


wort (auf diese Frage) auf eine bemerkens¬ 
werte ideologische Blindheit hin. Trotz der 
Ausnahme Brasiliens mit 35% (selbst das ist 
erschreckend niedrig), war der Prozentsatz 
der Menschen, die übereinstimmten sehr 
niedrig (6% in der Schweiz bis 12% in Kana¬ 
da). 

Trotz all der Diskussionen über »1984« und 
seine Gefahren, wird es offensichtlich, wenn 










14 


man sich die öffentliche Meinung anhört, daß 
es ein beträchtliches Maß an Selbstzufrieden¬ 
heit gibt, angesichts des beträchtlichen Verlu¬ 
stes an Freiheiten der heutigen Welt. Oder, es 
scheint der Fall zu sein, wenn man sich die tat¬ 
sächlichen Äußerungen der Menschen an¬ 
schaut, daß vielleicht das Ausbleiben der rich¬ 
tigen, orwellschen Antworten darauf zurück¬ 
zuführen, daß der größte Druck auf die Frei¬ 
heiten nicht in klassisch orwellscher Art und 
Weise ausgeübt wird. 


Die heutige Bedeutung von »1984« 

Die hauptsächliche Bedeutung von »1984« 
heute, kann in einem Wort zusammengefaßt 
werden: Geld. Jeder, mit ernsthaftem Interes¬ 
se an den sozio-politischen Implikationen des 
Buches, hat sich schon einmal für einige Zeit 
mit solchen Fragen auseinandergesetzt. Man 
brauchte nicht auf die Ankunft dieses magi¬ 
schen Jahres zu warten um seine Tiefgründig¬ 
keit zu erforschen. 99% der Wissenschaftler, 



Ute Stüver 


»1984« gegen 1984 

Obwohl einige den jüngsten »Mißbrauch« von 
Orwells Roman im Dienste des Antikommu¬ 
nismus beklagen mögen, ist diese Kritik ver¬ 
fehlt. Die Inspiration für dieses Werk ist, vor 
allem, der Stalinismus, und es zeigt hervorra¬ 
gend den monströsen Charakter des totalitä¬ 
ren »sozialistischen« Staates. Versuche, das 
orwellsche Modell auf die westlichen Gesell¬ 
schaften zu beziehen, so daß im Grunde ge¬ 
nommen alles in »orwellschen Farben« er¬ 
scheint, sind albern. Natürlich muß der We¬ 
sten etwas aus »1984« lernen-esist ein großes 
literarisches Werk und es hilft wichtige Berei¬ 
che des menschlichen Daseins zu erhellen. 
Sein Autor versucht jedoch nicht, einen vom 
Weltschicksal bestimmten Entwicklungskurs 
für alle modernen Gesellschaften aufzuzei¬ 
gen. Der große Bruder ist ein treffendes Sym¬ 
bol für autoritäre Herrschaft. Er sollte aber 
nicht als das Sinnbild für Unfreiheit in der mo¬ 
dernen westlichen Welt betrachtet werden. 
Denn in Wirklichkeit hat diese Welt einen an¬ 
deren Despoten der im Moment ein furcht¬ 
barerer Feind ist, bzw. den man mehr fürch¬ 
ten sollte. In der Konsumgesellschaft - die 
vorherrschende Form der »fortschrittlichen« 
Gesellschaft - ist unser Bruder ein weit ange¬ 
nehmerer Kerl als es der Orwells war. Es ist 
die Ware, die über alle anderen Tyrannen 
herrscht (und es gibt andere in unserer Oligar¬ 
chie). »1984« konnten die Menschen durch 
die gelegentliche Raserei orgiastischer politi¬ 
scher Rituale dazu getrieben werden, den gro¬ 
ßen Bruder zu lieben. 1984 (dem Wirklichen), 
fällt es dem großen Bruder nicht schwer unse¬ 
re Zuneigung zu gewinnen. Er ist immer bei 
uns, als das allgegenwärtige Objekt unserer 
Begierde. 


die jedes Gramm Schrecken aus dem Buch 
pressen, haben nie auch nur einer einzigen 
Fußnote aus Orwells politischem Klassiker 
»Hommage to Catalonia« (Mein Katalonien) 
Anerkennung gezollt. Jetzt aber wird das 
Wort »Orwell« in tausenden von Artikeln un¬ 
sterblich gemacht. 

In der realen Welt'ist die Ausbeutung noch 
krasser. Nach John Hurt, dem Star der neue¬ 
sten Filmversion von »1984«, »nähern wir uns 
dem , was der Film beschreibt.« Sein Anhalt¬ 
spunkt für diese denkwürdige Überzeugung 
ist wenig überraschend. » Sehen Sie sich«, sagt 
er, »das Gezänk zwischen Ost und West an.« 
(- im Buch waren die Supermächte in einem 
andauernden Kriegszustand, so kann man 
vielleicht alles unter der allgemeinen Rubrik 
»Gezänk« subsumieren.) Es ist von wenig Be¬ 
lang, ob wir von dieser Tour de Force der hi¬ 
storischen Analyse überwältigt sind oder 
nicht. Das Wichtigste ist, über Orwell, über 
»1984«, über den großen Bruder zu reden. 

Wie Hurt scharfsinnig bemerkt: »Orwell ist 
ein heißes Thema.« Es erübrigt sich zu sagen, 
daß die Werbeindustrie es nicht versäumt hat, 
gebrauch vom Thema »1984« zu machen, um 
Produkte zu verkaufen und für die Ideologie 
der freien Auswahl zu werben (denn, wie uns 
schon 1970 von Toffler in »Future Shock« ge¬ 
sagt wurde, ist das Problem heute nicht ein 
Mangel an Auswahl, sondern das Dillemma 
des Überangebots in der Überflußgesell- 
schaft). 

Ein ausgezeichnetes Beispiel, wie man 
»1984« vermarktet, kommt von »United 
Technologies«, die uns sagen, daß Orwell in 
Bezug auf Technologie falsch lag. Technolo¬ 
gie hat uns nicht versklavt. Sie hat uns befreit. 
Orwell überblickte den.tcchnologischen Fort¬ 
schritt nicht - besonders die Tatsache, daß 
große, teure Computer, kleinen, leicht zu¬ 


gänglichen Maschinen Platz machen würden. 
Er wußte nichts vom Chip, der für die weite 
Verbreitung des Computers gesorgt hat, der 
die Ängste, die aus Orwells Glauben rühren, 
daß die Macht der Computer in den Händen 
einer kleinen Elite liegen könnte, verdrängt. 

Leser des Buches werden bemerken, daß 
diese Aussage selbst ein »Glaube« ist, dessen 
sich der »Gläubige« nicht bewußt war. Denn 
in »1984« wurden Informationen nicht in 
Computern gespeichert, sondern in »weiten 
Lagerräumen, in denen umgeschriebene Do¬ 
kumente aufbewahrt wurden«. Orwell jedoch 
muß bei seinem »Glauben« über den Compu¬ 
ter bleiben, da der Sinn der Anzeige ist, zu zei¬ 
gen, daß er Unrecht hatte. »Der elektronische 
Chip hat jedem der den Horizont und die Klar¬ 
heit seines Denkens erweitern will , die Mög¬ 
lichkeiten des Computers in die Hand gege¬ 
ben.« Was verschwiegen wird in diesem Lo¬ 
blied auf die Maschine, ist das hohe Ausmaß 
an Unfreiheit, das in diesem technologischen 
Fortschritt steckt: die Arbeiter, die sich dem 
Computer anpassen müssen, was immer auch 
ihre Forderungen und Wünsche sind, ganz 
gleich wie er ihre Arbeit zur Routine macht; 
die Studenten, die durch Anweisungen der 
Schulbehörde gezwungen werden zu lernen 
wie man ihn benutzt; die unbewußt gewählten 
Effekte der Technologie, die »den Horizont 
und die Klarheit des Denkens« einschränken. 
Diese Technologie bedroht die Autonomie 
villeicht vor allem dadurch, weil Menschen in 
dieses technologische System als Informa¬ 
tionskonsumenten vereinnahmt werden (und 
sehr wenige sind Informationsproduzenten!). 
Wie Orwells Bildschirm kann auch der Com¬ 
puter kein effektives Kontrollmittel sein, 
wenn er nicht von wenigen monopolisiert 
wird. Das »Network« muß sein Netz natürlich 
so eng wie möglich knüpfen, um die Integra¬ 
tion in das System zu maximieren. 

»United Technologies« (Vereinigte Tech¬ 
nologien), in der Tat! 

Eine noch kraßere Ausbeutung des Themas 
»1984« ist die bekannte Anzeige von Apple 
Computers. In diesem kurzen aber beschwö¬ 
renden Drama sitzen Massen von Zombies 
wie hypnotisiert vor einem gigantischen Bild¬ 
schirm, gefesselt durch das dominierende 
Antlitz des großen Bruders. 

Plötzlich stürmt eine Frau nach vorne, einen 
großen Hammer schwingend. Mit einer spek¬ 
takulären Geste schleudert sie den Hammer 
durch den Saal und zertrümmert den Schirm. 
Die Botschaft: Wir sind nicht mehr in der 
Hand des großen Bruders.. .»Apple Compu¬ 
ters«. 

Aber warum »Apple Computers«? Eine Er¬ 
klärung für die, die es genau wissen wollen: 
Die großen Namen wie »IBM« stehen für >big 
power< (die große Macht), für Manipulation 
und Kontrolle. Der Apfel steht für den »klei¬ 
nen Burschen«, für »small is beautiful«, für in¬ 
dividuelle Freiheit. Das Image des großen 
Bruders und des rebellierenden Individuums 
ist deshalb angebracht. Es repräsentiert den 
kleinen und unabhängigen Unternehmer ge¬ 
gen den zusammengeschlossenen, riesigen 
Trust, und personalisierte Technologie gegen 
totalitäre Megamaschinen. Ob die Firma 
wirklich mehr David als Goliath ist, ob die 
Maschinen wirklich warm und sympathisch 
sind, ist ohne Bedeutung. Denn es werden uns 
zwei gute symbolhafte Gründe aufgezeigt ei¬ 
nen Apple Computer zu kaufen. 









Andere symbolische Zusammenhänge wer¬ 
den jedoch vermieden. Obwohl United Tech¬ 
nologies argumentiert, der Computer würde 
uns in neue Gefilde der Erkenntnis führen, 
darf man vermutlich den Köder Apples nicht 
mit dem biblischen Sündenfall in Verbindung 
bringen, ein Ereignis, das in einem ähnlichen 
Versprechen seinen Anlaß hatte. 

»Wer braucht die Gedaukenpolizei?« oder 
»Was gibts heute Abend?« 

Ozeanien, die Gesellschaft von »1984«, ist ir¬ 
gendwie das direkte Gegenstück der heutigen 
Konsumgesellschaft. Es ist eine Gesellschaft 
des materiellen Mangels, die diesen Zustand 
aufrecht erhält, nicht durch die unaufhörliche 
Expansion der Nachfrage und der Wünsche, 
sondern durch die geplante Einschränkung 
des Angebots, Die Bevölkerung, die um des 
Existenzminimums willen ein serviles Ver¬ 
trauen in den Staat hat, wird entweder durch 
die beständige Aufrechterhaltung eines Ter¬ 
rorzustandes (im Falle der Outer Party), oder 
eines Zustandes der Unwissenheit und der 
Desorganisation (im Falle der Proles), in Ab¬ 
hängigkeit gehalten. Da die sozialen Bedin¬ 
gungen sehr grobschlächtiger Natur sind, ist 
es nicht verwunderlich, daß der Staat in Ter¬ 
ror Zuflucht suchen muß, um die Ordnung un¬ 
ter den Parteimitgliedern aufrecht zu erhal¬ 
ten. Und in Anbetracht des abgrundtiefen Le¬ 
bensstandards, den die zweitklassige Elite ge¬ 
nießt, ist zu vermuten, daß nicht nur unser 
Held Winston, sondern auch die meisten sei¬ 
ner Arbeitskollegen sich danach sehnen, dem 
großen Bruder die Gurgel durchzuschneiden. 

Die Unfähigkeit der Herrscher, wird durch 
ihren naiven Gebrauch des Bildschirms am 
besten illustriert. Er dient primär als Mittel 
zur Überwachung. Während die Menschen 
den Bildschirm betrachten, werden sie nicht 
so sehr durch ihre obsessive Anhänglichkeit, 


sondern durch die Angst, daß er sie dauernd 
beobachtet, kontrolliert. Der große Schlager 
jeder Saison ist »Der Haß«, ein sich wiederho¬ 
lendes Schauspiel, das die boshaften Gefühle 
in dieser Gesellschaft vorübergehend hervor¬ 
ruft. Der Staat scheint nie das Potential der 
elektronischen Medien zur Kontrolle, durch 
positive Einstellung und Abhängigkeit, ent¬ 
deckt zu haben. Tatsächlich wird von den Pro¬ 
les, die den heutigen Massen am meisten glei¬ 
chen, gar nicht verlangt einen Bildschirm zu 
besitzen. So daß Mr Charrington sagen kann: 
»Ich hatte nie einen von den Dingern, zu teu¬ 
er.« 

Großer Bruder, du hast alles kaputt ge¬ 
macht! Die Proles haben bestimmt »1985« re¬ 
voltiert. Kein Zweifel, sie hatten nach einem 
schlechten Fußballspiel genug, tobten durch 
die Straßen und massakrierten die gesamte In¬ 
ner Party, damit sie Wein trinken konnten, 
nicht schlechten Siegesgin, für eine durch¬ 
zechte Nacht. 

1984 ist die Kontrolle viel effektiver. Die ty¬ 
pische amerikanische Familie nutzt ihre Aus¬ 
wahlmöglichkeiten indem sie pro Tag über 
sieben Stunden Fernsehen schaut, wie sie das 
1983 getan hat. Obwohl es 15 Jahre dauerte 
von 5 auf 6 Stunden zu kommen, brauchte 
man für die nächste Steigerung von einer 
Stunde nur 11 Jahre. Wenn diese Steigerungs¬ 
rate beibehalten wird, werden, noch vor der 
Mitte des nächsten Jahrhunderts, 24 Stunden 
pro Tag in die Glotze geschaut. Was anderen 
Aktivitäten wie Arbeiten und Einkäufen, im 
Wege sein dürfte. 

So nachhaltig sind Fernsehbilder in das all¬ 
gemeine Bewußtsein eingedrungen, daß Per¬ 
sonen eine übernatürliche, beispielhafte Qua¬ 
lität annehmen. Während Kinder früher nach 
Lieblingsheiligen, bewunderten historischen 
Persönlichkeiten, oder geliebten Verwandten 
benannt wurden, sind heute die Stars aus Sei¬ 
fenopern die bevorzugten Vorbilder. Die Na¬ 


mensgebung der Kinder war in jeder Kultur 
schon immer ein Ritual, das viel offenbart, 
das die innersten Werte und Sehnsüchte der 
Gesellschaft zeigt. Offensichtlich wünschen 
die heutigen Eltern, daß ihre Töchter an den 
wesentlichen Qualitäten von Heather und 
Monika aus >General Hospitah und Tara aus 
>All my children< teilhaben. 

Fernsehvorbilder dehnen ihre Dominanz in 
jede Sphäre der Existenz aus, ebenso wie die 
Konsumkultur eine morbide Dialektik der 
Entmenschlichung hervorbringt. Einerseits 
entzieht sie Leben aus organischer Kultur und 
aus dem Menschen durch ihren Ersatz von 
vorfabrizierten Vorstellungen für sorgfältig 
durchdachte Formen des Lebens. Sie kreiert 
am Ende ihrer Manipulation eine geisterhafte 
Unperson, einen Untermenschen, ein Wesen, 
das durch Image und »life style« definiert 
wird. Andererseits macht es sich dieses We¬ 
sen, in seiner Pefektion, für seine Zwecke 
dienlich, und präsentiert es dem Konsumen¬ 
ten als idealistisiertes Abbild der Gegenwart. 

Exemplare solcher Medienhelden gibt es 
reichlich - ihre Anzahl ist Legion. Das grotes- 
keste Beispiel ist vielleicht der Rockstar Billy 
Idol. Wie sein Name schon andeutet ist er ein 
Halbgott; Mensch (der weltliche »Billy«) und 
Gottheit (Objekt der Verehrung - »Idol«), 
und erlaubt so die Identifikation mit einer 
Persönlichkeit und dazu erheischt er die gezie¬ 
mende Ehrfurcht für das Spektakuläre. Wie 
gewöhnlich, enthüllt die Vorstellung mehr als 
die Vernunft darstellt, denn jeder (vermutlich 
sogar Rockfans) weiß, daß ein Idol ein fal¬ 
scher Gott ist. So ist die augenscheinliche Ab¬ 
sicht des Rituals beides, sich mit dem Unech¬ 
ten zu identifizieren, und es anzubeten. Noch 
offensichtlicher ist die Bedeutung von »Idol« 
als Image. Es gibt dann eine ironische Ent¬ 
wicklung vom Menschlichen (Billy) zu seiner 
Negation durch das reine Abbild (Idol). Der 





























16 


Inhalt des Image ist nicht weniger entlarvend, 
denn wir finden in Mr Idols Darbietungen ei¬ 
ne Vision von Gewalt, Nekrophilie und tota¬ 
ler Entfremdung. In seinem Video »Dancing 
| with mysclf«, ist unser Held in einer völlig ci- 
; gcnen Welt allein. Die einzigen halbmenschli- 
■ eben Wesen die gezeigt werden, sind Horden 
! zerfetzter, heruntergekommener Kreaturen, 

I die versuchen seinen (vermutlich nachholo- 
j caustischcn) Zufluchtsort zu stürmen, und die 
, Silhouette (ein noch radikaler abgeschwäch- 
1 tes Abbild) einer nackten, angeketteten Frau. 

! In dem Video »White Wedding« schiebt er 
j brutal einen Ring auf den Finger seiner Braut, 
j sodaß sie blutet. Es überrascht nicht, daß Mr 
Idol für seine erniedrigende Darstellung von 
I Frauen, in seinem Trachten nach eindrucks- 
I vollen Bildern, angegriffen wurde. Seine Ant- 
| wort auf Kritik ist, daß er einfach die Ausbeu¬ 
tung der Frauen darstellen will. Vermutlich 
müssen wir die bürgerlich-liberale Ansicht 
übernehmen, daß »Darstellungen« den Zu¬ 
schauer nur erbauen und aufklären, und nicht 
korrumpieren und entmoralisieren sollen. 
Während die elektronischen Medien Kultur 
zur Ware machen, ist das Musikvideo villeicht 
ein Genre, welches diesen Prozeß am besten 
perfektioniert hat. Alle Werte, soziale, politi¬ 
sche, moralische oder geistige, sind brauchba¬ 
re Mittel für die Schaffung stilisierter Bilder 
und oberflächlicher Themen. Was früher mit 
der vielleicht größten Perfektion auf dem Ge¬ 
biet der Modefotographie gemacht wurde, 
wird nun in hohem Maße, und breitem Ein¬ 
fluß auf das Bewußtsein, mit Videos gemacht. 

Einige haben kürzlich das Thema »Revolu¬ 
tion« aufgegriffen. China ist ein beliebtes Ob¬ 
jekt, weil es das kraftvolle Image von wehen¬ 
den roten Fahnen und exotischen Menschen 
bietet. Die stärkste Verzerrung, ist jedoch 
Duran-Duran’s »New moon on Monday«, das 
in einem kommunistisch ausschenden myste¬ 
riösen Land spielt. Die Sänger treten als Re¬ 
volutionäre gegen den autoritären Staat auf, 
verteilen Flugblätter, tragen Fackeln, und sin¬ 
gen einen unverständlichen, aber ohne Zwei¬ 
fel, tiefgründigen symbolischen Text. Die Be¬ 
hörden rufen die Truppen, aber diese bedroh¬ 
lichen Typen sind so eingeschüchtcrt, daß sie 
sich ohne Kampf zerstreuen. Ein Duran 
scheint verwirrter als der andere, durch die 
ganze Kette der Ereignisse. Aber was machts? 
Der Song ist ein Superhit und die Revolution 
braucht keine inneren Zusammenhänge um 
einen wirksamen choreographischen Hinter¬ 
grund zu bilden. 

Was ist »Wahrheit«? 

Eine von Orwells klarsten Einsichten, ist sei¬ 
ne Auffassung über den Zusammenbruch des 
Begriffs der objektiven Wahrheit. Es wäre 
ganz natürlich gewesen die Führer der »Inner 
Party« als ideologische Fanatiker zu präsen- 
! tieren, die bedingungslos ihren Vorstellungen 
| und ihren Vorurteilen verpflichtet sind. Da- 
| durch, daß er dieser Möglichkeit nicht folgte, 
: machte er cs möglich sie als viel authentische- 

' re Repräsentanten des modernen Nihilismus 
darzustellen, (und, wie Nietzsche ausführte, 
ist der moderne Staat ein hervorragender 
Ausdruck des nihilistischen Willens zur 
Macht). Er zeigt die Zersetzung der Ideale 
wie Güte, Wahrheit und Gerechtigkeit in ih¬ 
rer extremsten Form. Wie O’Brien feststellt 
»existiert die Realität im menschlichen Be¬ 
wußtsein und sonst nirgends.« Danach »exi¬ 
stiert nichts, außer durch das menschliche Be¬ 



wußtsein«. Alle Barrieren zur triumphieren¬ 
den Subjektivität sind niedergerissen. Das 
Ego kann sich deshalb ohne moralische oder 
metaphysische Grenzen durchsetzen. 

Die Abschaffung der objektiven Wahrheit, 
im Sinne von objektivem Wert, ist nicht nur ei¬ 
ne Voraussetzung für die autoritäre Gesell¬ 
schaften welcher Macht gleich Recht ist, son¬ 
dern auch für die Konsumgesellschaft, in der 
das Image in Ordnung sein muß. Die einzig 
»objektive« Welt wird zur Welt der »Fakten«, 
zur Welt »der leblosen Materie«, der Produk¬ 
tionsprozesse und Materialtransformationcn 
- das Reich der »Notwendigkeit«, wie es ge¬ 
nannt wurde. Bedeutung und Wert leben in 
ganz verschiedenen Bereichen, dem Bereich 
des Relativen und dem Bereich des Subjekti¬ 
ven. Subjektivität wird so aus der Natur ver¬ 
bannt und die Objektivität aus dem menschli¬ 
chen Geist. 

Aber objektiver Wert verschwindet nicht 
wirklich. Sondern wird in einer total entfrem¬ 
deten Form beibehaltcn. Denn der Produk- 
tonsbcreich beinhaltet nicht nur rein materiel¬ 
le Dinge, sondern auch das Warenimagc der 
Güter, das von intensiv erfahrendem Wert er¬ 
füllt ist. Soweit dieses Image die Illusion der 
objektiven Realität annimmt und Macht über 
das Subjekt erlangt, bleibt objektiver Wrt exi¬ 
stent, aber in einer gänzlich undurchsichtigen, 
mystifiziernden Form. Der Warenfetischis¬ 
mus ermöglicht dadurch die gleichzeitige Auf¬ 
lösung authentischer objektiver Werte und 
die Herrschaft durch illusionäre objektive 
Werte. 

Das Spamland (Das Büchsenfleischland) 

Müßte man ein alles umfassendes Sinnbild für 
die Konsumgütergesellschaft suchen, würde 
die Wahl wohl auf Spam (= Spiced Ham ame¬ 
rikanisches Büchsenfleich) fallen. Spam ge¬ 
lingt es sofort die Produktionskraft der mate¬ 
riellen Transformation und die Vorstellungs¬ 
kraft des Konsumenten zu vereinigen. Es ist 
das treffendste Symbol der Transformation 
von natürlichen Substanzen und Qualitäten in 
Künstliches mit fabriziertem Image. So 
gründlich war diese Umwandlung, daß Kon¬ 
sumenten schon nicht mehr wissen was in der 
Dose ist. Niemand weiß was es wirklich ist. Es 
ist das »Lebensmittel«, und könnte leicht für 
die materia prima des gesamten Universums 



gehalten werden. Wie Thaies (nicht zu ver¬ 
wechseln mit irgendeiner Computersprache 
Thaies) sagen würde, »Alles ist Spam«. 

Es ist jedoch in der Tat richtiges, tierisches 
Protoplasma, das in die Ware Spam umge¬ 
wandelt wurde. Aber obwohl Spam aus der 
Zerstörung lebender Tiere resultiert, hat es 
sich selber wieder ein »nicht-lebendiges« Tier 
Image geschaffen, »das Spam-animal«. Das 
ist ein Image, das von der Hormel Company 
geschaffen wurde um von Konsumenten ge¬ 
liebt zu werden, die dann ihre Zuneigung auf 
das Produkt selbst übertragen können. Un¬ 
glücklicherweise lauern jedoch Gefahren in 
diesem scheinbar harmlosen Konzept. Denn 
wie ein Angestellter der Company bemerkte, 
»wenn wir das Spam-animal zu sehr betonen, 
befürchten die Leute, daß wir es töten und 
dann eindosen.« 

Interessanterweise wird nicht befürchtet, 
daß die Hormel Company richtige Tiere töten 
könnte um sie einzudosen. Weil sie keine ver¬ 
trauten Verbrauchsgüter sind, haben diese 
Viecher keinen Platz in der Welt der Konsu¬ 
menten. (Stadtkinder wachsen auf, ohne sich 
der Tatsache bewußt zu werden, daß Fleisch 
von Tieren kommt und nicht in Fabriken her¬ 
gestellt wird, diese Tatsache dringt nie wirk¬ 
lich in ihr Bewußtsein). 

Auf dem freien Markt der Ideen hört man 
kaum »Aussagen« wie: »Mami, kann ich noch 
ein Stück rekonstruiertes Schweinefleisch ha¬ 
ben?!« - »Natürlich, Jason, Liebling und spül 
cs mit einem Schluck Chemie-Cola hinunter!« 

Nein, die einzig realistische Angst in so ei¬ 
ner Welt ist, daß das in der Vorstellung exi¬ 
stierende Spam-animal in das Produkt zurück¬ 
verwandelt werden könnte, das es hervorge¬ 
bracht hat (sozusagen wie ein Spam zum 
Schlachter geführt werden). Aber die Dialek¬ 
tik der Täuschung geht noch einen Schritt wei¬ 
ter. Unser Angestellter fragt: »Erinnern sic 
sich an Pct Rock?« Natürlich wir erinnern 
uns, aber wenn nicht, so können wir immer 
noch daran erinnert werden, denn in der Welt 
der Bilder wird niemals etwas verloren. In 
»1984« wurde die Vergangenheit ausgelöscht. 
1984 geht alles in die memory banks, da alles 
potentielles Kapital ist. 

Das Pet Rock war ein Haustier, das kein 
Haustier war. Seine Entwicklung ist lehrreich 
Auf den ersten Blick: Ironie einer Sache dem 
alle Qualitäten fehlen, die sie ausmachen. Die 










17 



verborgene Bedeutung: die unorganische 
Qualität unserer Welt - ein erstarrtes Hau¬ 
stier für Plastikmenschcn. Auf den zweiten 
Blick: Ein lustiger Einfall einen Stein wie ein 
Haustier zu behandeln. Die scharfen Kanten 
dieses Steins sind abgeschliffen, eine Absurdi¬ 
tät domestiziert als ein Stück Vertrautheit. 
Drittens: der Herdeninstinkt, da der brave 
Konsument alles annimmt was er sieht oder 
worüber gesprochen wird. Ein neuer Beitrag 
zum üppigen nationalen Abfall. 

Wie können einige Elemente dieser klassi¬ 
schen Schrulle zum Ruhme des Spam wieder¬ 
verwendet werden? »Wir werden dem Spam¬ 
animal einen Käfig bauen!« schlägt unser 
kreativer Verkaufsmanager vor. Der Käfig 
wird natürlich leer sein. Die Logik ist unan¬ 
fechtbar: Wenn das Spam-animal nicht im Kä¬ 
fig ist, kann auch nicht daran gedacht werden, 
daß es geschlachtet und cingcdost wird. So 
kann man seine Treue zu Spam zeigen (Pro¬ 
dukttreue) indem man in seiner Wohnung die 
Abwesenheit des imaginären Spam-animal se¬ 
hen lassen kann. 

Falls jemand das Fortbestehen des Geistes 
im Land der Bilder anzweifeln sollte, diese 
vierfache Negation (die die erbärmlichen dop¬ 
pelten Negationen der alten Dialektiker be¬ 
schämt) ist eine, die von jedem Kind verstan¬ 
den werden kann. Wohl stimmt es, daß einige 
Denkarten in der Konsumgesellschaft ver¬ 
kümmern, aber es trifft auch zu, daß andere 
ausgezeichnet gedeihen. 

Keine orwellsche Welt, das! Dem Käfig für 
das Nicht-Tier gcgenübcrgcstellt wäre der or- 
wellschc Ncusprcchcr sprachlos, oder er wür¬ 
de bestenfalls äußern: »Wo ist das Tier?« Der 
heutige Neudenker erkennt sofort, daß der 
Käfig nicht für Tiere gedacht ist. 


Sex in den Ruinen 

In Ozeanien herrscht eine traditionelle An¬ 
sicht über Sexualität und Fortpflanzung bei 
den Produzenten vor, wenigstens bei den Par¬ 
teimitgliedern. Geschlechtsverkehr dient aus¬ 
schließlich zur Zeugung von Nachwuchs, und 
ist in den Bereich der Pflichten gegenüber 
dem Staat aufgenommen. Lust und Freude 
werden von der Zucht und Ordnung auf der 
das System beruht als subversiv gebrand¬ 
markt. Unterdrückung der Sexualität hat die 
wichtige Funktion Instinktenergie wegzulci- 
ten, die dann in autoritäre politische Hysterie 
transformiert werden kann. Der Prozeß folgt 
ungefähr Reichs Analyse in »Die Massenpsy¬ 
chologie des Dritten Reiches«. In der Sicht 
der politischen Repression wird das Verlan¬ 
gen nach sexueller Betätigung zu einem Akt 
der Rebellion gegen den Staat. 

Die Grenzen dieser Repressionstheorie 
und ihrer Negation wurden vor langer Zeit in 
Marcuses Analyse der repressiven Desubli- 
mierung dargestellt. Wenn sexueller Aus¬ 
druck auf die Erfordernisse des Warenkon¬ 
sums umgeleitet werden kann, kann Sexuali¬ 
tät als subversive Kraft wirkungsvoll neutrali¬ 
siert werden. Das ist es was tatsächlich in un¬ 
serer heutigen Gesellschaft passiert ist, jedoch 
in einem Ausmaß der in Marcuses Schrift 
noch unvorstellbar war. 

Durch Orwell wird auf so eine Lösung hinge¬ 
wiesen, insoweit als die Proles teilweise durch 
die Zugänglichmachung von Pornographie, 
Prostitution etc. kontrolliert werden. Es ist je¬ 
doch nicht ganz klar wie diese Kontrolle funk¬ 
tioniert. Vermutlich üben sie eine gänzlich ne¬ 
gative Funktion aus - indem Instinktenergie 


weggeleitet wird, die in ihrem Fall politisch 
nicht manipuliert wird. Aber die Möglichkeit 
die Instinkte zu nutzen um die Bevölkerung 
besser in das Machtsystem zu integrieren, 
wird nicht untersucht. 

Andererseits wird in der Konsumgesell¬ 
schaft keine Quelle ungenutzt gelassen um 
Kapital anzuhäufen. Geschäftsmänner kön¬ 
nen die Dienste von Prostituierten auf Kredit¬ 
karte in Anspruch nehmen, Kunden von ein¬ 
deutigen Telefongesprächen werden automa¬ 
tisch abkassiert, Pornomagazine wenden sich 
an die untere republikanische Mittelklasse, 
und schlagen guten Gewinn daraus, Playboy, 
Penthouse und ähnliche Zeitschriften haben 
sich schon lange als respektables Big Business 
etabliert. 

Auch auf der Ebene des Individuums gibt es 
ein starkes Gebot, das die Ausbeutung der Se¬ 
xualität fordert. »Sex Appeal« ist für die er¬ 
folgreiche Vermarktung einer Persönlichkeit, 
eines »Image« und eines »erfolgreichen Le¬ 
bensstiles«, unbedingt erforderlich. In der 
Welt der Ware wird das »Selbst« zur Ware, 
und der Körper wird zum wertvollstens Kapi¬ 
tal. Akkumulation von Sex Appeal erfordert 
Investitionen in Fitness Centers, Trainingsge¬ 
rät, Jane-Fonda-Anleitungsbücher, Plastik- 
chirugie, Kosmetik, und eine Anzahl von 
Sportarten und Diätärzten. In »1984« sah sich 
Winston in der Kantine des Wahrheitsmini¬ 
steriums um, und er war schockiert, daß alle 
Menschen so häßlich waren. Die Konsumge¬ 
sellschaft des Jahres 1984 benötigt schöne 
Menschen. Um das richtige Image darzustel¬ 
len, muß man das ric htige »Kapital« mitbrin¬ 
gen - das sich in der Qualität der Waden, Bi¬ 
zeps, Schenkel, Taille etc. berechnen läßt. 
Wenn der Konsument diese Qualitäten ent¬ 
wickelt hat, kann er einige »designer band- 
aids« (3 für 99 Cent) kaufen. Diese originellen 
Waren sind nicht dazu da um Schnitte und 
Kratzer zu heilen, sondern sie sollen helfen, 
die Aufmerksamkeit auf die am besten ent¬ 
wickelten Teile des Körpers zu lenken. Die 
Körper-Politik mag krank sein, aber die Kör¬ 
per-Wirtschaft gedeiht! 

In der autoritären Gesellschaft von »1984« ist 
die »Produktion« von Kindern eine Pflicht ge¬ 
genüber dem Staat, und die Jugend ist einer 
strengen Disziplin und Kontrolle unterworfen 
(Zugehörigkeit zu den Spähern zum Bei¬ 
spiel). In der Konsumgesellschaft gerät die 
»Produktion« von Nachwuchs immer mehr in 
Konflikt mit »dem unabhängigen Lebenstil« 
(das heißt: Abhängigkeit von bis aufs äußerste 
gesteigertem Warenkonsum), der ein ideales 
Selbstimage ist. Das Ergebnis ist eine Abnah¬ 
me der Geburtenrate, außer in den zurückge¬ 
bliebensten und ungebildetsten Schichten, 
und die Tendenz die sehr Jungen und sehr Al¬ 
ten auf die kosteneffektivste und wirkungs¬ 
vollste Art und Weise abzuschieben, woraus 
sich eine minimale Beeinträchtigung der Pro¬ 
duktion und des Konsums ergibt. 

Über die Langzeiteffekte der Unterbrin¬ 
gung kleiner Kinder in Kinderhorten können 
nur Vermutungen angestellt werden. Vermut¬ 
lich wird die Verlagerung des größten Teils 
der frühkindlichen Erfahrungen, weg von der 
Familie, hin zu einer mehr entpersönlichten 
Umgebung, eine weitreichende Bedeutung 
für die Entwicklung der Charakterstruktur 
haben. Der Verfall der engen Beziehungen in¬ 
nerhalb der Familie mag das Absterben der 
patriarchalischen, autoritären Zustaände, die 
von Reich vernichtend kritisiert wurden, si- 










18 



gnalisieren, es kann aber auch die Auflösung 
der entwickelten komplexen Persönlichkeit 
bedeuten, die ihre Blüte (wie verwelkt sie 
auch oft gewesen sein mag) in der bürgerli¬ 
chen Epoche hatte. 

Ein Zeichen für die Abgestumpftheit der 
Konsumgesellschaft ist das Ausmaß an Mi߬ 
handlungen - die von Gleichgültigkeit gegen¬ 
über Bedürfnissen zu Grausamkeiten und ge¬ 
meinen Taten reichen, - die in Institutionen 
wie Kindertagesstätten Vorkommen. Wieweit 
dieser Mißbrauch gehen kann, zeigt sich in 
dem jüngsten, vielpublizierten Fall in Südkali¬ 
fornien (dieser Insel des Bizarren) wo über 
100 Kinder von ihren Aufpassern über Jahre 
hinweg mißbraucht worden sind. Die Kinder 
wurden auf verschiedene Art und Weise mi߬ 
braucht, es wurde Sodomie mit ihnen getrie¬ 
ben und es wurden pornographische Filme mit 
ihnen gedreht. Nachdem vermutlich die Mög¬ 
lichkeiten der Ausbeutung der Kinder im 
Hort ausgeschöpft waren, boten die gerisse¬ 
nen »Unternehmer« Kinder an, die ihre Kun¬ 
den aufsuchten, oder die Kinder wurden in 
Massagesalons gebracht, wo sie von den Kun¬ 
den sexuell mißbraucht wurden. Die Eltern 
der betroffenen Kinder hatten keine AQh- 
nungwasmit ihren Kindern passierte, und we¬ 
nige schienen über die Regelung beunrughigt 
ztu sein, daß sie den Hort tagsüber nicht besu¬ 
chen durften. 

Obwohl allseits verdammt, ist so eine »Un¬ 
ternehmung« ein Modell für den kapitalisti¬ 
schen Grundsatz von der größtmöglichen 
Ausbeutung der Resourcen, denn es erlaubt: 
1) den Eltern auch weiterhin als Produzenten 
und Konsumenten zu funktionieren, unge¬ 
stört von familiären Verpflichtungen; 2) es er¬ 
laubt Kindern ihr Leben als Konsumenten zu 
beginnen, indem sie die Dienste der Kinderta¬ 
gesstätte in Anspruch nehmen; und 3) daß 
Kinder als sexuelle Ware immer wieder be¬ 
nutzt werden können während sie konsumie¬ 
ren, und so dreifach zum Bruttosozialprodukt 
beigetragen wird. 

Politik, Opium für die Massen 
oder: Hart for a Heartless World 

In Ozeanien war Politik abgeschafft. In der 
Konsumgesellschaft ist Politik als authenti¬ 
sche Teilnahme im staatsbürgerlichen Leben 
im Grunde genommen nicht existent; das Po¬ 
litische wird jedoch als wichtiges Element des 
Legitimierungsprozesses beibehalten. Ob¬ 
wohl die Öffentlichkeit das Spiel seit langem 
durchschaut hat, und der Zynismus auch wei¬ 
terhin alle bestehenden politischen Glaubens¬ 
richtungen erodiert, klammern sich die Men¬ 
schen immer noch etwas an einige Überbleib¬ 
sel der politischen Illusion. 

Obwohl die wahre Treue der Massen der 
Ware gilt und nicht dem politischen System, 
macht der amerikanische Staat - genauso wie 
seine Pendants anderswo - einen neuen Ver¬ 
such seine zerstörte Legitimation zu flicken. 
Es erübrigt sich zu sagen, daß das Mittel eine 
neue Politikergeneration, - die als neue ver¬ 
besserte Ware vermarktet werden -, ist. Das 
neueste Produkt in Handelsklasse A, das dem 
politischen Konsumenten angeboten wird, ist 
Gary Hart. Es ist gut bekannt, daß Senator 
Hart versucht hat, einige Aspekte des JFK 
(Kennedy) Image mit einigem Erfolg auf my¬ 
stischer Ebene wiederzuverwerten. Was we¬ 
niger bekannt ist, ist sein ausgezeichneter 
Stammbaum bestehend aus Generationen 


von Imagebewußtsein. Der Name des Sena¬ 
tors leitet sich ursprünglich aus dem Namen 
Eberhard Penz her. Dieser fremde, deutsche 
Name wurde klugerweise amerikanisiert und 
in das akzeptable »Hartpence« verwandelt. 
Aber das war noch immer ein etwas unge¬ 
wöhnlicher Name. Gary selber blieb es über¬ 
lassen, den endgültigen dritten Schritt zu tun, 
und den Namen in Hart zu verkürzen, ein Na¬ 
me der beides, ein edles Tier und den Sitz aller 
Güte in einem Menschen, beschreibt. 

Es paßt ins Bild, daß jemand der solche Ori¬ 
ginalitäten besitzt seinen Reiz auf seine Ver¬ 
pflichtung für neue Ideen aufbaut. Senator 
Hart versichert der Öffentlichkeit, daß er sie 
hat, und viele Anhänger Harts sagen tatsäch¬ 
lich, daß sie ihn deshalb unterstützen, weil er 
diese Ideen hat. Seine Gegenspieler, (beson¬ 
ders Mr Mondale, der «die traditionelle de¬ 
mokratische Koalition« repräsentiert, eine al¬ 
te, verbrauchte aber noch immer nützliche 
Idee) haben nicht versäumt darauf hinzuwei¬ 
sen, daß er erst noch den genauen Inhalt die¬ 
ser Ideen erläutern muß, oder erklären muß 
auf welche Art sie »neu« sind. Das zeigt je¬ 
doch nur ihre hilflose Verwirrung im Hinblick 
auf den Wahlverlauf (wenn ihre Analyse et¬ 
was anderes wäre als ein Computer-Image, 
was es ist). Senator Harts »neue Ideen« zeigen 
in keiner Weise, daß er besondere Konzepte 
im Kopf hat, die irgendwie »neu« wären. Sie 
zeigen eher, daß er das Image einer »Person 
die neue Ideen hat«, haben soll - die Frage 
nach ihrer Existenz ist bestenfalls irrelevant. 
Tatsächlich, könnten große Teile der Öffent¬ 
lichkeit wirklich innovative Konzepte am 
Kandidaten entdecken, würde das zu einer 
Gefahr werden, denn es würde den Prozeß ihn 
als allgemein konsumierbares Produkt zu ver¬ 
kaufen verkomplizieren und behindern. 


Ist das Image von Dauer? 

Da politische Institutionen immer perfekter in 
das Spektakel des Warenkonsums absorbiert 
werden, ist auch das »Recht« dabei eine Me- 
dien-Ware zu werden... Obwohl das Drama 
im Gerichtssaal schon durch Perry Mason zur 
Medienware wurde, hat die Ausbeutung die¬ 
ses Themas mit der Übertragung von echten 
Zeugenaussagen im Barroom-gang Vergewal¬ 
tigungsprozeß in New Bedford, neue Ausma¬ 
ße erreicht. Cable News Network, die stun¬ 
denlang die detaillierten Aussagen, die sich 
mit der Vergewaltigung befaßten, übertru¬ 
gen, verteidigten ihre Entscheidung die Sache 
zu übertragen formell damit, daß es wichtig 
sei die Öffentlichkeit über dieses wichtige 
Thema zu informieren. Mit anderen Worten, 
wird CNN alles bringen, egal wie grauenvoll 
und faszinierend, egal welchen Einfluß es auf 
die Zuschauerzahlen hat, solange es nur die 
Sache der Gutbürgerlichkeit fördert. 

Diese Vergewaltigung des heiligen Rechts¬ 
wesens blieb nicht unkritisiert, was jedoch 
sehr verworren gemacht wurde. Ein Professor 
der angesehenen Annenberg School of Com- 
munication bezeichnete solche Phänomene 
als Schaugerichtsverhandlungen und verglich 
sic mit den Praktiken im stalinistischen Ru߬ 
land, in China und in Iran. Diese typisch or- 
wcllsche Anspielung ist jedoch fehl am Platze, 
denn die traditionell autoritäre Funktion der 
genannten Fälle wird durch die Konsumfunk' 
tion der Mediengerichtsverhandlungen heute, 
über den Haufen geworfen. Der Professor 
bringt die »Schaugerichtsverhandlung« v011 
gestern mit der Gerichtsverhandlung heute, 
durcheinader. 

Wenn uns TV-Gerichtsverhandiungen das 
Image der Gerechtigkeit nahe bringen, stellen 








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w Die andere Art von Touristenunterkünften | 
ist ein Komplex den wir »Immiseration-Inn« | 
nennen würden, eine umgebaute Kommune, 
mit gerade soviel Komfort um die Atmosphä -1 
re mehr exotisch als bedrückend sein zu las- j 
sen. Hier kann der Besucher Bauer spielen, * 
heimelige Unterkünfte bewohnen, hie und da 
mit den Ochsen ausfahren, und sogar einen I 
kurzen Abstecher in die Reisfelder machen. 

Noch bedrohlicher für die Überbleibsel der 
sozialistischen Ideologie ist das wachsende In¬ 
teresse der chinesischen Führung an Wer¬ 
bung. Wie zwei amerikanische Werbemana¬ 
ger erst kürzlich bestätigten: »Sie wollen auf 
die Werbung setzen«. Und in der Tat, das soll¬ 
ten sie auch tun, denn 25 Jahre nach der Revo¬ 
lution wäre es naiv zu glauben, man könnte ei¬ 
ne Billion Menschen durch das Wiederholen 
^verschiedener h ohler Phrasen aus der Mao- 


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Dekadenz im Arbeiterparadies 


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Während die geistigen Werte der Konsum- 
weit in westlichen Gesellschaften schon fest 
verankert sind, infizieren sie auch immer 
mehr den Ostblock, da die Produktion immer 
weiter steigt und der westliche Einfluß in ei¬ 
nem langsamen aber stetigen Infiltrationspro¬ 
zeß weiterwirkt. Symbolisch für diese histori¬ 
sche Tendenz ist die Einführung von »high 
fashion modelling« in Moskau. Kürzlich saß 
die Elite des staatskapitalistischen Regimes 
beisammen und erfreute sich an Wodka-Cola, 
um derselben Parade von geisterhaften Ge¬ 
stalten, wie man es bei uns aus New York, Pa¬ 
ris oder Mailand gewohnt ist, beizuwohnen. 
Obwohl die Mannequins genauso mechanisch 
posierten wie ihre westlichen Pendants, unter¬ 
schieden sich die Modethemen etwas. Wäh¬ 
rend man in New York teure Nachempfindun¬ 
gen der Bekleidung ekuadorischer Bauern, 
von Astronauten oder (Ironie der Ironie) der 
Bag Lady sehen kann, wurde den Moskowi¬ 
tern eine eigene Sorte Kulturvampirismus ge¬ 
boten. Der große Hit der Schau folgte einem 
sozialistischen Thema: Nicht proletarischer 
Realismus, sondern ziemlich elegante, in ho¬ 
hem Maße stilisierte Kleidung die ihre Anstö¬ 
ße aus der Zeit der Oktoberrevolution nahm. 


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Eine andere Kraft die China verändern 
wird, ist die Invasion durch westliche Touri¬ 
sten. Die Volksrepublik investiert gerade 
ganz groß und auf kluge Art und Weise in den 
Tourismus. Es werden den westlichen Besu¬ 
chern zwei Unterkunftsmöglichkeiten ange- 
boten. Eine Art dieser Hotels zeichnet sich 
durch eine Neubaukonstruktion aus, die man 
»Running Dog Hilton« nennen könnte. Ein 
im westlichen Stile hochgezogenes Hotelge¬ 
bäude, in dessen hocheleganter Spitze sich ein 
drehendes Restaurant befindet. So tief beein¬ 
druckt sind die Chinesen von diesem Bau¬ 
werk, daß sie sich angeblich den ganzen Tag 
davor fotographieren. 


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Bibel unter Kontrolle halten. Die sozialisti 
sehen Führer verhielten sich gegenüber dem 
Grundgedanken der kapitalistischen Marke¬ 
tingtechniken reserviert, aber ihre Befürch¬ 
tungen wurden schnell ausgeräumt. Die Ma¬ 
nager berichteten: »Sie fragten uns >Lügt die 
Werbung?< - Wir hatten gute Antworten, und 
die Chinesen akzeptierten sie!« 

Vermutlich haben die Eliten in Ost und 
West eine gemeinsame Grundlage gefunden: 
Die Arbeit ist es, die wirksam ist. (The truth is 
that works). 




















































20 


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Die kranke Gesellschaft 

In Ozeanien gab cs Angst, Haß und Schmerz, 
aber cs gab keine emotionelle Wünsche, keine 
großen schwerwiegenden Sorgen. Heute stel¬ 
len wir einen ähnlichen Verlust an Komplexi¬ 
tät dder Gefühle fest, aber cinhergchcnd mit 
dem auch ein Verlust an Intensität der Gefüh¬ 
le, woran sogar in Orwclls Dystöpia fcstgehal- 
ten wurde. Anstatt auf Angst, Haß und 
Schmerz stoßen wir zunehmend auf Beklem¬ 
mung, Ärger und Unbehagen. Das Leben 
wird als Last empfunden, aber nicht wegen 
der Tyrannei und Ungerechtigkeit unserer 
Existenz. Sondern weil die »Lebenshaltungs¬ 
kosten« zu hoch erscheinen. Der Aktienindex 
in den roten Zahlen ist. 

Eigenartig, je mehr »Lebensstil« floriert, 
eine desto geringere Bedeutung hat »Leben«. 
Eine Selbstmordepidemie ist zum Beispiel un¬ 
ter den Teenagern der Avantgarde der Kon¬ 
sumgesellschaft, ausgebrochen. Die Selbst¬ 
mordrate ist innerhalb nur einer Dekade, un¬ 
ter Jugendlichen umm 50% gestiegen. Vor al¬ 
lem in den Stadtrandbezirken, den fortge¬ 
schrittenen Sektoren der modernen Gesell¬ 
schaft zeigen sich schockierende Ausbrüche. 
In einem einzigen Vorort von Dallas töteten 
sich sieben Teenager in einem Jahr. In einem 
Vorort in Nordkalifornien zwölf. In einem 
Fall ging ein Kind diesen Weg, weil es schwere 
Depressionen bekam, nachdem es erfahren 
hatte, daß cs für einige Jahre eine Zahnspange 
tragen müsse. Nicht mehr zu existieren, war 
vermutlich wünschenswerter als nicht mehr 
dem richtigen Image zu entsprechen. Ob diese 
Meldung stimmt oder nicht, es gibt sicher eine 
tiefe Krise die aus dem Anwachsen narzisti- 
scher Persönlichkeitsstrukturen erwächst. Ei¬ 
ne steigende Anzahl von Menschen ist unfä¬ 
hig, eine sinnvolle Zukunft, für die es wert ist 
sich einzusetzen, zu planen oder sie sich gar 
nur vorzustellen, und sic bleiben in einer im¬ 
mer gleichen Gegenwart passiven und un¬ 
kreativen Konsums gefangen. 

Ganz auf der Linie mit dem Anwachsen sol¬ 
cher Probleme liegt ein populäres Modell der 
modernen Welt, das man als »therapeutische 
Gesellschaft« beschreiben könnte. Dieses 
Konzept enthält eine Teilwahrheit, denn viele 
Insitutionen wurden schon mit Hilfe dieser 
therapeutischen Perspektive umgeformt. In¬ 
folgedessen machen Gefängnisse als Mittel 
vergeltender Gerechtigkeit oder sogar als 
pragmatisches Instrument um positiven Ein¬ 
fluß auf soziale Probleme zu gewinnen, mehr 
und mehr einer therapeutischen Behandlung 
Fchlgelcitetcr platz. Das ist nur ein Aspekt ei¬ 
nes generellen Trends. Da die Gesellschaft 
fortschreitend in eine Ansammlung atomisier- 
ter, egoistischer Konsumenten zerfällt, pro¬ 
duziert jedes Element der entfremdeten Per¬ 
sönlichkeit Horden von therapeutischen Ex¬ 
perten, die die Öffentlichkeit mit Handbü¬ 
chern, Anleitungen, Tonbändern, Videos, 
Kursen, Gruppen, Sitzungen etc. über¬ 
schwemmen. 

Alles wird zur Technik. Ein »Schlafexpcr- 
te« wurde kürzlich von einem Fcrnsehjourna- 
listcn gefragt: »Sollten wir Schlaf als natürliche 
Funktion betrachten, oder als Fähigkeit, die er¬ 
lernt werden kann?« Man wundert sich in der 
Tat. 

Jedoch, Therapie ist nicht alles, und das 
fragliche Modell ist fehlerhaft. Therapie ist 
nur ein, obgleich beherrschender Aspekt des 
Produzenten- und Konsumentensektors. Es 



ist nur noch eine Ware, die darauf abzielt die 
immer größer werdenden Bedürfnisse und 
Wünsche zu befriedigen, die von der Konsum¬ 



gesellschaft hervorgerufen werden. Genau 
wie jedes Organ, jedes Gewebe und sogar jede 
Zelle von der Heilmittelindustrie ausgebeutet 



wird, so wird auch jede Depression der Psyche 
vom Therapiegewerbe ausgebeutet werden. 
Und in dem Maße wie war entfremdete, aber 
zur gleichen Zeit narzistischc und zügellose 
Konsumenten produzieren, schaffen wir den 
idealen Kunden für diese wachsende Indu¬ 
strie. 


Das Ende der Geschichte 

Die vielleicht auffallendste Parallele zwischen 
der Gesellschaft in »1984« und der Konsum¬ 
gesellschaft besteht darin, daß beide danach 
streben Geschichte zu eliminieren. In »1984« 
hörte Geschichte auf zu existieren. Es gibt 
sonst nichts als eine endlose Gegenwart in 
welcher die Partei immer Recht hat. In 1984 
kommt Geschichte tatsächlich zu einem En¬ 
de. Das ist auch das Schicksal, das der westli¬ 
chen Gesellschaft droht und das mögliche 
Schicksal all jener die unter ihre Herrschaft 
geraten. Mit Beginn der jüdisch-christlichen, 
eschatologischen Vision wurde der Westen ei¬ 
ne historische Zivilisation. Geschichtliche 
Zeitspannen waren schon immer der Rahmen 
in denen unendliches Schicksal sich selbst ent¬ 
wickeln konnte, ob man sich das Schicksal nun 
als Bekehrung aller Völker zum Christentum 
verstellte, der Triumph der Zivilisation über 
Grausamkeit und Barbarei, oder die Errich¬ 
tung des Weltkommunismus. Diese histori¬ 
sche Bewegung wird zweifellos zu einem Ende 
kommen, da das Kapital an seine Grenzen an¬ 
gelangt ist. In der »entwickelten« Welt be¬ 
steht Übereinstimmung darüber, daß Produk¬ 
tion und Warenkonsum das Maß aller Dinge 

für die Menschheit sind. Konsequenterweise 

gibt es in den »fortgeschrittenen« Gesellschaf¬ 
ten keine außerordentlichen oder idealen 
Maßstäbe mit denen man historische Bewe¬ 
gungen oder sogar den Wert bestimmter Le¬ 
bensformen beurteilen könnte. Wir müssen 
auf das Erwachen der Einsicht warten,; daß 
sich unter der Maske des »Wirtschaftswachs¬ 
tums« eine immer wiederkehrende Sache ver¬ 
steckt. Wir stehen am Anfang einer neuen zy¬ 
klischen Zeit der die mystischen Dimensionen 
von primitiver Zeitlichkeit fehlen. Wir bclin- 
den uns in einer »endlosen Gegenwart«. in der 
nicht die Partei, sondern die Ware immer 
Recht hat. 

Das Ende der Menschheit 

Vielleicht ist es nicht nur die Geschichte, son¬ 
dern die Menschheit selber, die entbehrlich 
geworden ist. Vermutlich, da das Selbst im¬ 
mer schattenhafter wird in dieser Welt des 
Image, können wir schließlich vollkommen 
verschwinden. Die Technologie in jedem Fall, 
ist bereit in diese Bresche zu springen. Man 
kann sich schon eine Wohnung in nicht allzu 
ferner Zukunft vorstellen. Das beruhigende 
Geräusch des Fernsehgeräts im Raum zeigt 
an, daß die besten Sendungen zuverlässig auf- 
gezeichnet werden. Der Computer-Terminal 
ist eingeschaltet und bringt die neuesten 
Nachrichten, aufgelockert durch Sonderange¬ 
bote der führenden Kaufhäuser. Unser g c ' 
brauchsfreundlicher Computer ist so P ro ‘ 
grammiert, daß er automatisch bestimmte 
Produkte zu eingespeicherten Preisen bestellt 
und Nachrichten von besonderem Interesse 
ausdruckt. Der Anrufbeantworter ist immd 
bereit seine witzige Phrase zu wiederholen, 
daß niemand daheim sei und nimmt alle au 
Tonband gespeicherten Anrufe auf, mit de¬ 
nen er bombardiert wird. Alle Programme un¬ 
serer Waschmaschine und unseres Trockners 
sind eingegeben, der Herd, oder noch besser 
unser Mikrowellenherd, bereitet mit vorbe¬ 
dachter Perfektion unsere abgepackten um 
denaturierten Lebensmittel zu. Es ist natu 1 ' 
lieh ein Herd, der sich selbst reinigt. Wäh¬ 
renddessen pulsiert die Digitaluhr gesichtlos 
weiter. 



T 








21 



Das Ende des Denkens 


Die Neusprachc in »1984« wurde geschaffen, 
um die Möglichkeiten des Denkens durch ei¬ 
nen kontinuierlichen Prozeß der Vereinfa¬ 
chung und Eliminierung von Wortschatz, cin- 
zuengen. Heute werden die Möglichkeiten 
des Denkens nicht so sehr eingeengt, sondern 
umgclcitet. Der Wortschatz wird regelmäßig 
vergrößert, vor allem im technischen Bereich, 
mit Terminologie, die benötigt wird um mit 
dem Prozeß der Warenproduktion schritt zu 
halten. Auf der anderen Seite beginnen Den¬ 
karten und die Vielfalt des Ausdrucks zu ver¬ 
schwinden, da sic den Erfordernissen der 
technologischen Gesellschaft und Konsumg- 
sellschaft nicht mehr entsprochen. Zum Bei¬ 
spiel arbeiten die Massenmedien und das Er- 
zichungswcsen daran, lokale und kulturelle 
Vielfalt zu zerstören, was zu Konflikten mit 
dominierenden Werten führt. Deshalb gab es 
einen Prozeß der Homogenisierung und Stan¬ 
dardisierung des Denkens und der Sprache, 
obwohl innerhalb dieser Grenzen gleichzeitig 
eine Ausdehnung und Umgestaltung stattge¬ 
funden hat. 

Die Psychologie des Glaubens hat sich da¬ 
hingehend verändert. Orwells Zwiedenken 
erforderte ein gewisses Maß an geistiger Dis¬ 
ziplin, da man zwei gegensätzliche Meinungen 
haben mußte, von denen man wußte, daß die 
eine das Gegenteil der anderen war. Diese 
Klarheit und Vorsätzlichkeit, die einem Ter- 
tullian zur Ehre gereicht hätte, gibt es heute 
nicht mehr. Obgleich von den Menschen er¬ 
wartet wird, daß sic ideologische Prinzipien 
akzeptieren, sind sic sich selten irgendwelcher 
Konflikte zwischen den verschiedenen Glau- 
bensätzen, oder zwischen diesem und jenem 
Erfahrungsgcbict, bewußt. Eine unbestimmte 


und verworrene Anhänglichkeit an amorphe 
Glaubensätzc wird erwartet. Darüber hinaus 
ist die Chance irgendeines bestimmten Glau¬ 
bens oder eines Glaubcnskonglomerats zur 
Gefahr für die Ordnung der Dinge zu werden, 
immer geringer, da die »Informationsgesell¬ 
schaft« den Geist mit einem endlosen Wust an 
unzusammenhängenden und unanalysierten 
Daten überflutet. 

Die immerwährende Bedeutung von »1984« 

Da ich bis jetzt viel gesprochen habe, wie sich 
Buch und heutige westliche Gesellschaft un¬ 
terscheiden, fühle ich mich zum Abschluß ver¬ 
pflichtet, ein paar Worte über die Tiefgrün¬ 
digkeit und Bedeutung des Werkes zu sagen. 
Ich möchte deshalb auf den Abschnitt des Bu¬ 
ches hinweisen, von dem ich glaube, daß er 
der beste ist. Fast am Ende des Buches sagt 
O’Brien, daß es jedermann völlig klar ist wie 
die Partei regiert. Die bedeutsamere und her¬ 
ausfordernde Frage ist jedoch: warum . 

Er stellt folgende Frage an Winston: »War¬ 
um sollten wir Macht wollen?« Winston erwi¬ 
dert darauf: Ihr regiert zu unserem Wohlerge¬ 
hen... Ihr glaubt, daß Menschen nicht fähig 
sind sich selbst zu regieren, und deshalb-« an 
dieser Stelle bekommt er einen sehr starken, 
schmerzhaften Elektroschock, weil er eine so 
alberne Antwort gibt. 

O’Brien erklärt, »die Partei suche Macht 
nur um der Macht willen.« Was erstrebt wird 
ist nicht Macht in irgendeiner Form, sondern 
die reine, bedingungslose, uneingeschränkte 
Macht Das Individuum muß in seinem Stre¬ 
ben nach Macht scheitern. Alle Menschen 
werden alt, sterben und verfallen. Der ganze 
Versuch ist deshalb zum Scheitern verurteilt. 
Aber wenn cs jemand schafft, »sich völlig zu 
unterwerfen, wenn es einer schafft seiner Iden¬ 
tität zu entfliehen , wenn es ihm gelingt total in 
der Partei aufzugehen, so daß er selbst zur Par¬ 
tei wird, dann ist er allmächtig und unsterb¬ 
lich. « Dann hat Macht wieder Sinn, besonders 
weil ihre reinste Form erreicht ist - nicht nur 
Macht über Dinge, sondern vor allem Macht 

über den Geist. . 

Orwell gibt uns so einen scharfsichtigen 
Einblick in die Psychologie des autoritären 
Denkens, aber was noch wichtiger ist, er be¬ 
rührt einige allumfassende Gesichtspunkte im 
Leben der modernen Menschheit . Tatsächlich 
weist er auf einige wesentliche Eigenschaften 
von Zivilisation selbst hin. Denn wenn m ei¬ 
ner autoritären Gesellschaft die Elite von der 
Gier nach Macht getrieben wird, was sie aus 
ihren Grenzen und aus der Moral erhebt, so 
ist das identisch mit der Geschichte der Zivili¬ 
sation. Das ist gleichzeitig auch die Wahrheit 
der Konsumgesellschaft. Die Ware, die zur 
Rechtfertigung der Person als Konsument 
wird, ist nicht nur Objekt, sondern auch Ima¬ 
ge. Der Konsument kauft nicht nur eine An¬ 
sammlung von Produkten, sondern er erwirbt 
dadurch auch ein bestimmtes Waren-Image, 
die eine bestimmte Sache repräsentieren. 
Während die Gesellschaft recht freimütig zu¬ 
gibt, daß man »sich selbst verkaufen« muß um 
erfolgreich zu sein, ist sie weniger eindeutig, 
wenn es darum geht, die Folgerung daraus zu 
ziehen: nämlich, daß man sich auch selbst 
kaufen muß. Jeder weiß doch, daß das wahr 
ist. In der Konsumgesellschaft dominiert man 
nicht im Stile einer autoritären Elite um sicht¬ 
bare Macht auszuüben. Dafür kann man sich 
ein richtiges >selfimage< aufbauen und es an¬ 



deren erfolgreich verkaufen. Mit den vielen ) 

Abstufungen im Status innerhalb des techno¬ 
bürokratischen Systems und der extensiven 
und undurchsichtigen Warenhierarchic beste¬ 
hen enorme Möglichkeiten relativ erfolgreich 
zu sein, oder das Image versagt. Die Gesell¬ 
schaft verspricht jedoch dem, der erfolgreich 
ist in seinen Bemühungen, daß er sich über 
das normale irdische Dasein erhebt - über die 
»Alltäglichkeit« - und den Zustand eines 
idealisierten Wesens erreicht. So ist es mög¬ 
lich, der Sterblichkeit und den Grenzen des 
tatsächlich seienden Selbst, zu entfliehen. Der 
Schein trügt, aber er ist nicht trügerischer als 
die Identifikation mit dem autoritären Staat, j 
oder der autoritären Partei, die Orwell be- j 
schreibt. In beiden Fällen wird Realität ge¬ 
leugnet um Anerkennung vor sich selbst und 
anderen zu finden, im Streben nach Macht 
über den Geist. 


Das Ende der Zivilisation 

Unser Thema war die dominante Stellung des 
Konsumismus in der modernen, fortgeschrit¬ 
tenen, kapitalistischen Gesellschaft. Obwohl 
BigBrotherin Reserve steht, immer bereit die 
Elektroden anzuschließen, steht unser Giant 
Economy Size Broiher-die Ware-im Mittel¬ 
punkt des heutigen Machtspektakels. Die Ge¬ 
fahr besteht, daß man daraus folgern könnte, 
wir hätten heute weniger Möglichkeiten unse¬ 
rem Bruder als dem Orwells zu entfliehen, i 

weil die ideologische Kontrolle so stark ist. j 

Das ist nicht unbedingt der Fall. 

Erstens müssen wir erkennen. daß der Kon¬ 
sumismus tatsächlich die traditionellen, auto¬ 
ritären Strukturen in der Gesellschaft in Frage 


J 














22 


gestellt hat. Bis zu dem Ausmaß, daß die Pro¬ 
duktionsgesellschaft die in ihrer klassischen 
Periode unter dem Joch des Leistungsprinzips 
war, durch den Verfall desselben einen gewis¬ 
sen Grad an Freiheit erreicht hat. Bis jetzt 
sind die Konsequenzen dieser Freiheit sehr 
besorgniserregend (wie ich in dieser Diskus¬ 
sion betont habe), verbunden mit der Auflö¬ 
sung des organischen Gefüges der Gesell¬ 
schaft. Wie Janis Joplin so treffend sagt: 
»Freiheit ist nur ein anderer Ausdruck für 
nichts mehr zu verlieren zu haben/« 

Jedoch gibt es zwei Dinge von Bedeutung in 
der Entwicklung der modernen Kultur, und 
die Verwirklichung beider ist eine reale histo¬ 
rische Möglichkeit. Auf der einen Seite gibt cs 
den obsessiven Konsum, der hier beschrieben 
wurde, ein endloses Streben nach trügerischer 
Erfüllung, die fortschreitende Zerstörung al¬ 
ler bestehenden Werte im Namen eines unde¬ 
finierbaren Traumes. Aber diese Suche ist 
zum Scheitern verurteilt. Sic kann nur zu ei¬ 
ner geistigen Verelendung führen, die schwe¬ 
rer zu tragen ist als die materielle Verelen- 


Trotzdem ★ Vertag 


7410 Reutlingen, Obere Weibermarktstr. 3 
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VERPACKT! 

- ein Bilder- und Lesebuch zur Warengesellschaft brdee. 
Unser Alltag als Alptraum - lebendig "verpackt" zu sein. 150 
S./9.-DM. Viele Photos, Stories und Gedichte, illustriert mit 
Zeitungsmeldungen etc. 
du hast die möglichkeit, 
politisch zu sein - 

etwa so wie du auch kaffee trinken darfst 

unsere gegner sind nicht mal die bullen, 

sondern die lebendig begrabenen, 

die im Supermarkt getöteten, 

die ums leben betrogenen, 

die ihren tod nicht begriffen haben, 

kaumje begreifen werden und das 

leben als eigene infragestellung bekämpfen. 

die leute waren schon 1933 ins bett gegangen, 
die wenigsten seither wach geworden, 
warum ließen sie geisteszustände wie den seinen 
überhaupt noch zu? 
wäre es nicht besser 

für die menschen, wenn sie nie erfahren würden, 
daß sie die möglichkeit gehabt hätten, 
frei zu sein?! 

nach planen die tage verleben müssen, 
einfach weil die summierten teile 
so wenig miteinander zu tun haben, 
daß man zette! zum leben braucht, 
um alles geforderte einzulösen, 
der terminkalender. der so wichtig ist, 
wie das geld - beides Symbole 
für dte tägliche Verwertung. 


Selbstverwaltung - die Basis einer befreiten Gesellschaft; 

| 14.-DM, 190 S. 

j Die Selbstverwaltungsperspektive ist heute wohl der zen¬ 
trale Punkt in der Diskussion der »Alternativen-. Dennoch 
haftet ihr der Beigeschmack des lediglich reformerischen 
Bezugs auf den Kapitalismus an. Denn auch in den Reihen 
des Betriebs-und Gewerkschaftsmanagements ist man auf 
sie aufmerksam geworden. Auf welchen Rahmen muß sich 
das Konzept Selbstverwaltung beziehen, um wirklich die 
bestehenden sozialen und ökonomischen Strukturen zu 
sprengen, und nicht etwa nur dazu beizutragen, den Kapita¬ 
lismus vielfältiger, bunter und produktionsintensiver zu 
machen. 

Mit diesen grundsätzlichen Fragen, mit historischen Bei¬ 
spielen etc. beschäftigen sich die Autoren des vorliegenden 
Bandes: BOOKCHIN. COLOMBO, CRESPI, GUIDUCCI, 
LANZA, PORELLO, PRANDSTRALLER und SCHECTER! 
Ihre Beiträge, die auf dem Kongreß über Selbstverwaltung in 
Venedig 1979 vorgetragen wurden, stecken einen ökonomi¬ 
schen, gesellschaftlichen, technologischen und psycholo¬ 
gischen Rahmen für ein wirklich revolutionäres Selbstver- 
waltungskonzept ab. Das Buch wird von uns als Arbeits¬ 
grundlage für eine weitergehende Diskussion verstanden. 
Selbstverwaltung nicht als eine Technik der Organisation, 
sondern als umfassender, mensc hlicher und utopisch-revo¬ 
lutionärer Gesellschaftsentwurf! j 


düng des frühen Industriezeitalters. Die wah¬ 
re Krise des Kapitalismus (in seiner korporati¬ 
ven und statischen Form) ist eine Krise des 
Geistes. 

Die Sackgasse in der sich der Konsum be¬ 
findet, nährt die Hoffnung, daß der Weg sich 
öffnen wird für die Entfaltung eines anderen 
wichtigen Aspekts der Konsumgesellschaft - 
des unterdrückten utopischen Moments 
dessen Schicksal in der Hand der radikalen 
Vorstellung liegt. 

Da die Vorstellung sich selbst von ihrer Un¬ 
terwürfigkeit der Ware gegenüber befreit hat, 
hat sic eine Vision von Ganzheit, Glück, Er¬ 
füllung, Selbstverwirklichung und Versöh¬ 
nung geweckt. Mit der Zerstörung der autori¬ 
tären Struktur der Produktionsgescllschaft, 
kann die zivilisierte Menschheit zum ersten 
Mal von Ganzheit träumen - oder um cs ge¬ 
nauer zu sagen, dem Traum seinen Weg ins 
Bewußtsein möglich machen. 

Das Schicksal dieser Vision hängt von unse¬ 
rem Erfolg, die Vorstellung mit der theoreti¬ 
schen und praktischen Vernunft zu versöhnen 
ab, das heißt mit einem neuen Verständnis für 
Mensch und Natur, und einer neuen Praxis 
der befreienden, sozialen Umgestaltung, ver¬ 
traut zu machen. Wenn das erreicht werden 
kann, dann..., wenn die Dialektik der Zivili¬ 
sation endlich ausgespielt hat, könnte die ent¬ 
erbte Menschheit schließlich sich des Abgrun¬ 
des bewußt werden, in den sie gefallen ist. 
Und, angesichts der Leere, könnte sie sich 
ernsthaft auf die Suche nach der Fülle des 
Daseins machen. 



Die Identifikation der modernen Gesellschaft 
als Konsumgesellschaft weist auf ihre hervor¬ 
stechendste Eigenschaft und die Richtung in 
der sic sich bewegt hin. Das ist eine starke 
Vereinfachung eines komplexen Systems. 
Auf allgemeiner Ebene betont es die zentrale 
Stellung der technologischen und politischen 
Bereiche zu wenig, die zur Ware werden, was 
aber nicht mehr rückgängig gemacht werden 
kann. Darübcrhinaus ist Konsum abhängig 
vom Bereich der Produktion, so daß das 
»Ökonomische« (sogar in seiner weitesten 
Bedeutung, so wie es hier gemeint ist) vonein¬ 
ander abhängige, sich dialektisch beeinflu- 
ßendc Produktions- und Konsumberciche, 
mit entsprechenden Produktions- und Konsu¬ 
mideologien enthält. 

Einer der augenscheinlichsten Fakten über 
die moderne Gesellschaft ist, obwohl diese 
beiden Bereiche voneinander abhängig sind, 
daß sich ein immer größer werdender Wider¬ 
spruch zwischen ihnen entwickelt, besonders 
deswegen, weil der Konsum die weitaus kraft¬ 
vollere Ideologie ist und ihre Werte sogar in 
klassische Produktionsberciche cindringen. 
Deshalb die berühmte »Revolte gegen die Ar¬ 
beit«! Jedoch sollte man nicht überstürzt dar¬ 
aus schließen, daß man schwerwiegende Wi¬ 
dersprüche im System entdeckt hätte, beson¬ 
ders wenn diese zum großen Teil auf unbe¬ 
wußter und instinktiver Aktivität beruhen-. 
Der Wunsch des Konsumenten nach Genuß 


führt nicht notwendigerweise zu einer Ableh¬ 
nung entfremdeter Arbeit, nur zu Unzufrie¬ 
denheit damit. Die Mehrzahl der braven Kon¬ 
sumenten erkennen, daß sie sich harter Arbeit 
unterwerfen müssen, wenn sie in einem be¬ 
friedigenden Maß konsumieren wollen (glau¬ 
ben sie). Was vielleicht am meisten vom Kon¬ 
sumismus untergraben wird, ist nicht die Fä¬ 
higkeit zu sinnloser Arbeit, sondern eher die 
Fähigkeit zu sinnvoller Arbeit. Wenn einmal 
der gute Kern aus der Produktion entfernt ist, 
ist nur noch Zwangsarbeit möglich. Der Kon¬ 
sument öder die Konsumentin unterwirft sich 
mehr oder weniger streng organisierter Ar¬ 
beit, weil er es für das »Überleben« für not¬ 
wendig erachtet (mehr Überleben als Waren¬ 
konsument, denn als Existenz in irgend einer 
anderen Art des Daseins). Über das hinaus ist 
nur die Passivität des Konsums denkbar. 
Wenn von einem mehr kreative Aktivität ver¬ 
langt wird, (freiwilliger Zusammenschluß, po- 
litsche Aktivitäten) ist das Alibi, daß die gan¬ 
ze »Energie« die man besitzt, verbraucht wird 
um zu »überleben«, aber in Wirklichkeit ist 
nur die Phantasie erschöpft. (Zur eingehende¬ 
ren Beschäftigung mit Produktion, Konsumis¬ 
mus und ihrer möglichen Widersprüche, siehe 
»The Labyrinth of Power and the Hall of Mir- 
rors«, in >The Anarchist Moment< (Montreal: 
Black Rose Books 1984). 

Wie im hinteren Teil dieser Arbeit ausge¬ 
führt wird, hängt die Möglichkeit einer frei¬ 
heitlichen sozialen Umgestaltung im Endef¬ 
fekt vom Anwachsen des kritischen Bewußt¬ 
seins über die Tatsache ab, wie beides, Pro¬ 
duktion und Konsum ganz brutal die Möglich¬ 
keiten von Mensch und Natur, zu einer nicht¬ 
beherrschenden Selbstverwirklichung zu 
kommen, zerschneidet. Dieses Bewußtsein 
hängt wiederum ab vom Verständnis für die 
Bedeutung der Ware in Beziehung zur 
menschlichen Natur und zum Kosmos. (Ich 
behandle diese Frage in »On Taoism and Poli¬ 
ces«, im >Journal of Chinese Phi!osophy<, 
Vol. 10, Nr.I, Wiederveröffentlicht in »The 
Anarchist Moment«). 

(Ausdem Englischen von Bernhard Arracher) 







23 


von Hans-Jü r 9 en 


Degen 


ZUR WENDE 



Simpel ist die politische Strategie, die eine 
parlamentarisch-demokratische Regierung 
»demokratisch« aushebcln kann. F.J.Strauß 
in seiner berüchtigten Sonthofencr Katastro¬ 
phenrede von 1974 (SPIEGEL, Nr. 11/ 
10.3.1975): »Lieber eine weitere lnflationie- 
rung, weitere Steigerung der Arbeitslosigkiet, 
weitere Zerrüttung der Staatsfinanzen in Kauf 
nehmen ... Es (die wirtschaftlich-politischen 
Verhältnisse, HJD) muß wesentlich tiefer sin¬ 
ken, bis wir Aussicht haben mit unseren Vor¬ 
stellungen, Warnungen, Vorschlägen gehört 
zu werden . Es muß also eine Art Offenbar¬ 
ungseid und ein Schock im öffentlichen Be¬ 
wußtsein erfolgen.« 

Offen und kaschiert wurde danach gehan¬ 
delt: Die CDU/CSU-Opposition verweigerte 
der sozial-liberalen Koalition Schmidt/Gen¬ 
scher »konstruktive Mitarbeit«. Sie verwarf 
all das, was sie teilweise nach ihrer Regie¬ 
rungsübernahme (1982) fortführte. Sic han¬ 
delte die weltweite Krise des kapitalistischen 
Systems als »hausgemachte Krise«. Rheto¬ 
risch bugsierte das die BRD in die Krise. Die 
Katastrophenpolitiker bliesen zum Sturm: 


Angstwellen türmten sich. Die Angst artiku¬ 
lierte sich »politisch«; sie gab einer Scheinpo¬ 
litisierung in der Bevölkerung Vorschub. Dies 
produzierte Scheinalternativen. Nach F.J. 
Strauß hieß die konstruierte, die irreale Alter¬ 
native: »Wir kämpfen für die Freiheit, gegen 
den Sozialismus, für die Person und das Indi¬ 
viduum, gegen das Kollektiv, für ein geeinigtes 
Westeuropa, gegen eine sowjetische Hegemo¬ 
nie über ganz £wro/?a.«(Sonthofer Rede) 

II 

Autoritäre Charaktere haben immer den 
Trend des Zurücks in die »heile Welt«. Stets 
verklären sie die Vergangenheit. Die Gegen¬ 
wart ist nur akzeptabel, wenn sie von ihnen 
bestimmt wird. Zukunft ist nichts als Bedro¬ 
hung. Mit überholten Instrumentarien wird 
versucht, sie in den Griff zu bekommen. Die 
autoritären Charaktere sind dazu unfähig. Sie 
reagieren, sie handeln in der Endkonsequenz 
immer chaotisch. Ihre Beharrung auf Über¬ 
kommenem ist Ausdruck ihrer Angst vor dem 
Ungewissen: Sie sind unfähig, für sich im Un¬ 
gewissen, im Unwägbaren eine kreative 
Chance zu sehen. Deshalb blockieren sie alle 
echten Fortschrittsimpulse. In einer sich per¬ 
manent wandelnden Welt beharren sie per¬ 
manent auf Gesellschaftsordnungen, die sich 


am Überleben sind. So müssen ihnen Experi¬ 
mente gerade auf gesellschaftspolitischer 
Ebene (z.B. Rückgewinnung der relativen 
kommunalen Selbstverwaltung, Abkoppe¬ 
lung von der EG) zuwider sein. Ihre Beschwö¬ 
rung der Wiederherstellung, der Erhaltung 
der »heilen Welt« bedeutet in die Praxis um¬ 
gesetzt, die rigorose Handhabung der Staats¬ 
macht gegen Veränderungen. Wie sonst sollte 
dieses Ziel erreicht, dieser Zustand aufrech¬ 
terhalten werden? 

Die autoritären Charaktere, ein überstän¬ 
diger Konservativismus bilden in parlamenta¬ 
risch-demokratischen Gesellschaften quasi 
ein »Kartell«. Dieses hat seine Exponenten 
quer durch alle politischen, wirtschaftlichen, 
kulturellen Gesellschaftsgruppierungen. Die 
Fraktionierung innerhalb des Kartells bildet 
den Spielraum, in dem unterschiedliche Auf¬ 
fassungen ausgetragen werden. Machtkämpfe 
innerhalb des Kartells gehören zur Normali¬ 
tät. Sie drücken einen gewissen Pluralismus 
aus. Der gesellschaftliche Gesamtkonsens 
geht dabei nicht abhanden. 

Das politische Bewußtsein der autoritären 
Charaktere ist meist Konjunkturbewußtsein: 
es orientiert sich an »Erfolgen«. Wer »Macht« 
mit Erfolg verwaltet; wer »Macht« als logisch 
definieren kann; wer »Macht« nicht abgleiten 
läßt in schnöden Populismus - der ist ihrer si¬ 
cher. Wer gleichzeitig noch die materiellen 





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Bedürfnisse der abhängig gehaltenen Bevöl¬ 
kerung bestimmt, indem er sie manipuliert, 
d.h. Wertvorstellungen vermittelt, die akzep¬ 
tiert werden - der braucht sich kaum der 
Macht zu versichern. 

Das politische Bewußtsein in den »Wohl¬ 
fahrtssaaten« ist gemeinhin geprägt durch 
simple wirtschaftliche Perspektiven. Das ka¬ 
pitalistische System ist solange es seine 
Ideologie glaubhaft umsetzen kann in mate¬ 
rielle Gesichertheit der Volks»massen«, - sta¬ 
bil. Politisches Bewußtsein, das sich an sol¬ 
chen einfältigen wirtschaftlichen Erscheinun¬ 
gen orientiert, ist undifferenziert. Ökonomi¬ 
sche Veränderungen können somit entschei¬ 
denden Einfluß auf politische Einstellungen 
der Bürger haben. Historische Erfahrungen 
zeigen allerdings, daß ökonomisch bedingte 
Veränderungen nicht identisch sind mit revo¬ 
lutionärem Bewußtsein und Umwälzungen. 
Keine Rolle spielt es dabei, ob ökonomische 
Veränderungen real oder nur als »Wahrneh¬ 
mung« bei den Bürgern existieren. 

III 

In der relativ langen Periode des ökonomi¬ 
schen Aufschwungs der BRD konnten die so¬ 
zialen Bedürfnisse befriedigt werden. Das Be¬ 
wußtsein der Lohnabhängigen als Lohnab¬ 
hängige wurde gerade durch diese Prosperität 
korrumpiert. Das verfestigte logischerweise 
das kapitalistische System der sogenannten 
»Sozialen Marktwirtschaft«. Der Beginn der 
sozial-liberalen Regierungszeit (1969) bedeu¬ 
tet hier keinen Bruch. Offenkundig signali¬ 
sierte er nur das Ende der Aufbauphase der 
BRD-Wirtschaft: Das System war in sich fest¬ 
gefahren. Seine immanenten Widersprüche 
(z.B. Beginn sozialer Umverteilungspolitik, 


überkommene Moralvorstellungen) kehrten 
sich nach außen. Dringend bedurfte es not¬ 
wendiger Reformen. Denn nur so konnte es 
stabil bleiben. Es bedurfte einfach Reformen, 
um seines ungestörten Fortbestands willen. 
Unter den Bedingungen der Konjunktur, des 
ökonomischen Wachstums waren relativ um¬ 
fangreiche »sozialstaatliche Leistungen« 
selbstverständlich. Hieraus leitete sich logi¬ 
scherweise ein »Anspruchsdenken« (Helmut 
Kohl) ab. Das weiterhin zu erfüllen, dazu war 
Ende der 60er Jahre der herrschende Block 
weder fähig noch - aus ideologischen Grün¬ 
den ~ willens. Die Differenzen innerhalb des 
autoritären Kartells ermöglichten den Regie¬ 
rungswechsel zugunsten der Fraktion, die die 
Fortsetzung des »Sozialstaats« am glaubhafte¬ 
sten vertreten konnte. Durch parlamentari¬ 
sche Mehrheitsverhältnissc wurde diese Poli¬ 
tik dann sanktioniert: vom CDU/CSU-Staats- 
modell zum sozialdemokratischen. 

Instinktiv hatte die Bevölkerungsmehrheit 
gespürt, daß die anvisierte sozialdemokrati¬ 
sche Politik eine Reform zum besseren inner¬ 
halb des Systems versprach. Mit einer Mas¬ 
senpolitisierung hatte dieser Vorgang aller¬ 
dings nichts zu tun. Es war die Angst vor Ver¬ 
lust, die den »Mut« hervorbrachte, daß ge¬ 
ringste sich bietende Risiko einzugehen. Dar- 
überhinaus drückte sich aber auch bei diesem 
Regierungswechsel ein Unbehagen über die — 
teilweise bedingt durch die autoritäre Innen¬ 
politik — sterile Außenpolitik aus. Auf dieser 
psychologischen Welle konnte die »neue Ost¬ 
politik« der sozial-liberalen Koalition zum 
Tragen kommen. Und es war die »nach 


Osten« orientierte BRD-Kapitalfraktion, die 
diese Politik stützte und forcierte. Denn bis¬ 
her schwer zugängliche Absatzmärkte wurden 
erschlossen. Dadurch konnte die Krise teils 
abgefangen werden. Zumindest konnte sie 
(vorübergehend) vom Galopp zum Traben 
gebracht werden. 

Schon Mitte der 70er Jahre hatte sich in der 
BRD das reformistische sozialdemokratische 
Modell sozialpartnerschaftlicher Kompro¬ 
mißpolitik festgefahren. Die verheißene, die 
notwendige, die teils realisierte Reformpoli¬ 
tik war an ihre Grenzen gestoßen. Die welt¬ 
weite Wirtschaftskrise konnte auch in der 
BRD nicht mit hochzentralisierter Interesscn- 
ausgleichspolitik eingedämmt werden. Die 
Krise des Kapitalismus läßt sich eben nicht mit 
kapitalistischen Instrumentarien wirkungsvoll 
angehen bzw. beseitigen. Auch der durch den 
Interessenverbund von Gewerkschaften und 
sozialdemokratischem Staat (mit)verhindcrtc 
Klassenkampf konnte die wieder auf Hoch¬ 
touren kommende Krise nicht mildern. 

In der Krise sind Vollbeschäftigung und 
auch logischerweise Massenkonsum nicht ge¬ 
währleistet. Also ist die Krise des Sozialsy¬ 
stems unabwendbar. Aber ohne das Funda¬ 
ment des »Sozialstaates«, der wirtschaftlichen 
Stabilität, ist dieses System nicht glaubhaft. 
Deklarierte Reformpolitik und sichtbare 
Rücknahmen sozialstaatlicher Leistungen 
sind unvereinbar. Die Mitte der 70er Jahre an 
die Substanz des Systems gehende Krise 








konnte der SPD-Staat - gleichfalls program¬ 
miert auf ökonomisches Wachstum - die 
ebenfalls auf diese Prämisse programmierte 
breite Mehrheit des Volkes, nicht glaubhaft 
vermitteln. Der unpolitischen Bevölkerung 
verlangte es nach wie vor nach perfekter »Si¬ 
cherheit«. Auf diesem Hintergrund gewann 
das Modell des CDU-Staates rapide wieder an 
Attraktivität. 

Gerade auch die Legende von der (allein) 
hausgemachten Krise, vom alles fressenden 
Kollektivismus, vom Sozialismus, der Unfrei¬ 
heit, der Verarmung mit sich bringe, von der 
schleichenden Enteignung der »Besitzstände« 
der Bevölkerung - das mußte in der offen¬ 
sichtlichen Krise zum Vehikel der Neuauflage 
des CDU-Staates werden. Die Destabilisie¬ 
rungspolitik eines F.J. Strauß war am Ziel: 
Die geschürte Angst wurde zur realen Angst. 
Das ebenfalls auf Unmündigkeit breiter Be¬ 
völkerungsschichten fußende etatistisch aus- 
gcrichtcte sozialdemokratische Regierungs¬ 
modell demonstrierte hier seine negative Wir¬ 
kung: Die Glaubwürdigkeit des SPD-Staats- 
modells stützt sich letzthin auf die gleichen 
ökonomischen, politischen, sozialen und kul¬ 
turellen Prämissen wie das der CDU/CSU und 
ihrer Hilfstruppen. Allerdings sind die Prä¬ 
missen der Sozialdemokratie erheblich nuan¬ 
cenreicher innerhalb des bürgerlichen Lagers. 
Das jedoch ändert nichts an dem Grundkon¬ 
sens aller dieses System der umfassenden Mit¬ 
telmäßigkeit Tragenden. Alles bewegt sich 
hier systemkonform. Nichts ist/kann in die¬ 
sem Systemgetriebe auf wirkliche Verände¬ 
rung aus sein: Es ist wie die Monotonie des 
Uhrpendels: einmal »rechts«, einmal 

»links«... 

Seit der Wiederinstallierung des CDU- 
Staates (1982) profiliert sich das sozialdemo¬ 
kratische Lager in (systemkonformen) Alter¬ 
nativen: Die herrschende Fraktion des bür¬ 
gerlichen Lagers ist immer kritisierbar, ja de¬ 
nunzierbar, »links« überholbar durch die ge¬ 
rade nicht herrschende! 

IV 

Die Diagnose, daß das kapitalistische System 
ein Dauerkrisensystem ist, das ist schon eine 


Binsenweisheit. Daß es sein permanenter 
Versuch ist, ökonomisches Wachstum zu ga¬ 
rantieren und größtmögliche Profite zu er¬ 
wirtschaften, ebenfalls. Dabei aber darf die 
soziale Kluft zwischen der herrschenden öko¬ 
nomischen Schicht und den Lohnabhängigen 
nicht zu tief sein. Hier wird ein ständiger Bal¬ 
anceakt aufgeführt. Mißlingt dieser, könnte 
das soziale Unruhen produzieren. Uneins sind 
sich allerdings die Kapitalfraktionen darüber, 
wie tief die soziale Kluft werden darf/kann - 
was für die Lohnabhängigen noch tragbar ist. 

Die sozialstaatliche Fraktion des demokra¬ 
tisch-kapitalistischen Kartells ist immer unter¬ 
legen in größeren Krisen des Systems: Sie ist— 
eben bedingt durch die umfassende Krise - 
unfähig, ihre sozialpolitischen Zusagen einzu¬ 
halten. .. 

Die objektiv-spürbare Krise, die das sozial¬ 
demokratische Staatsmodell verwaltete, zeig¬ 
te nur die eine Seite des Krisenbewußtseins. 
Die Taktik, daß durch simple wirtschaftliche 
Gesichtspunkte bestimmte Bewußtsein zu¬ 
gunsten einer »geistig-moralischen Wende« 
(H. Kohl) zu instrumentalisieren, ist die ande¬ 
re: Die latenten Ängste potenzierten sich zur 
Existenzangst; die »Seelenerweichung«, die 
Manipulation — das konnte nichts anderes als 
Verwirrung in den BRD-Köpfen stiften. Zu 
dieser Verwirrtaktik trug F.J.Strauß erhebli¬ 
ches bei: »Da muß man die anderen (die so¬ 
zial-liberale Koalition, HJD) immer identifi¬ 
zieren damit, daß sie den Sozialismus und die 
Unfreiheit repräsentieren und daß ihre Politik 
auf die Hegemonie der Sowjetunion über West¬ 
europa hinausläuft.« (Sonthofer Rede) 

Destabilisierung des parlamentarisch-de¬ 
mokratischen Systems durch Katastrophen¬ 
politik um eine legale Machtverschiebung in¬ 
nerhalb des herrschenden Blocks zu erreichen 
- das als erklärtes/normales Ziel. Den 
»Rechtsstaat« dabei kontinuierlich zu garan¬ 
tieren, ist erklärter Konsens. Ihn sehen seine 
rechten Apologeten immer in Gefahr. Um ihn 
aufrecht zu erhalten, zu zementieren, ist auch 
die Brachialgewalt des Staates legitim. An 
diesem Punkt tut sich der Dissens auf zwi¬ 
schen den rechten und den »liberalen« 


25 


Rechtsstaatlern: Die Spielraumbegrenzungen 
werden unterschiedlich weit gezogen. Ohne 
Zweifel läßt im allgemeinen das sozialdemo¬ 
kratische Modell des »Rechtsstaates« einen 
größeren Spielraum. Diesen erheblich einzu¬ 
schränken, ihn damit präzise zu definieren, 
das ist ein formaler Ausdruck der »geistig-mo¬ 
ralischen Wende«. Der BRD-Bürger weiß 
eben wieder, wo es lang geht! 

Die Ideologie der Wende, die CDU-Staat- 
Propagandisten operieren vornehmlich mit 
Legenden und Diffamierungen. In dem von 
ihnen besetzten Angstklima sind ihre »Argu¬ 
mente« bestechend. Und das trotz ihrer offen¬ 
sichtlichen Nichtsaussagen, trotz letztlich for¬ 
cierter Gängelung und Verarmung von immer 
größeren Teilen der Lohnabhängigen. 

V 

In Zeiten relativer Sicherheit sind Staatsbür¬ 
ger bescheidenen Reformen zugetan. Bei den 
ersten Anzeichen einer Krise sind dieselben 
flugs wieder völlig im Lager konservativer 
Krisenbewältiger. Von Wirklichkeitssinn ist 
eine solche Entscheidung nicht bestimmt. 
Hier fällt die Flucht in den Mythos leicht: Die 
»sozialistische Mißwirtschaft« (CDU-Frak- 
tionsführer Dregger) wird nicht analysiert; sie 
wird verklärt: Die These vom Zusammen¬ 
bruch sozialer Utopien, die die Zuwachsraten 
der »sozialen Marktwirtschaft« verhinderten, 
kommt hier auf. Und dem kann nur die »gei¬ 
stig-moralische Erneuerung« gegensteuern. 
Ohne sie »können auf die Dauer... die An¬ 
triebskräfte der Wirtschaft nicht belebt und der 
Wille zur Leistung nicht geweckt werden« - so 
der Sozialphilosoph/Wendeideologe Günter 
Rohrmoser. (Günter Rohrmoser u.a.: Wende 
wohin? Die Deutschen und der neue Weg, 
Köln 1983) Das bedeutet natürlich nichts an¬ 
deres als der (radikale) Abschied von einem 
Politikverständnis, »nach welchem der Staat 
die Verantwortung für kontinuierliches Wach¬ 
stum und die Garantie für sozialen Schutz ge¬ 
gen jedes denkbare Lebensrisiko zu überneh¬ 
men hat«. (Rohrmoser) Konkret: Die Wen¬ 
deideologen und -praktiker entlassen die poli¬ 
tisch und sozial Unmündigen in noch größere 
(und nochmehr programmierte) Unmündig¬ 
keit: Das Konzept der radikalen kapitalisti¬ 
schen »Sozialen Marktwirtschaft« setzt alle 
Kräfte des hemmungslosen Konkurrenz¬ 
kampfes - unter den Einflußlosen - frei; hier 
gilt das Qesetz - in der Maskerade der »glei¬ 
chen Chance für jeden« - des Stärkeren. 

Wer hier auf der Strecke bleibt, versteht 
sich von selbst: es sind die, die die Arroganz 
der »Macher« schon immer zum Abhub der 
Gesellschaft stempelte: die sozial Unterprivi¬ 
legierten. 

Auch die Freisetzung der Unmündigkeit 
hängt selbstverständlich nicht im luftleeren 
Raum. Die Orientierungslosen brauchen 
neue geistig-moralische Führung! Mit den 
Mythen von »Gemeinsinn«, »Verantwor¬ 
tung«, »Privatisierung«, »Entbürokratisie¬ 
rung« etc. etc., die teils fasziniert aufgegriffen 
wurden, ist es allein nicht getan. Den Wählern 
muß Rechtfertigung für den stetigen Sözialab- 
bau verabreicht werden. Schließlich ist die 
Umverteilung von unten nach oben auf Mas¬ 
senloyalität angewiesen. Der Masochismus, 
den die Lohnabhängigen mit der Duldung des 
Sozialabbaus und der Unmündigkeit demon¬ 
strieren, hat natürlich auch ihren Preis. Das 
Suggerieren von der »selbstverantwortlichen 
Persönlichkeit« (CDU-Generalsekretär und 
Familienminister Heiner Geissler) ohne ma- 









26 


tcrielle Gegenleistungen reicht auf Dauer 
nicht aus. Das ist auf kurz oder lang das Di¬ 
lemma, dem sich die Wendepolitik stellen 
muß. Das sehen auch die Ideologen der Wen¬ 
de. Rohrmoser: »Wie will man den Menschen 
ohne geistige Führung klarmachen, daß ohne 
tiefergehende Eingriffe in zum Teil ungerecht¬ 
fertigte (sic! HJO) Besitzstände soziale Sicher¬ 
heit für die Zukunft nicht möglich ist?« (Wende 
wohin?...) 

Auf Dauer aber reichen auch diese oder 
ähnliche Sprechblascn nicht hin, die Politik 
des Sozialabbaus, d.h. der Reproletarisie- 
rung, der Verarmung breiter Schichten diesen 
plausibel zu machen. 

Letztlich kann diese Politik an diesen in sich 
widersprüchlichen Prämissen nur scheitern. 
Was von ihr übrigbleibt, ist ein sozialer und 
psychischer Scherbenhaufen. Aber für die 
Herrschenden fällt das kaum ins Gewicht. 
Denn der Effekt ist erreicht: Die Peudoent- 
staatlichung zu Lasten der »kleinen Leute« fe¬ 
stigt die Herrschaft der Herrschenden: Abhä- 
nigkeit und Unmündigkeit wird forciert und 
vertieft. Auch belebt sie wieder die alte, die 
bewährte Frontstellung des Kalten Krieges: 
Die »Sündenbockphilosophie« hat schon aus 
so mancher Kalamität herausgeholfen; der 
»Gegener«, der »Feind« wird ins Visier ge¬ 
nommen. Der reaktionär-besetzte Antikom¬ 
munismus, die Ideologie des Adenauer-Regi¬ 
mes, eignet sich auch heute noch (und wieder) 
vorzüglich, alle Mißliebigen fertigzumachen. 
In einem solchen, Hysterie produzierenden, 
vom Verfolgungswahn geschwängerten Klima 
konnten/können soziale Bewegungen nicht 
aufkommen. Das soziale und politische Leben 
ist hier die Öde des Friedhofs. Die Mystifika¬ 
tion von »Werten« ist Kompensation: Die 
»freiheitliche Gesellschaft«, die »Freie Welt- 
«.. .sind Postulate, die, unhinterfragt, als Ge¬ 
genpart zu »Demokratisierung«, zum »Sozial¬ 
staat« gesetzt werden. 

VI 



Wende FAX (31.5.I980):»D/e Bundesrepu¬ 
blik war nicht gegründet worden zu dem Zwek- 
ke, ihren Bürgern Wohlstand und bequemes 
Leben zu verschaffen. Sie war gedacht als 
Schutzbau für einen Teil der Nation, dem es er¬ 
laubt war, sich diesen Schutz zu schaffen.« 

Das »Modell Deutschland« von Anbeginn 
in erster Linie nichts anderes als eine eminen¬ 
te Konstruktion des Kalten Krieges: der Anti- 
Kommunismus als Staatsräson; die aus¬ 
schließliche Ablenkung von den ureigensten 
Problemen zu einem als Phantom stilisierten 
Generalfeind. Praktisch bedeutet das nichts 
anderes als permanente tödliche Bedrohung 
zwischen und von den Supermächten vernich¬ 
tet zu werden. In zweiter Linie ist die Legiti¬ 
mationsreligion Anti-Kommunismus ein 


Die ökonomische Verelendung ist im Zeit¬ 
alter des Massenstaates, der Superbürokrati¬ 
sierung, des Informationsmonopols extrem 
weniger Meinungsmacher gekoppelt mit gei¬ 
stiger Verarmung. Ebenso mit der Ausbrei¬ 
tung von kollektivem Masochismus. Das ist 
eines der gravierendsten Zeichen dieser Epo¬ 
che. Wie anders ist es sonst zu verstehen, daß 
die rundum Beleidigten und Ausgebeuteten 
Massenloyalität (s. z.B. die neuerliche Wahl 
Reagans, des Extremisten dieser Politik, zum 
US-Präsidenten) gegenüber ihren Beherr¬ 
schern üben? 

VII 

Die autoritären Charaktere dominieren nach 


Eine wirkliche »Wende« hat mit der Rcinstal- Hemmschuh für die BRD-Demokratie: Jcgli- wie vor. Ihre Fantasielosigkeit, ihr Utopic- 
licrung des CDU-Staatcs nicht stattgefunden. ches >>mchr Demokratie wagen« (Willy mangel, ihr gebrochener Wille sind Funda- 
Der Versi ;h, an die 1969 unterbrochene Brandt) wird hier verunmöglicht. Von einer mente ihrer, der Unbeweglichkeit unserer 
CDU-Politik 1982 wieder anzuknüpfen, zeigt grundsätzlichen Umgestaltung der BRD-Ge- Zeit. Dieser Zustand ermöglicht den Zynis¬ 
chen nur reaktionäre Kontinuität. Dabei ist Seilschaftsordnung, wie es tatsächlich das mus, die Arroganz, die Verachtung, die Bru- 
die Politik des CDU-Staates jedoch so beweg- BRD-Grundgesetz zulaßt (!), ganz zu schwei- talität der Herrschenden gegenüber ihren Un- 
lich, daß sie auf vielen Gebieten keinen Bruch 8 en - . M m tertanen. 

mit der Politik der sozial-liberalen Koalition Auf dem Hintergrund dieser überständigen Dabei sind die Herrschenden ebenfalls nur 

herbeiführte - trotz gegenteiliger Verspre- Ideologie sind die hochtrabenden Termini der psychische Bruchstücke dieser Gesellschaft; 

chungen. Dieser - für die BRD-Bürger aller- Wende nur reaktionäre Makulatur. Die de- sie spiegeln sie nur exzellent wieder. Die ver- 
dings vorteilhafte - Opportunismus ist typi- klamierte »größere Freiheit«, »mehr Flexibili- schiedensten Umstände sind es, die sie aus der 
scher Ausdruck selbstverständlicher, »norma- tat«, »Privatisierung statt Verstaatlichung« manipulierten trägen Bevölkerung haben auf- 
ler« Charakterhaltung von politischen Herr- etc. sind im vollcntwickcltcn Kapitalismus nur steigen lassen. Nun zeigen sie, daß sie die Lek- 
schaftsvermittlcrn: »Es sind Herrschaftsträ- Augenwischerei. Denn gerade in der Krise ist tionen dieser Gesellschaft verinnerlicht, daß 
ger, die sich arrangieren, nichts wagen und für der Kapitalismus nur mit gezielter Staatsinter- sie sie auch gleichzeitig massiv erteilen kön- 
nichts geradestehen, die befördert werden wol- vention - statt »Entstaatlichung«! - über die nen. Sie werden zu Vollstreckern; vollstreckt 
len , sich vorsichtig nach oben schieben. Siesu- Runden zu bringen. Das Schlagwort von der wird das, was erwartet wird. Vom vorgezeich- 
chen ihren Vorteil und Macht, ohne durch neue ' Entstaatlichung verschleiert den Tatbestand, neten Weg wird dabei kein Quentchen abge- 
Gedanken, streitbare Haltungen oder so alt- daß »Privatisierung« der Umverteilung von wichen. Die Starrheit drückt sich u.a. aus im 
modische und unbequeme Eigenheiten wie unten nach oben entspricht, daß somit dem herrschenden Konsens, der die bürgerliche 
Charakter und Anstand anzuecken.« (Jürgen Staat Entlastung zuteil wird. Als Staatshilfe Gesellschaft zusammenhält. Dieser ist unan- 
Leinemann im SPIEGEL, Nr.44/1984) wird sie zur »Stütze« des kapitalistischen Sy- tastbar. Regelverletzer sind schnell ins Ab- 

Wer vorgibt mit den Mitteln der fünfziger stems. Die USA und Großbritannien, die die- seits geschoben. Sind sie nicht zur Räson zu 
Jahre (Arbeitsminister Blüm:»Wir müssen ses Spiel der »Freisetzung der Marktkräfte« bringen, tut totschweigen ihr übriges. 
nur die Ärmel aufkrempeln und zupacken.«) vorexerziert haben, legen nach einigen Jahren Aber es gibt auch »Regelverletzer« die 
die achtziger in den Griff zu bekommen, der Praxis das Chaos in Gesellschaft, Wirtschaft letztlich vom herrschenden System akzeptiert 
wird scheitern. Daß dieses Scheitern Opfer und Staat offen: die Verelendung zieht immer werden. Sie werden von den Herrschenden 
kosten wird, versteht sich von selbst. Aber es größere Kreise; die »politische Kultur« ist nun frühzeitig als integrationsfähig geortet. Sie ha- 
ist/war nie der Daseinszweck der BRD, den wirklich nichts mehr als nur ein billiges ben Alibifunktion, die sich das System op- 
Lohnabhängigen, den Unterprivilegierten auf Schlagwort; der Staat - und das ist das einzig tisch-psychologisch gelegentlich verordnet, 
die Beine zu helfen. Günter Gillessen, einer positive dieser Politik-entlarvt sich endgültig um sein Image gegenüber der Bevölkerung 
der Wende-Ideologen, im Zentralorgan der als Agentur des Kapitalismus, der Multis. aufzupolieren. Die Scheingefechte, die die 





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gehen: die Gesellschaft von unten her zu de¬ 
mokratisieren, indem dem Staat Initiativen 
entgegengesetzt werden, die einer weiteren 
Verstaatlichung von Lebensbereichen Wider¬ 
stand leistet. Die Initiativen müssen die 
Staatsherrschaft, die Gängelung des einzel¬ 
nen transparent machen. Dann wird deutlich, 
daß viele Funktionen, die heute vom Staat be¬ 
setzt ohne weiteres von denen ausgeführt wer¬ 
den können, die sie betreffen. Es müssen ein¬ 
fach immer mehr Funktionen vom Staat zu¬ 
rückgewonnen werden, um ihn damit zurück¬ 
zudrängen. Es geht aber nicht darum, ihn le¬ 
diglich mit neuen Funktionen zu ersetzen. 

Die Entstaatlichung von unten beginnt mit 
der Bewußtwerdung immer größerer Bevöl¬ 
kerungskreise um die Überflüssigkeit, die Er¬ 
setzbarkeit der Staatsfunktionen durch deren 
Ausfüllung mit neuen, nicht autoritär besetz¬ 
ten Inhalten. 

Der wirklichen »Wende« stehen wir nur selbst 
im Weg. 


Theoretiker in: HIEBE. Magazin für Sein und 
Bcknackstsein, Nr.11/84) 

Autoritäre Charaktere sind unfähig, der Wen¬ 
de eine wirkliche politische Wende entgegen¬ 
zusetzen. Gefangen in diesem System ist die 
nächste Wende, die bestimmt kommt, selbst¬ 
verständlich eine systemkonforme. Denn kei¬ 
ne konstruktive, systemkonträre Opposi¬ 
tionskraft ist sichtbar, hier eine Wende durch¬ 
zuführen. Die Wende im Kopf aber wäre heu¬ 
te notwendiger denn je. Technokratischer 
Denkmüll (seid konstruktiv!) verkleistert 
Neues; auf eingefahrenen Denkbahnen soll 
weiterhin manövriert werden. Die Lust am 
Denken und Formulieren, am Entwerfen von 
konstruktiv-alternativen Konzepten kommt 
hier erst gar nicht hoch. Denn das wäre der 
Schritt von der puren Fantasie zur (konkre¬ 
ten) Utopie. Zum Beginnen ist es dann nicht 
mehr weit. 

Realistisch kann es doch z.Zt. nur darum 


grateuren genehmer sein als eine - subjektiv 
sicherlich integre - Opposition wie z.B. die 
GRÜNEN, die die Spielregeln des Systems, 
den Parlamentarismus, emsig exerzieren? Ist 
cs nicht für den herrschenden Block von Nut¬ 
zen, wenn sich eine einst außerparlamentari¬ 
sche Opposition parlamcntarisicrt, dadurch 
staatstragend wird? Was ist das für ein Ge¬ 
schenk für die Herrschenden, wenn die vielfa¬ 
chen unterschiedlich motivierten politischen, 
sozialen, kulturellen Interessen, die einst au¬ 
ßerhalb, teils gegen das Parteien-, gegen das 
Staatssystem gerichtet waren, auf einmal nun 
gebündelt als zentralistische Stcllvertreterpo- 
litik feilgcboten werden!? »Statt Wasser abzu¬ 
leiten von den Mühlen des Systems, sind sie 
(die GRÜNEN, HJD) dabei, neues draufzu¬ 
leiten.« (Rudolf Bahro, einer der GRÜNEN- 













»Der IWF hat schon mehr Regierun¬ 
gen gestürzt als die Militärs« 

von Wolfgang Haug 


Über die freiwillige und unfreiwillige Zusam¬ 
menarbeit von Regierungen mit dem Interna¬ 
tionalen Weltwährungsfonds (IWF) und der 
Weltbank 

Über die Nachrichten von hoher Verschul¬ 
dung, von Zahlungsunfähigkeit etc. rückte 
der IWF (Sitz in Washington) und seine Prak¬ 
tiken ins öffentliche Bewußtsein. Er ist eines 
der wichtigsten Herrschaftsinstrumente der 
westlichen Industrieländer über die 3.Weit 
und steuert - von seinem Selbstverständnis 
her völlig apolitisch - durch seine Kreditbe¬ 
willigung die politische Entwicklung ganz im 
Sinne der US-Außenpolitik. Wirtschaftlich 
liegt ihm die neoliberalistische oder auch mo- 
netaristische Konzeption der Reagan/That¬ 
cher-Linie zugrunde, was ihn gleichsam zum - 
auf Weltmaßstab - verlängerten Arm dieser 
»Politik des freien Spiels der Kräfte« macht, 
bei dem man recht »stark« sein muß um »mit¬ 
spielen« zu können und bei dem notwendig 
die Ärmsten als erste auf der Strecke bleiben. 

Noch während des 2.Weltkriegs wurde im 
Juli 1944 im US-amerikanischen Bretton 
Woods die Struktur des neuen Weltwährungs¬ 
systems mit den Instrumenten IWF und Welt¬ 
bank geschaffen. Dabei sollte der IWF kurz¬ 
fristige Zahlungsbilanzdefizite mit Krediten 
überbrücken helfen, die Weltbank durch 
langfristige Kredite Entwicklungsvorhaben in 
der 3.Welt absichern. Als Grundprinzipien 
fungierten der freie Welthandel und feste 


Theoriebeispiel etwa nach dem Motto: 
»Nur ein Sozialist, dem keiner mehr glaubt, ist 
ein guter Sozialist.« 

Eine sozialreformerische Regierung (z.B. 
Allende in Chile) kommt an die Macht und 
versucht den Ansprüchen der eigenen Basis 
gerecht zu werden. D.h. sie subventioniert 
Nahrungsmittel, Transportmittel, schafft 
Ausbildungsstätten, erhöht die Reallöhne 
und verstärkt die sozialen Auffangmechanis¬ 
men eines Staates. Um diese Ausgaben zu fi¬ 
nanzieren greift sie zunehmend auf ausländi¬ 
sche Kredite zurück und gerät so ins Defizit 
bei der Handelsbilanz. Hinzu kommen »äuße¬ 
re Faktoren« wie z.B. Kapitalflucht; oder wie 
vor einigen Jahren steigende Ölpreise und 
heute die US-Hochzinspolitik, - und eine da¬ 
mit einhergehende »importierte Inflation«- 
Die nach und nach überbewertete Währung 
verursacht einen Importsog, da die ausländi¬ 
schen Waren billiger werden. Die Handelsbi¬ 
lanz neigt sich noch stärker zum Defizit, die 
Devisenreserven werden zunehmend aufg c ' 
braucht, die einheimische Industrie kann die 



Wechselkurse. Nach dem Plan des US-Ameri¬ 
kaners White blieb es zudem allein den Defi¬ 
zitländern Vorbehalten, Maßnahmen zu er¬ 
greifen um ihre Zahlungsbilanz auszuglei¬ 
chen. Überschußländer - wie die USA - blie¬ 
ben ohne entsprechende Auflagen. Da 1944 
die europäischen Industriestaaten geschwächt 
waren, die Sowjetunion diesem Bund zur Ver¬ 
hinderung von Weltwirtschaftskrisen, also ei¬ 
ner kapitalistischen Schwachsteile nicht bei¬ 
trat, und auch die Staaten der 3.Welt noch 
kaum vertreten waren, konnten die USA ihre 
Vorstellungen fest verankern und sie bis heute 
gegen alle Kritik behaupten. Über die »Quo¬ 
ten« der Einzahlung in den Fonds aus dem die 
Überbrückungskredite bezahlt werden, si¬ 
cherten sich 19 Industriestaaten 60,7% der 
Stimmrechte: darunter halten die USA 
19,8%, Großbritannien und Frankreich als 
ehemalige Kolonialmächte 6,8% bzw. 5% 
und die wirtschaftlich wiedererstarkten BRD 
und Japan 6% bzw. 4,7%. Lediglich die 
OPEC-Staaten und an ihrer Spitze Saudi-Ara¬ 
bien (3,5%) konnten sich einen gewissen An¬ 
teil an der Macht im IWF erkaufen. 

Über die Macht des IWF 

Ursprüngliche Aufgabe des IWF ist es die 
Lücken in der Zahlungsbilanz eines Staates 
durch Überbrückungshilfen zu schließen, da¬ 
mit diese Länder sich trotz ihrer Probleme 
nicht aus dem offenen Welthandel zurückzie¬ 


hen. Die benötigten Kredite werden in Etap¬ 
pen erteilt, die an sich steigernde Bedingun¬ 
gen geknüpft sind und vom IWF genau kon- 
trollert werden. Als Rechnungseinheit wur¬ 
den künstliche SZR (Sonderziehungsrechte) 
geschaffen, bestehend aus einem Währungs¬ 
korb von US-Dollars, DM, franz. Franc, 
Pfund Sterling und japanischem Yen. (Die 
traditionellen Währungsreserven Gold und 
Dollar deckten die Bedürfnisse nicht mehr ge¬ 
nügend ab.) Genehmigt der IWF einen Kredit 
so gewinnt er auf zweierlei Weise Einfluß. 
Einmal muß die entsprechende Regierung das 
monetaristische Konsolidierungsprogramm 
des IWF verwirklichen, zum anderen bewirkt 
ein IWF-Kredit neues »Vertrauen« der inter¬ 
national arbeitenden Banken in diesen Staat 
und zieht eine große Zahl der für die Länder 
so wichtigen Privatkredite nach sich. Eine 
Einigung mit dem IWF ist zudem Vorbedin¬ 
gung für die langfristigen Entwicklungskredi¬ 
te der Weltbank. D.h. ein IWF-Abkommcn 
öffnet dem jeweiligen Staat die Finanzmärktc, 
ein gescheitertes Abkommen zwingt es in eine 
Kapital-Isolation, der nicht selten eine innen¬ 
politische Krise und der Sturz der Regierung 
folgen. Gemäß der Wirtschaftspolitik der 
USA entfaltet sich z.B. in Gesamt-Lateina¬ 
merika auf der politischen Ebene ein Mecha¬ 
nismus, der diese Staaten tatsächlich zum in¬ 
direkten »Hinterhof« degradiert. 











Konkurrenzfähigkeit nicht aufrechterhalten 
und das Land verliert an Kreditwürdigkeit. 
Die Regierung sieht sich gezwungen, Ver¬ 
handlungen mit dem IWF aufzunehmen. Der 
IWF fordert ein Bündel an Maßnahmen, von 
denen er seine mehrstufige Kreditvergabe ab¬ 
hängig macht und die als Ziel einen Ausgleich 
der Zahlungsbilanz anstreben. 

Die Abwertung der Landeswährung soll die 
Exportchancen steigern, den Import verteu¬ 
ern, der Staatshaushalt soll gekürzt werden, 
d.h. z.B. Entlassungen aus dem Staatsdienst, 
Subventionsabbau, Reallohnsenkung. Die 
Konzentration auf den Export bewirkt ein 
Austrocknen des Binnenmarkts, der Subven¬ 
tionsabbau erzeugt soziale Härten, Entlassun¬ 
gen und Lohnkürzungen vergrößern die Mar- 
ginalisierung (Verarmung, bzw. Reduzierung 
auf eine perspektivlose Randgruppenexi¬ 
stenz) größerer Bevölkerungsteile und ver¬ 
mindern die Nachfrage auf dem Binnenmarkt 
weiter. Konkurse mittlerer Betriebe sind die 
Folge. 

Die sozialreformerische Regierung trifft zu¬ 
nehmend auf den innenpolitischen Wider¬ 
stand ihrer eigenen Basis. Möglicherweise 
versucht sie durch neue Kompromisse diesen 
Widerstand zu »dämpfen«; wenn diese Kom¬ 
promisse jedoch der »Stabilisierung« im IWF- 
Sinne zuwiderlaufcn, wird der Fonds die zwei¬ 
te Kreditrate verweigern, die Privatbanken 
etc. werden sich erneut daran orientieren. 
Versucht die Regierung dem IWF-Abkom- 
men zu entsprechen, so setzt sie ein Pro¬ 
gramm, das Arbeitslosigkeit, Verelendung 
und binnenwirtschaftliche Rezession bedeu¬ 
tet in die Tat um. Den zu erwartenden Wider¬ 
stand muß sie »ordnungspolitisch« brechen, 
d.h. diese Regierung verläßt zunehmend ihre 
eigenen Programme und Zielsetzungen und 


entwickelt sich zu einer neoliberalistisch-au- 
toritären Regierung - als Illustration mag man 
sich die Entwicklung Portugals von der Nel¬ 
kenrevolution bis heute vor Augen führen. 
Weigert sich ein sozialreformerische Regie¬ 
rung diesen Weg der Anpassung an die US- 
(Wirtschafts-)Politik zu gehen, d.h. versucht 
sie die soziale Polarisierung und die damit ein¬ 
hergehende Repression zu verhindern um ih¬ 
re Legitimationsbasis zu erhalten, wird ihr 
vom IWF die Kreditwürdigkeit aberkannt; - 
kaum ein ausländischer Exporteur wäre jetzt 
noch bereit Geschäfte mit dieser Regierung 
abzuschließen. Eine solche Entwicklung 
bringt dem entsprechenden Land steigende 
Wirtschafts- und Rückzahlungsprobleme; der 
Preis ist deshalb für die meisten Regierungen 
zu hoch ein kollektives Verweigern mehrerer 
betroffener Länder findet noch nicht statt und 
wird vom IWF durch Sondervereinbarungen 
(zuletzt mit Mexiko) hintertrieben. An die¬ 
sem Punkt scheitern die sozialreformenschen 
Regierungen in der Regel und die Militärs er¬ 
greifen die Gelegenheit zum Putsch, um den 
»Staat zu retten«. Eine rechte Militärregie¬ 
rung war dann in der Vergangenheit recht 
schnell in der Lage sich mit dem IWF zu eini¬ 
gen (Chile, Argentinien) und die sozialen Wi¬ 
derstände mit Repression zu brechen. Kann 
sich eine sozialreformerische Regierung an 
der Macht halten, also den Einfluß des Mili¬ 
tärs abblocken, so übersteht sie aufgrund ih¬ 
rer repressiven Politik die darauffolgenden 
Wahlen nicht mehr und macht einer recht¬ 
skonservativen »Demokratie« Platz. 

Wir können den Kreislauf nun - nehmen 
wir den Fall der Militärregierung - fortsetzen: 
die Militärs versuchen ihrerseits für ihre 
Klientel zu arbeiten. D.h. sie festigen die Si¬ 
tuation der Großgrundbesitzer, der Militärs, 


der exportorientierten Bourgeoisie etc. D.h. 
Zwang zum Nahrungsmittel- und Bedarfsgü¬ 
terimport und Erhöhung des Militärhaus¬ 
halts. Sie verstärkt das Netz der polizeilichen 
und militärischen Überwachungsmaßnahmen 
und stolziert in Prestigeobjekte; - auch diese 
Entwicklung zwingt nach einer kurzen Zeit 
die neuen Machthaber zu Kreditverhandlun¬ 
gen mit dem IWF, der erneut seine Bedingun¬ 
gen stellt. 

Als konkrete Beispiele für diese herausge¬ 
griffene Entwicklung seien aus der jüngsten 
Vergangenheit genannt: Argentinien (1962 
und 1976), Ghana (1972), Brasilien (1964), 
Chile (1973), Uruquay (1973), Türkei (1960, 
1971 und 1980). Andere Beispiele von ausge¬ 
sprochen problemloser Zusammenarbeit von 
IWF und Staatsregierungen sind Südkorea 
und Südafrika. Beispiele von erzwungener 
»Anpassung« einer sozialreformerischen Poli¬ 
tik an den »kapitalistischen Alltag«, sprich 
Weltmarkt, sind Portugal, Frankreich, Jamai¬ 
ka, Costa Rica etc. Der politische »Nebenef¬ 
fekt« ist die Desillusionierung einer Bevölke¬ 
rungschicht über die politischen Neuanfänge 
in ihrem Land, sind erneute Apathie, Resi¬ 
gnation etc. und ein psychologischer Um¬ 
schlag in reaktionäre Denkmuster. Da der 
IWF diesen Kreislauf von Demokratie zum 
Militär und zurück (jüngstes und gefeiertes 
Beispiel ist Uruquay), bei gleichbleibender 
Verschuldung und Wirtschaftskrise seit Jah¬ 
ren nicht durchbrechen hilft, dürfte klar sein, 
daß es ihm auch gar nicht darum geht, die Zu¬ 
stände grundlegend ins Gleichgewicht zu brin- 
gen. 













30 


IWF - keine wirtschaftliche und politische Lö¬ 
sung 


Der Kreislauf vieler Länder von einem 
IWF-Abkommen zum anderen bei zuneh¬ 
mender Verelendung der jeweiligen Bevölke¬ 
rung, steigender Rezession der Binnenwirt¬ 
schaft und wiederkehrenden Defiziten der 
Leistungsbilanz sowie wenig veränderter In¬ 
flation verdeutlicht, daß die IWF-Konzepte 
noch nicht einmal wirtschaftlich greifen. Die 
IWF-Ökonomen setzen auf das »freie Spiel 
der Kräfte« in Ländern, in denen zu wenig 
Unternehmer, zu wenig Fachkräfte, unterent¬ 
wickelte wirtschaftliche Kreisläufe, kaum lei¬ 
stungsfähige Banken etc. existieren. D.h. ihre 
»Stabiliserungspolitik« geht ins Leere. Sie 
fragt nicht, wie eine Volkswirtschaft einer ge¬ 
stiegenen Nachfrage Rechnung tragen kann, 
wie sie bedarfsorientiert umgestellt werden 
kann, wie eine Zahlungsbilanz ausgeglichen 
werden kann ohne die Ansätze zu sozialen 
Netzen zu zerstören, wie ein Land zu einer 
Nahrungsmittel-autarken Entwicklung gelan¬ 
gen kann etc. Im Gegenteil, jegliche Wirt¬ 
schaftspolitik des IWF läuft auf eine Verlän¬ 
gerung der vom Kolonialismus erzeugten Ab¬ 
hängigkeiten von Monokulturen, ein oder 
zwei Rohstoffen etc. hinaus. Autoritäre Re¬ 
gierungen werden provoziert oder als geneh¬ 
me Partner akzeptiert. Diese wiederum hin¬ 
terfragen die Herrschaftspolitik der Industrie¬ 
länder, speziell der USA, am wenigsten, weil 
sie genügend Eigeninteressen damit verbin¬ 
den können. 


Schöne Aussichten 

„Nach den Statistiken entwickeln 
sich die USA schon im kommenden 
Jahr zu einem Nettoschuldner (was 
sie zuletzt am Vorabend des Ersten 
Weltkrieges waren)“ 

Walter Seipp, Vorstandsvorsitzen¬ 
der der Commerzbank, über die 
finanzielle Situation des reichsten 
Landes der Erde. 


aber immer die international arbeitenden 
Banken die »Überschüße« absahnen. 

Der Weg ohne Kredite führt - wie das Bei¬ 
spiel Albanien zeigt - in eine weltpolitische 
Isolation und ist kaum nachahmenswert. Der 
Weg mit der jetzigen IWF-Politik führt in die 
beschriebenen Sackgassen, wovon im Mo¬ 
ment nur die Banken (durch immer höhere 
Zinsen) verdienen, die aber dennoch - bei 
Zahlungsunfäigkeit großer Schuldner (wie 
Mexico oder Brasilien) - mit einem interna¬ 
tionalen Bankenkrach und Wirtschaftskrisen 
zusammenklappen würden. Ein Land allein 
kann diesen Kreislauf nur schwer durchbre¬ 
chen, dabei soll jetzt nicht der Eindruck ent¬ 
stehen, daß es nur am überstaatlichen IW1 
liegt, wenn Staaten repressive Politik treiben. 
Viele benutzen den IWF auch als »Sünden¬ 
bock« ihrer Bevölkerung gegenüber, um un¬ 
populäre Maßnahmen durchzuführen und 
diese dennoch nicht verantworten zu müssen. 
Es bleiben zudem jedem Staat Handlungs- 
Spielräume (wenn auch oft geringe) wie buch¬ 
stabengetreu er die Verordnungen des IWF 
erfüllt bzw. von welcher Bevölkerungsgruppe 
er die Verschuldung primär bezahlen läßt. Be¬ 
zieht man die Militärausgaben in die Kritik 
mit ein, vergrößern sich diese Handlungs¬ 
spielräume immens. 

Dennoch bleibt der IWF der beste Zuarbei¬ 
ter für US-Interessen und ersetzt so manche 
Grenada-Invasion »am grünen Tisch«. Zwei 
Belege für diesen Beitrag zum Schluß: 

a) Nicaragua bekam den letzten IWF-Kredit 
1979 noch unter Somoza; seit 1956 hatte es 
jährliche Kredite empfangen! Nicaragua liegt 
in der Banken-Bewertungsliste der Kredit¬ 
würdigkeit von allen lateinamerikanischen 
Ländern an letzter Stelle (5,5 Punkte von 
möglichen 100; vgl. Chile 32,8 von 100, das 
höchstverschuldete Brasilien 37,6...) 

b) Im »Brasiliengeschäft« stecken ca. 700 
Banken aus aller Welt. Ein Staatsbankrott 
hätte deshalb eine Wirkung nach dem Schnee¬ 
ballprinzip. Die Umschuldungsoperationen 
(je größer das Riskio, desto höher die Zinsen) 
brachten von Ende 1981 bis Ende 1983 z.B. 
der 

Commerzbank 228,6% 

Dresdener Bank 104% 

Deutschen Bank 35,4% 

Zuwachs an Gewinnen. Eine eindeutige Ant¬ 
wort auf die Frage, wohin das gesamte Geld 
eigentlich geht, wenn alle Staaten mehr oder 
weniger katastrophal verschuldet sind. Das 
soll nun nicht den Blick dafür trüben, daß die 
Industriestaaten natürlich an »ihren« Banken 
beteiligt sind. 



Holografie, das neue Medium für Kunst 
und Technik. Wir erleben eine Situation, 
die für uns völlig neu ist und die wir vorher 
noch nie erleben konnten: Wir sehen ein 
Objekt, plastisch /dreidimensional, wir kön¬ 
nen um es herumgehen; aber wir können es 
nicht berühren , es ist nichtmateriefl. Auf 22, 
teilweise farbigen Seiten werden die Tech¬ 
nik der Holografie — auch für Nichtfach¬ 
leute verständlich — erklärt und ihre An¬ 
wendungsmöglichkelten auf gezeigt, wer¬ 
den ihr Nutzen für die bildende Kunst disku¬ 
tiert und ihre ästhetischen und gesell¬ 
schaftlichen Perspektiven erörtert. Mit 
zahlreichen Abbildungen und einem echten 
Hologramm auf der Titelseite! 

Gefühle in der »ernsten« Musik. Woher 
kommt die Sprachlosigkeit in der Musik 
und die Sprachlosigkeit über Musik? Zwi¬ 
schen beiden gibt es einen Zusammen¬ 
hang, der sich zurückverfolgen iäßt bis ins 
18. Jahrhundert. Die Auffassung, Musik sei 
in erster Linie eine Frage des »feelings«, be¬ 
wegt sich in gutbürgeriieher Tradition. 

»Die Utopie vom wissenschaftlichen So¬ 
zialismus«. Henry Jacoby kritisiert vor 
dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrun¬ 
gen (zu denen viele durch den Gang der Ge¬ 
schichte erschütterte scheinbare Gewi߬ 
heiten gehören) die Übernahme » naturwis¬ 
senschaftlicher Vernunft« im sozialisti¬ 
schen Denken. 

Der UMBRUCH? Die Zeitschrift für Kultur 
und Wissenschaft. Alle zwei Monate, inter¬ 
essant und gut aufgemacht. Das aktuelle 
Heft gibt’s, wenn im Buchhandel nicht er¬ 
hältlich, für 5 DM plus 1,40 Porto (Briefmar¬ 
ken oder Scheck mitschicken) beim Buch¬ 
vertrieb Hager, Postfach 11 11 62, 6000 
Frankfurt 11 


Eine Demokratisierung bei den Stimmrech¬ 
ten innerhalb des IWF, wie sie von 3.Welt- 
Ländern angestrebt wird, brächte keine Ver¬ 
besserungen, solange das monetaristische 
Ökonomiemodell nicht offensiv bekämpft 
wird. Unter den Forderungen der 3.Welt- 
Länder befindet sich auch eine Änderung des 
Konzepts vom Anpassungszwang an eine aus¬ 
geglichene Zahlungsbilanz dahingehend, daß 
auch die »Überschußländer« diese Anpassung 
vollziehen müssen und ihre Gelder ohne Be¬ 
dingungen in die 3.Welt-Länder zurückflie¬ 
ßen lassen. Auch diese Forderung brächte der 
inneren Entwicklung dieser Länder kaurru 
Fortschritte, solange nur die Zahlungsbilanz 
der Maßstab bleibt. Wichtiger wären Stufen¬ 
pläne, nach der die Binnenwirtschaft entwik- 
kelt, die sozialen Netze geschaffen und mit 
dem Defizit gelebt werden kann, bis sich eine 
Basis für eine Volkswirtschaft überhaupt ent¬ 
wickeln konnte, die zudem nicht zwangsläufig 
kapitalistisch strukturiert bzw. an der Politik 
der Industrieländer ausgerichtet sein muß. Ei¬ 
ne Anpassung der »Überschußländer« über¬ 
sieht auch, daß selten die einzelnen Staaten, 


Wer die beschriebenen Entwicklungen an den Fail- 
beispielen Brasilien, Portugal, Sudan, Zaire, Jamai¬ 
ka und Ghana genauer studieren will, dem/der sei 
ein Buch des Junius-Verlags, Von-Hutten-Straßcl8, i 
2000 Hamburg-50 bestens empfohlen: »Im Teufels¬ 
kreis der Verschuldung - Der Internationale Wäh¬ 
rungsfonds und die Dritte Welt«, hrsg. von Peter 
Körner, Gero Maß, Thomas Siebold und Rainer 
Tetzlaff; Hamburg 1984. Aus diesem Buch entstam¬ 
men u.a. auch das Schaubild und die Zahlenangaben 
dieses Beitrags. In der Argumentation folgt cs bis¬ 
weilen zu sehr der »inneren Logik« des finanzpolit- 
schen Problems und deutet »Alternativen« wie 
»Verbesserung der Steuererfassung in der 3.Welt« 
an, die für uns keine sein können. 










31 


Es ist in libertären Zeitschriften in den letzten 


Selbstverwaltung heute 


beiden Jahren üblich geworden, das Problem 
indianischer Selbstverwaltung am Beispiel Ni¬ 
caraguas zu thematisieren. Dasselbe gilt auch 
für das Problem von Gewalt gegen Oppositio¬ 
nelle. Wir, von der SF-Redaktion, sind nun 
keineswegs der Meinung, daß es falsch wäre, 
sich um die Einschränkung der Freiheit,-egal 



-dieKatios! 


unter welcher Herrschaft auch immer - , zu 
kümmern. Wir haben allerdings das Gefühl, 
daß die Anarchisten nach der Nicaragua-Kri¬ 
tik, der Kuba-Kritik, der Auseinandersetzung 
um Arrabat (ob der so wichtig ist, wie er sich 
nimmt?), von Vielen als etwas einseitig - und 
mit der offiziellen Presse konformgehend - 
betrachtet werden und wollen deshalb in aller 
Unschuld für etwas Informationsausgleich 
sorgen. Wir denken auch, daß in Sachen Ku¬ 
ba, Nicaragua etc. noch nicht das letzte Worte 
von anarchistischer Seite gesprochen worden 
ist, behalten diese Frage jedoch späteren 
Nummern vor. Nur soviel: Kuba ist nicht die 
Sowjetunion, dazu ist Kuba nach wie vor zu 
wenig europäisch. Nicaragua ist nicht die 
UDSSR, sonst würde es sicherlich keine Ge¬ 
spräche mit der Indianeropposition geben... 
Doch zurück zu unserer Ausgangsabsicht, das 
Problem indianischer Selbstverwaltung in ei¬ 
nem lateinamerikanischen Herrschaftssystem 
westlich-kapitalistischer Prägung näher zu be¬ 
leuchten. Wir suchen uns dabei noch nicht 
einmal Chile heraus, auch nicht Brasilien etc. 
obwohl sie’s allesamt verdient hätten. Wir 
nehmen uns einen Staat, der von sich reden 
macht, weil er mit Guerilla-Gruppen verhan¬ 
delt, der eine Demokratie ansteuert und doch 
im militärischen Ausnahmezustand verharrt, 
der vom Kokainexport lebt und dafür linke 
Gruppierungen verantwortlich macht, der zu 
den 20 (!) lateinamerikanischen Ländern ge¬ 
hört, in denen es aufgrund der Entwicklungen 
notgedrungen eine Organisation von Fami¬ 
lienangehörigen von Verhaftet-Verschwun¬ 
denen gibt: Kolumbien 















»Donde cstan?« - Wo sind sie? 

Die Vcrhaftet-Verschwundcnen in Kolum¬ 
bien 

In fast allen lateinamerikanischen Ländern 
hat sich in den letzten 15 Jahren eine besonde¬ 
re Form des Umgangs mit Oppositionellen 
breitgemacht: etwa 100000 Menschen ver¬ 
schwanden spurlos, nachdem sie vorher fcst- 
genommen oder gewaltsam entführt worden 
sind. Seit Beginn der achziger Jahre beobach¬ 
tet man dieses Phänomen zunehmend auch in 
Kolumbien; erstmals wurden 1982 alarmie¬ 
rende Zahlen von Verschwundenen bekannt. 
Was geschieht ist fast immer das gleiche: Stu¬ 
denten, Journalisten, Arbeiter werden in der 
Nähe ihrer Wohnung in einen Wagen gezerrt 
und weggefahren. Verantwortlich für diese 
>Fcstnahmen< zeichnen Abteilungen der Poli¬ 
zei und des Militärs (F-2, B-2, usw.), Brigaden 
der Militärinstitute oder spezielle Komman¬ 
dos »gegen Erpressung und Entführung«. An¬ 
fragen der Angehörigen nach dem Verbleib 
der Verhafteten an die Staatsanwaltschaft 
bleiben meist ohne Antwort. 

Auf dem Land werden zunehmend weite 
Gebiete militarisiert, angeblich dem Terroris¬ 
mus von Rechts und Links vorzubeugen. Ne¬ 
ben der Folterung, Entführung und Ermor¬ 
dung von Campesinos (Kleinbauern, Tage¬ 
löhner) wurden in der letzten Zeit auch eine 
Reihe von Dörfern bombardiert. Die Überle¬ 
benden fliehen in panischem Schrecken in die 
Städte. 

Mit dem Amtsantritt von Belisario Betan- 
cur 1982 wurde formal der Ausnahmezustand 
aufgehoben und einige Monate später eine all¬ 
gemeine Amnestie für politische Gefangene 
erlassen. Diese Schritte führten jedoch nicht 


zu einem Nachlassen des Terrors im Land. Es 
mehrten sich die Berichte von >Exckutionen<, 
d.h. Ermordungen der kurz zuvor Freigelas¬ 
senen durch rechte Todesschwadronen. Offi¬ 
ziell konnte zwar eine Abnahme der Verhaf¬ 
tungen und Hausdurchsuchungen von 1982 
gegenüber 1983 beobachtet werden. Das un¬ 
durchsichtige Neben- und Miteinander von 
staatlichen Sicherheitsorganen und paramili¬ 
tärischen Gruppierungen hat jedoch dazu ge¬ 
führt, daß sich die Zahl der aus politischen 
Motiven Ermordeten, der Verschwundenen, 
Gefolterten und Verletzten von 1982 auf 1983 
fast verdoppelt hat und weiterhin im Steigen 
ist. 

Die »Entführungsanweisungen« führen 
perfekt ausgestattete Sondereinheiten aus 
Kriminellen, verarmten Bauern und Arbeits¬ 
losen aus. Diesen Organisationen ist äußerst 
schwer beizukommen, da sie von einflußrei¬ 
chen Stellen gedeckt werden und sogar hohe 
Militärs und Regicrungsbeamte in ihren Rei¬ 
hen zu finden sind. 

Deutlich wurde diese Verflechtung bei der 
Ankiageerhcbung des Generalstaatsanwaltes 
gegen die in die Aktivitäten des MAS (Ver¬ 
einigung von 16 Todesschwadronen) verwik- 
kelten Personen, unter denen sich mehrere 
hohe Militärs befanden. Die hohen Befehls¬ 
haber protestierten augenblicklich gegen die¬ 
se Anklage und nach einer Phase der Verunsi¬ 
cherung in der Regierung beruhigte sich die 
Situation wieder und die Untersuchung der 
angezeigten Verbrechen wurde nicht weiter 
verfolgt. 

Die Regierungs-Verhandlungen mit der 
Guerilla waren den Militärs ein Dorn im Au¬ 
ge. Nach der Entdeckung von Kokainlagern 



bekundete nun der Verteidigungsminister 
überraschend, Beweise dafür gefunden zu ha¬ 
ben, daß diese Lager von der FARC (größte 
Guerilla-Organisation in Kolumbien) be¬ 
wacht wurden. Durch diesen Schachzug wur¬ 
de nun zweierlei bewirkt: Erstens wurde Bc- 
tancur in der Öffentlichkeit in ein schlechtes 
Licht gestellt, da er Verhandlungen mit »Ver¬ 
bündeten der Mafia« führte. 

Zweitens wurde das Ansehen der Guerilla bei 
der Bevölkerung in bedeutendem Maße ver¬ 
letzt und die politische Bewegung kriminali¬ 



siert. 

Der Verteidigungsminister und die Militärs 
prägten den Begriff von der »Narcoguerilla«. 
Auf diese Art und Weise ist es nun einfach, 
jegliche unbequeme Opposition durch die 
Verbindung zur Mafia zu kriminalisieren, bei 
Hausdurchsuchungen selbst mitgebrachtes 
Kokain zu »entdecken« und der Bewegung ih¬ 
re politischen Ziele abzusprechen. Dazu 
kommt, daß die Militärgerichtsbarkeit mit der 
Aburteilung der Vergehen des Drogenhan¬ 
dels beauftragt worden ist. 

Ein überaus geschickter Weg, sich der politi¬ 
schen Opposition zu entledigen. 

Indianische Selbstverwaltungskonzepte heute 

Wie trotz dieser politischen Bedingungen 
dennoch in Kolumbien der Kampf um indiani¬ 
sche Selbstverwaltung ausgesehen hat und 
weiterhin aussieht, soll nun das Beispiel der 
Katios veranschaulichen, das von der Tübin~ 
ger Kolumbiengruppe zusammengcstellt wur¬ 
de und dessen Veröffentlichung uns vielleicht 
sogar neue Aspekte zeitgenössischer Kollekti¬ 
ve entdecken und unterstützen läßt. Man soll¬ 
te noch wissen, daß in Kolumbien die India¬ 
nerbevölkerung ^o radikal dezimiert wurde, 
daß sie heute nur noch 2 % der Bevölkerung 
stellen. 

Erwachendes Selbstbewußtsein 
Es war im Jahr 1958 nach zehnjährigem Bür¬ 
gerkrieg. 300000 Menschen waren in diesem 
Krieg, »«Violencia« genannt, getötet worden 
und unzählige Campesinos und Indianer 
waren von ihrem Land in die Städte vertrie¬ 
ben worden. Im März des Jahres 1958 schick¬ 
ten die Katios eine Botschaft an die neue Na- 











tionalrcgierung, in der sie die Probleme der 
Gemeinschaft darlegten und die Rückgabe 
des durch die Großgrundbesitzer besetzten 
Reservatlandes sowie die Ausweitung des Re¬ 
servates forderten. Anstatt des Landes erhiel¬ 
ten sie billige Vertröstungen: alte Kleidung, 
Mehl, Spielsachen und sonstige wertlose Din¬ 
ge. Eine kleine Kampagne gegen Tuberkulose 
wurde durchgeführt, die aber nichts bewirkte, 
weil der Hunger andauerte und sie kein Land 
erhielten. 

Alianza para ei Progreso 
Weitere Brosamen gab es in den sechziger 
Jahren im Rahmen der »Allianz für den Fort¬ 
schritt«. Nach der kubanischen Revolution 
sollten in den lateinamerikanischen Ländern 
mit amerikanischer Kredithilfe Agrarrefor¬ 
men durchgeführt werden, um den ständigen 
Unruhen auf dem Land zu begegnen. 1961 
wurde in Kolumbien ein Agrarreformgesetz 
verabschiedet. Staatliches Land und unge¬ 
nutztes Privatland sollte an Kleinbauern und 
landlose Campesinos verteilt werden. Zur 
Durchführung dieses Programmes wurde die 
Agrarreformbehörde INCORA gegründet, 
deren Aufgabe cs war, ungenutztes Land - ge¬ 
gen Entschädigung - zu enteignen und zu ver¬ 
teilen, was aber bald am Widerstand der 
Großgrundbesitzer scheiterte. 

Umsiedlung 

Im Juli 1968 erhielten die Katios endlich Ant¬ 
wort auf ihre Fragen, die sic zehn Jahre zuvor 
gestellt hatten: Die Landreform war geschei¬ 
tert. Nun machte die Regierung den Vor¬ 
schlag, die ganze Gemeinde in ein größeres, 
aber unwirtliches Gebiet umzusiedeln. Die 
Katios lehnten es ab und bestanden weiterhin 
auf ihren rechtmäßigen Forderungen. Im 
Nobvembcr desselben Jahres kam ein Gruppe 


von Experten der INCORA, die eine sehr 
ausführliche Studie über die Geschichte und 
die soziale und wirtschaftliche Situation der 
Gemeinschaft anfertigten. Die Expertengrup¬ 
pe bestätigte die Rechtmäßigkeit der Forde¬ 
rungen der Katios und empfahl der Regierung 
als einzig mögliches Mittel, um das Überleben 
der Comunidad zu sichern, die schnellstmögli¬ 
che Wiederherstellung des Reservats in seiner 
früheren Größe. Durch die Studie der INCO¬ 
RA bekamen die Eingaben der Indios eine so¬ 
lide Grundlage, die die Regierung nicht so 
leicht vom Tisch wischen konnte. Eine Ab¬ 
ordnung der Katios begab sich nach Bogota 
und erhielt dort zur Antwort, daß die Proble¬ 
me sehr bald gelöst werden würden. Letzten 
Endes haben wir das geglaubt und sind zufrie¬ 
den darüber zurückgekehrt. Aber es geschah 
nichts und die Jahre vergingen, und wir waren 
ohne wirksame Struktur ... 

Reorganisation , . . , 

Die Katios erkannten die Notwendigkeit, sich 
in der Weise ihrer Vorfahren zu organisieren, 
ihre eigene Kultur wiederzubeleben und in ei¬ 
ner Gemeinschaft zu leben, die eine wirksame 
Struktur gegen die Macht der Großgrundbe¬ 
sitzer sein konnte. Ab 1970 entstanden Kon¬ 
takte zu Campesinos aus anderen Comumda- 
des die um ihr Land kämpften und ein Aus¬ 
tausch der den Katios wichtige Anregungen 
für ihren Kampfund die Reorganisation gab. 
Nach zahlreichen Versammlungen wurde 
1976 ein Cabildo (Gemeindevorstand) ge¬ 
wählt ln gemeinsamer Arbeit mit den Mit¬ 
gliedern der Comunidad sollte er die Organi¬ 
sation der Gemeinschaft verbessern und den 
Kampf um das besetzte Land anführen. 

Seit 1976 wählen die Katios jedes Jahr im 
Januar einen neuen Cabildo aus ihrer Mitte. 4 
Jahre lang hatten die Katios unzählige Strei¬ 


tigkeiten mit dem Bürgermeister von Andes, 
mit der Polizei und den Polizeiinspektoren, 
bis der Cabildo als einzige Autorität im Indio¬ 
gebiet anerkannt wurde, die Regierung ihre 
Inspektoren zurückzog und die Selbstverwal¬ 
tung der Katios akzeptierte. 

Aktivitäten 

In den Jahren 1977 und 1978 verstärkten die 
Katios ihre Bemühungen und traten immer 
wieder an die INCORA heran. Mehrere Male 
fuhren Vertreter der Gemeinschaft nach Bo¬ 
gota und nach Medellin zum Regionalbüro 
der INCORA. Es wurden Telegramme und i 
Bittschriften abgesandt und über Presse und | 
Radio versucht, das Problem öffentlicxh zu 
machen, um der Forderung nach Rückgabe | 
des Landes Nachdruck zu verleihen. Die Ant- j 
wort, die die Katios von den verschiedensten i 
Vertretern der Regierung und der INCORA J 
gegeben wurde, war immer wieder diesselbe: 
»Wir sind zuversichtlich, daß die Probleme j 
sehr bald gelöst werden.« j 

Heraus kam dabei nichts außer Worte über | 
Worte und Versprechungen über Versprechun- \ 
gen. Mit ihren Erklärungen haben sie uns Klei- ' 
düng, einige Drogen und Bälle gebracht , ein } 
Basketballfeld gebaut und uns jedesmal vertrö- ; 
stet. Mit anderen Worten , sie haben uns wie \ 
Kinder behandelt, denen man Bonbons gibt, \ 
damit sie still bleiben. 

Die Aktivitäten der Katios und einiger Schwe- | 
stergemeinden und der Druck, der von ihnen j 
ausging, veranlaßte schließlich die INCORA j 
im Februar 1978 einen Beschluß zu fassen, 
daß 32 Ländereien, die sich Großgrundbesit- ' 
zer angeeignet hatten, ihren rechtmäßigen ' 
Besitzern zurückgegeben werden sollten. 
Diese Verordnung betraf auch das Land der 
Katios. So wurde in der Verordnung 0056 fest¬ 
gestellt, daß das bewußte Land von Libardo 









34 



Escobar illegal in Besitz genommen worden 
war. Doch die Zeit verging ohne daß der Be¬ 
schluß der INCOR A vollstreckt und das Land 
an seine rechtmäßigen Besitzer - die Indios - 
zurückgegeben wurde. 

Die Escobares 

Ein Grund dafür, daß trotz des Beschlußes 
der staatlichen Behörde INCORA und der 
klaren Rechtslage, auf die sich die Katios be¬ 
rufen konnten, ihnen immer noch keine Ge¬ 
rechtigkeit widerfuhr, war offensichtlich die 
Macht und der Einfluß des Großgrundbesit¬ 
zers Libardo Escobar. 

Die Escobares hatten alle Trümpfe gegen uns 
in der Hand: Der Landwirtschaftsminister zu 
jener Zeit war German Bula Hoyos, verheira¬ 
tet mit einer Cousine der Escobars. Der Vize¬ 
präsident der INCORA, Dr. Garner, war ver¬ 
heiratet mit einer Nichte der Escobars, der Bür¬ 
germeister von Andes zu jener Zeit Fernando 
Escobar, Bruder von Libardo Escobar, der 
Vorsitzende des Gemeinderats von Andes war 
Mario Uribe Escobar, Neffe des Terrateniente 
Escobar, der Vizepräsident des Gemeinderates 
und Chef der Konservativen Partei von Andes, 
Jhon Lemus Velasquez, ist verheiratet mit ei¬ 
ner Nichte von Escobar. Der Stellvertreter 
beim Senat der Republik ist Ricardo Escobar 
Gonzales, ein Cousin Escobars . Und nicht ge¬ 
nug mit diesen Verwandtschaftsbeziehungen, 
diese Familie verfügt über uneingeschränkten 
Rückhalt bei den Großgrundbesitzern und ein¬ 
flußreichen Persönlichkeiten der Region. In 
diesem Sumpf sind unsere gerechten Forderun¬ 
gen untergegangen. Aber unser Kampf ging 
weiter. Trotz der mächtigen Verbindungen der 
Escobares. 

Die ersten Landbesetzungen 
Nach zwei-jährigem Hin und Her nahm die 
INCORA ihren Entschluß wegen dem Druck 
der Großgrundbesitzer wieder zurück. Die 
Katios setzten nun keine Hoffnung mehr in 
die INCORA. Diese Enttäuschung ließ sie 
nicht resignieren. Für sie begann in der Mitte 
des Jahres 1980 ein neuer Abschnitt im Kampf 
um ihr Land. 


Die Gemeindeversammlung hatte einmütig 
beschlossen, im Juli desselben Jahres mit der 
direkten Rückgewinnung des Landes zu begin¬ 
nen. Wir waren außerdem übereingekommen, 
daß wir sehr gut vorbereitet sein müssen, wegen 
der mächtigen Verbindungen der Escobares. 
Wir hatten diese Entscheidung nicht getroffen, 
um Konflikte zuzuspitzen, sondern als Ant¬ 
wort auf das Verhalten von Regierung und 
Großgrundbesitzern zu unseren Forderungen. 
Wir wußten, daß uns dieser neue Abschnitt des 
Kampfes viele Probleme bringen würde und 
daß man alle Mittel der Unterdrückung anwen¬ 
den würde, um die Rückgewinnung zum Schei¬ 
tern zu bringen. Aber es blieb uns kein anderer 
Weg, als damit zu beginnen das Land zu be¬ 
bauen, das sich die Terratenientes (Gro߬ 
grundbesitzer) unrechtmäßig angeeignet hat¬ 
ten. Die Regierung trug die Schuld an dem, was 
von jetzt an passierte. Von 1958 bis 1980 hatte 
sie genug Zeit, um das Problem zu lösen, d.h. 
22 Jahre Lügen und Versprechungen, 22 Jah¬ 
re, in denen wir gehofft hatten und in denen 
nichts passierte. Wir waren sehr geduldig gewe¬ 
sen. Wir forderten ja nicht Land, das uns nicht 
gehörte, sondern nur, daß das Gesetz über die 
Reservate eingehalten würde, das die Regie¬ 
rung 1890 erließ, ebenso wie der Erlaß 1977, 
der uns als legitime Eigentümer der Hazienda 
von Libardo Escobar und angrenzender 
Grundstücke ausweist. Unser Kampf hatte sich 
innerhalb der juristischen und staatlichen 
Schranken bewegt. Warum haben wir nichts 
erreicht? Warum hat keine Autorität und auch 
keine Regierungsinstitution unsere Großväter 
verteidigt, die das Land im Einklang mit dem 
Gesetz besaßen, als man uns das Land raubte 
und es zum Verkauf an Dritte gab. Diese unse¬ 
re Fragen haben nur eine Antwort: Das Gesetz 
ist für die armen Leute und nicht für die Mäch¬ 
tigen, die »Senores«. Sie können es verletzen 
und mit Füßen treten wie es ihnen gefällt. 
Heute ist der Tag gekommen ... 

Alle Leute der Gemeinschaft vereinten sich am 
9. Juli in dem Ruf: »Heute ist der Tag gekom¬ 
men«. Frauen, Kinder und Männer hatten es 


sehnlichst erwartet, auf dem Land ihrer Ur¬ 
großmutter, Micaela Tocama, zu arbeiten. Es 
war um 8 Uhr abends des 9. Juli. Die Nacht 
warsehr dunkel, als wir einer nach dem ande¬ 
ren das Land betraten. Ab etwa 9 Uhr abends 
waren wir 320 Campesinos, Männer, Frauen 
und Kinder, die die ganze Nacht hindurch hart 
arbeiteten. Um 5 Uhr morgens des 10. Juli sind 
wir durch eine Gruppe von 40 Campesinos ab¬ 
gelöst worden, die den ganzen Tag hindurch 
arbeiten sollte. Ungefähr um 10 Uhr kam die 
Polizei und sagte uns: »Hören Sie auf zu arbei¬ 
ten! Diese Erde gehört ihnen nicht. Außerdem 
wird die INCORA sehr bald das Problem lö¬ 
sen. Später ging der Kommandant zur Hazien¬ 
da von Libardo Escobar und traf sich dort mit 
dem Bürgermeister von Andes, Fernando Es¬ 
cobar. Sie schickten 80 Polizisten, bewaffnet 
bis an die Zähne, zu unserem Weiler. Wir 
dachten, daß sie in den Krieg zögen. Dieser 
Krieg war gegen uns arbeitende Indianer von 
Escobar ausgerufen. Die Polizei kam um 
17.30 Uhr zum besetzten Land und begann so¬ 
fort mit der Zerstörungsaktion. Sie warfen die 
Hütten um, schütteten das Essen weg, das wir 
gekocht hatten, beschlagnahmten die Arbeits¬ 
geräte, beschimpften uns und schlugen uns mit 
Gewehrkolben. 40 Campesinos wurden ver¬ 
haftet. Unsere Schule haben sie zu einem Ge¬ 
fängnis gemacht, nicht, um die guten und ehr¬ 
baren Bürger zu schützen, sondern um die In¬ 
teressen der Terratenientes offen zu unterstüt¬ 
zen. Später wurden verschiedenene Verhaftete 
freigelassen; einige mußten länger bleiben. 

Trotz Repressalien wurde die Kultivierungs¬ 
aktion fortgesetzt 

Am 17. Juli begannen wir erneut in großer 
Zahl auf dem betreffenden Land zu arbeiten. 
Die Antwort der Polizei unter Oberst Cruz und 
dem Bürgermeister von Jardin, Jose Saens 
Ospina, ließ nicht lange auf sich warten. 87 Po¬ 
lizisten kamen und zerstörten die Hütten, die 
wir gebaut hatten. 38 Campesinos wurden ver¬ 
haftet und wiederum in das Gefängnis der Ge¬ 
meinde Jardin gebracht. Der Bürgermeister 
















35 



und die Polizei hatten sehr gute Beziehungen 
zu Lihardo Escobar geknüpft. Sie sperrten die 
Verhafteten in zwei kleine Zellen, daß einige 
fast erstickt wären, völlig grundlos ließ man 
nicht zu, daß ihnen Essen gebracht wurde. 
Noch schlimmer war, daß sie zu Fuß nach Ja* - 
din überführt wurden, während die Polizei ritt, 
Schläge austeilte, und Peitschenhiebe mit einer 
Stachelpeitsche. Auf der Straße haben sie uns 
mit dem Kopf gegen die Steine geschlagen, die 
Schuhe abgenommen, und uns mit Peitschen¬ 
hieben gezwungen, barfuß zu laufen. Sie nah¬ 
men uns die Hemden ab und schlugen uns auf 
die nackte Haut. Sie beleidigten uns mit rassi¬ 
stischen Gemeinheiten, die wir nicht erwähnen 
wollen. Die grausamen Demütigungen sind 
zweifelsohne ein genaues Abbild dessen, was 
während der Conquista (spanische Erobe- 
rung) passierte. 

Nachdem der Bürgermeister in Jardin jedes 
Gespräch mit einer Abordnung der Katios 
verweigert hatte, brachen am 18. Juli 1980 die 
Kinder und Mütter der Gefangenen auf, um 
die Freilassung ihrer Väter zu fordern. ie 
Entschlossenheit der Mütter und Kinder ver 
anlaßte den Bürgermeister und die Polizei 
schließlich nachzugeben und die Gefangenen 
frei zu lassen. 

Weitere Landbesetzungen 

Von August 1980 bis Februar 1981 veränderte 
sich unsere Vorgehensweise etwas. Wir gingen 
nicht mehr den ganzen Tag arbeiten, son ern 
sporadisch, um uns der Verfolgung durex tie 
Polizei zu entziehen, und um das Land a 
mählich zu bebauen. Auf diese Weise pflanz¬ 
ten wir auf ca. 20 ha Land Mais, Yuca un 
Kochbananen. Als die Saat zu wachsen be¬ 
gann, riß die Polizei sie aus oder trieb das Vieh 


darauf um sie zu zerstören. Anschließend ka¬ 
men sie in unsere Gemeinde und warnten uns 
davor, nochmals etwas anzupflanzen. Wir 
waren dadurch noch entschlossener und 
pflanzten je nach den Bedingungen tagsüber 
oder nachts weiter, mit einem Wort: Wir kamen 
und gingen, und warteten nicht darauf, daß die 
Polizei komme und uns bei der Arbeit antreffe. 
Dieses Vorgehen brachte bei den Terratenien- 
tes und der Polizei das Faß zum Überlaufen. 
Sie fielen wahllos über alle Mitglieder unserer 
Gemeinde her: viele Campesinos wurden ver¬ 
haftet und mißhandelt, mit dem Ziel Verräter 
zu finden, die uns ausspionieren und um uns 
einzuschüchtern. Sie folterten auch unseren 
Gobernador Isaias Tamanis, ebenso Arnulfo 
Yagari, Felipe Gonzalez, Apolinar Yagari und 
andere. Am 30. Oktober hat dann die Polizei 
endgültig ihren Posten in unserer Gemeinde er¬ 
richtet. Niemand konnte ohne polizeiliche Er¬ 
laubnis in unsere Gemeinde kommen. Sie hat¬ 
ten unsere Comunidad in ein Konzentrations¬ 
lager verwandelt. 

Während dieser öffentlichen und offiziellen 
Repression wurde eine Kampagne zur Ver¬ 
leumdung des Kampfes der Katios in Gang ge¬ 
setzt, Kleinbauern und Arbeiter der Gegend 
aufgehetzt und bezahlte Schläger, die sich als 
Todesschwadron »Esopetores de Jardin« 
(Büchsenmacher von Jardin) bezeichneten, 
gegen die Comunidad eingesetzt. Mündlich 
wie schriftlich wurde mit Mord gedroht, eini¬ 
ge Mordanschläge wurden ausgeführt. Im 
März 1981 wurde Mario Gonzales - ein Mit¬ 
glied der Comunidad - in einer Kneipe in An- 
des von den Söhnen des Gutsverwalters Esco- 


>ars erschossen. 

)er Mord an Ambai Tascon 
^m 10. April wurde der Rechtsanwalt Anibal 
rascon umgebracht. Der Mord an Anibal war 
ier Höhepunkt der Unterdrückung. Man hatte 
len einzigen Anwalt indianischer Abstam- 
nung, den es je in Antioqueia gegeben hatte, 
^mordet. Nicht nur uns erschien dieser Mord 
schändlich, sondern auch der Mehrheit der Be¬ 
völkerung von Andes, Jardin und des ganzen 
Südwestens von Antioqueia, die Anibal als 
Verteidiger der indianischen Interessen kann¬ 
ten Die Empörung war landesweit. Wir hielten 
Totenwache für unseren Genossen in Andes. 
Wir können der Trauer und dem Schmerz, den 
uns der Anblick unseres ermordeten Bruders 
bereitete, keinen Ausdruck verleihen. 

Die Beerdigung Anibal Tascons wurde zu ei¬ 
nem Ausdruck der Betroffenheit und Solidar¬ 
ität vieler Menschen und Gruppen in Kolum¬ 
bien Etwa 8000 Menschen nahmen an der Be¬ 
erdigung teil und Vertreter vieler bekannter 
Organisationen sprachen. Trotzdem geschah 
nichts zur Aufklärung des yerbrechens. 

Am 13- April haben wir das Land in großer 
Zahl betreten, Hätten gebaut, mit größter An¬ 
strengung Tag und Nacht gearbeitet Abord- 
nungen nach Medellin gesandt, um Solidarität 
bei Kirchen, Verbänden und Bürgern zu fin¬ 
den, und die Arbeit zu unterstützen. Je mehr 
wir um das Land kämpften, umso mehr be¬ 
standen wir auf der Untersuchung des Verbre¬ 
chens. Es kam ein Richter, Laureano Contre- 
ras, der sein Interesse Gerechtigkeit zu schaf¬ 
fen, gezeigt hat. Er hörte sich einige Erklärun¬ 
gen der Konfliktparteien an, und hielt es dann 
für richtig, gegen Libardo Escobar das Verfah¬ 
ren zu eröffnen und ordnete seine Festnahme 
an. Er wurde inhaftiert, wegen Anstiftung zum 
Mord an unserem Genossen . Aber es lief wie 
immer: Der Richter wurde entlassen, der Ober¬ 
ste Gerichtshof in Medellin sprach Libardo 


frei, und niemand brauchte für den Mord an 
Anibal zu büßen, weil niemand den Fall unter¬ 
suchte. 

Noch mehr Leiden ... und Solidarität 

Wir haben den ganzen Mai ruhig gearbeitet, 
und 40 ha kultiviert - als plötzlich ein Oberst 
namens Cordoba mit der Polizei von Andes 
kam. Es war in den ersten Junitagen, als wir 
uns , Frauen und Männer, Kinder und Alte, 
friedlich zur Arbeit versammelt hatten, als uns 
Cordoba mit seiner arroganten Stimme sagte: 
»Mißratene Indios, ihr habt kein Recht das zu 
tun!« Wir haben die Beleidigungen nicht be¬ 
achtet, weil wir verstanden hatten, an wen sie 
sich richteten. Diese jähzornige Marionette be¬ 
fahl angesichts unserer Ruhe, die Hütten zu 
zerstören, und die Leute zu verprügeln. Die 
Frauen wurden mit Fußtritten aus den Hütten 
gejagt, die Töpfe mit Schüssen durchlöchert 
und die Pflanzen abgehackt. Die Schande war 
so groß, daß sich unsere Frauen auf die Erde 
warfen und sagten: »Ihr könnt uns töten, wir 
werden nicht weichen, nur auf den Friedhof.« 

Die Polizei zählte 50 Mann, aber sie konnten 
uns nicht vertreiben, auch wenn sie alles zer¬ 
störten. Am 16. Juli waren 60 Genossen mit der 
Spitzhacke bei der Arbeit auf dem Feld, als 
Cordoba und seine Polizei kamen, 18 Genos¬ 
sen mit dem Gewehrkolben schlugen und Me- 
raldo Yagari mit Schüssen verletzten. Sie nah¬ 
men die Genossen, fesselten sie, und peitschten 
und schlugen sie ohne Erbarmen. Sie haben sie 
zu Escobars Hazienda gebracht, und gefoltert, 
bis sie vor Schmerzen und Wut weinten. Der 
Gutsverwalter Escobars stellte sich an die Spit¬ 
ze um das grausame Schauspiel, das der Oberst 
veranstaltete, zu genießen. Unsere Genossin 
Estefania Gonzalez und die Companera Idalia 
Yagari wurden geprügelt, bis sie durch die 
Schläge zusammenbrachen. Hernan Yagari 
haben sie mehrere Rippen gebrochen und so 
geschlagen, daß er Blut erbrochen hat. Die Co¬ 
munidad hat sich versammelt und ist nach Jar¬ 
din marschiert, wo sie die Freilassung der Ge¬ 
nossenforderte und dem Bürgermeister sagte, 
daß er verantwortlich wäre, wenn einer durch j 
die von der Polizei angeordneten Foltern ster- \ 


ben würde. Am Nachmittag haben wir mehrere 










Journalisten hergebeten, und ihnen mitgeteilt, 
um r/er Hazienda Escobars geschehen war. 

Wir haben es durch Presse und Radio öffent¬ 
lich gemacht. Die Comunidad ist am Sonntag, 
dem Markttag, hinunter nach Andes gegangen 
und hat dort eine Protestkundgebung durchge¬ 
führt. Die Bevölkerung von Andes hat in ihrer 
Mehrheit unsere Problematik verstanden. Vie¬ 
le Menschen haben sich an unserer Kundge¬ 
bung beteiligt. 

Auf diese Vorgänge kam endlich eine Reak¬ 
tion der Regierung. Es wurde zu einem Tref¬ 
fen eingcladen, das Ende Juli 1981 stattfand 
und an dem eine Reihe hoher Beamter und 
der Gemcindcvorstand der Katios teilnah- 
mcn. Die Regierung, vertreten durch ihre Insti¬ 
tutionen , zeigte sich bei diesem Treffen aufge¬ 
schreckt, weil die gesamte Bürgerschaft, die 
Art, wie sie die Großgrundbesitzer unterstütz¬ 
te, zurückwies. 

Bei diesem Treffen hat unsere Abordnung in 
aller Ausführlichkeit die Ereignisse in unserer 
Gemeinde geschildert. Wir beharrten darauf 
daß es die Regierung durch ihr unentschlosse¬ 
nes Verhalten war, die unsere Comunidad in 
diesen Konflikt gebracht hat, und, daß er, wie 
es scheint, so kein Ende findet. Wir machten ei¬ 
nen konkreten Vorschlag, der folgende Punkte 
enthielt: 

1) sofortiger Rückzug von Armee und Polizei 
aus dem Reservat; 

2) Übergabe der durch Escobar besetzten 
Landgüter Villa Ines und Sorrento an uns 

3) Verfolgung und Bestrafung der an Anibal 
und Mario begangenen Verbrechen. 

4) Freilassung aller seit 16 Tagen im National¬ 
gefängnis von Andes inhaftierten Frauen 
und Männer unserer Comunidad. 

Nach langer Diskussion stimmte die Regie¬ 
rung diesen Vorschlägen zu und verpflichtete 
sich schriftlich binnen 6 Monaten die Landgü- gesprochen, die Katio-Gemeindemitglieder ne. Nach zwei Jahren, so erhofft sich die Ge- 
ter aufzukaufen und den Katios zu übergeben. nicht mehr zu beschäftigen, sodaß auch diese meinschaft, wir der Kaffeanbau soviel Ertrag 
Bis dahin sollte die Comunidad die Arbeit auf Möglichkeit, ein bißchen Geld hinzuzuverdie- bringen, daß er nicht nur Unkosten macht, 
dem bereits kultivierten Land fortsetzen kön- nen, verschlossen war. »Die Absprache der sondern auch einen Überschuß bringt, der für 
nen ohne jedoch neues hinzuzugewinnen. Reichen ist, die Gemeinschaft klein zu krie- die Gemeinschaft verwendet wird. Vorläufig 
Nach der Unterzeichnung des Abkommens gen und allen zu demonstrieren, daß sich der wird diese Arbeit aber nur Kosten verursa- 
wurden die gefangenen Katios frcigelassen Kampf um Land nicht lohnt«, schrieb uns die chcn, die aber ab 1.1.1984 von der schweizer 
und das Militär zog ab. Der einzige Punkt, der Gemeinde im August 1982. Organisation SWISSAID getragen werden, 

nicht eingehalten wurde, war die Untersu- Mit dem wenigen, was sie hatten, und der Zuckerrohr: 

chung des Mordes an Anibal Tascon. geringen finanziellen Unterstützung, die sie i st ein w i chtiges Grundnahrungsmittel und 

Schließlich kam der Tag, an dem wir das von Solidaritätsgruppen erhielten, fingen die wird gemeinschaftlich angebaut. Das Endpro- 

Land betreten konnten. Am 9. März 1982 voll - Katios an, auf dem neuen Land zu arbeiten, dukt, die Pannela wird unter denjenigen ver¬ 
zog der Gouverneur der Provinz Antioqueia Um die notwendigen Arbeiten besser zu be- teilt, die bei der Produktion mitgewirkt haben 
die Übergabe des Landes und übergab uns die wältigen, gründeten sie eine Kooperative, der _ zum Verkauf oder zur Unterstützung ande- 
berichtigten Besitzurkunden unseres Reser- 126 der insgesamt 156 Familien angehören, rer, die nicht mitarbeiten können (Alte), ist es 
vats. Uns erschien es wie ein Traum, daß wir innerhalb der Kooperative gibt es verschiede- zu wen [ g Der Zuckerrohranbau soll ausge- 
nach 22 Jahren Warten und Hoffen, in denen ne Kommissionen, nämlich für Viehzucht, weitet werden. Bisher waren es 6 Hektar, de- 
wir soviel Leid und Demütigung erfahren hat- Zuckerrohr, Kaffee und Grundnahrungsmit- ren Ertrag aber nicht einmal ausreicht, um 
ten, auf einen Teil unseres Landes zurückkeh- tel. den Pannelabedarf derer zu decken, die im 

ren konnten. Die Situation in den einzelnen Bereichen Zuckerrohr arbeiten. 

Der Aufbau des Landes sieht folgendermaßen aus: Viehzucht: Nahrungsmittelporduktion: 

Die Rückgewinnung des geraubten Landes Auf den Weiden der Comunidad wurde bis- Mais, Yuca, Bohnen etc. also die Nah¬ 
war noch nicht die Lösung der akuten Proble- her das Vieh anderer Leute geweidet, was rungsmittel, werden auf dreierlei Weise ange- 

me der Katios und das Ende ihrer Leiden, aber ein schlechtes Geschäft für die Katios baut: in Gruppen von 10-20Personen, in Ge- 

Nach wie vor litten die Angehörigen der Ge- war, da es wenig einbrachte und sehr arbeits- meinschaftsarbeit von allen Mitgliedern der 

meinschaft an Hunger und Krankheiten, da intensiv war. Daher will die Gemeinschaft Kooperative, und individuell auf einem klei- 

das wiedergewonnene Land erst kultiviert nun versuchen, eine Finanzierungsquelle zu nen Stück Land, das jeder Familie zur Verfü- 

werden mußte und deshalb zunächst noch kei- finden, um eigenes Vieh anzuschaffen. gung steht Von diesen Produkten wird nichts 

ne Erträge brachte. Der Anbau auf dem ver- Kaffee: verkauft, sondern sie werden unter denen ver¬ 

wahrlosten Land konnte nur unter großen Die ausgedehnten Kaffeepflanzungen der teilt, die sie produzieren da es bislang noch 
Schwierigkeiten beginnen: Es fehlten Saatgut Gemeinschaft waren über die Jahre vernach- keinen Überschuß gibt, sondern eher Mangel, 

und Werkzeuge und außerdem war das ver- lässigt worden; es gab keine Mittel um Dünger Der gewählte Vorstand der Kooperative 

fügbare Land größtenteils Weideland, das die zu kaufen, ohne den diese Kaffeesorte keinen koordiniert die Arbeit der einzelnen Kommis¬ 
erschöpften Genossen erst für den Anbau Ertrag bringt. Nun sollen 30 ha mit relativ jun- sionen. Um die sozialen und kulturellen Auf¬ 
nutzbar machen mußten. Zu all dem war kein gen Pflanzen >restauriert< werden. Und zwar gaben der Gemeinschaft wahrzunehmen, 

Geld vorhanden. Die Regierung weigerte durch freiwillige und halb bezahlte Arbeit, wurden auf Gemeindeebene Kommissionen 

sich, einen Kredit zu geben und die Groß- d.h. die >Kaffeearbeiter< arbeiten drei Tage in für die Bereiche Gesundheit, Schule, Kinder- 








s -V/i. • § 


J1S311Um gllli 



garten und Kultur eingerichtet. Außerdem 
gibt cs schon seit einigen Jahren ein Frauen- 
kommitee, das im Kampf um die Rückgewin¬ 
nung des Landes eine wichtige Rolle gespielt 
hat. Die Arbeit der verschiedenen Kommis¬ 
sionen wird in monatlichen Versammlungen 
besprochen und ausgewertet. Die Katios sind 
aber nicht nur mit ihren eigenen Schwierigkei¬ 
ten und Erfolgen beschäftigt, sondern sie ver¬ 
suchen auch, ihre Erfahrungen weiterzuge¬ 
ben. 

Momentan besteht für uns ein großes Pro¬ 
blem, welches nicht minder groß ist, wie das 
Problem der wirtschaftlichen Weiterentwick¬ 
lung unseres Gemeinschaftsbetriebes und mit 
der Organisationsarbeit der anderen Gemein¬ 
schaften zusammenhängt. In unserem Depart¬ 
ment hat unsere Gemeinschaft eine wichtige 
Aufgabe, die wir so gut wie möglich erfüllen 
wollen: andere indianische Comunidades zu 
organisieren und uns an den gemeinsamen 
Aufgaben der Volksbewegung zu beteiligen. 
Doch wegen der nur beschränkten Mittel, die 
wir vom Betrieb abzweigen können, können 
wir auch durch freiwillige Beiträge die vielen 
Aufgaben nicht erfüllen. Der Erlös unseres 
Verkaufs reicht gerade zum Essen und zur Bil¬ 
dung der organisatorischen Kommissionen. 
Doch wenn wir nicht jetzt die Situation zur Or¬ 
ganisation nutzen, wen sollen wir dann später 
organisieren? Wirsehen doch, wie schnell und 
erfolgreich die Angriffe von Großgrundbesit¬ 
zern und Neusiedlern gegen die Gemeinschaf¬ 
ten ablaufen, in einigen Zonen gar unter dem 
Schutz des Militärs, jedenfalls müssen wir mit 
der Organisation unserer Freunde fort fahren, 
selbst wenn wir weiter Not leiden . Wir haben 
die Landbesetzungen in San Andres organi¬ 
siert, Kurse im Chocö in Dabeiba und Fronti- 
no gegeben, und wir haben uns aktiv beim Auf¬ 
bau der nationalen Indianerorganisation 

ONIC beteiligt, die uns viel bedeutet und die 
wir mit dem Ertrag unseres Landes unterstüt¬ 
zen. 

Dies als Vorstellung von aktuellen Kämpfen 
der Indianer um ihr Leben und ihre Rechte, in 
einer Situation der Repression und Ein¬ 
schüchterung, wie sie für die Mehrzahl latei¬ 
namerikanischer Länder verallgemeinerbar 
ist. Wer sie finanziell unterstützen kann, wen¬ 
de sich an die SF-Rcdaktion, wir werden das 
Geld dann an die Katios weiterleiten. Wer an 
dem Problem am Beispiel von aus El Salvador 
nach Honduras geflüchteter Campesinos 
selbst Weiterarbeiten möchte, dem sei an die¬ 
ser Stelle nochcinmal der Video-Film »EX- 
ILIO« der Freiburger Medienwerkstatt emp¬ 
fohlen (bci:FM, Konradstr.20, 78 Freiburg). 


Zciuchrift der Informationsstelle Lateinamerika 

Das ila-info erscheint 10 x im 
Jahr und bringt: 

* aktuelle Ländernachrichten 


* Hintergrundberichte und 
Analysen 

* sowie Berichte über Aktionen 
und Diskussionen der Solidari- 


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THEMEN DER LETZTEN 

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Das Geschäft mit Menschen¬ 
blut * Kirche in Lateinamerika 
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den Gründen für den Bau einer WAA 

★ Standortberichten 

* Analysen zu den Manöverbehinderun¬ 
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AKW- und Kriegsgegnern sowie alter¬ 
nativen Zeitungen. 




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nummer 5.-) und sollte unbedingt abon¬ 
niert werden. 

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Atom Express, 

Postfach 1945, 3400 Göttingen 

und 

atorrimullzeitung, 

Sültenweg 57, 2120 Lüneburg. 

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pelnummer 5.-) in Briefmarken schicken 
wir gerne und prompt ein Probeexemplar 




























Atommüll: Herrschaftsbasis der Zukunft? 

von Wolfgang Haug 



















39 


B oder: wie sich die US-Regicrung die Herr- 
schaftssichcrung in den nächsten 10 000 (!) 
Jahren vorstcllt... 

Jahrelang wurde der amerikanische Atom¬ 
müll im Pazifik versenkt; aufbewahrt in Kan- 
nistern, die unter dem ungeheuren Wasser¬ 
druck aufplatzten. Dieses Verfahren wurde 
inzwischen selbst von der US-Regicrung als 
ungeeignet empfunden, so daß auf eine Lage¬ 
rung in Salzstöckcn umdisponiert wurde. Seit¬ 
dem herrscht die Angst in den Planungsstä¬ 
ben. - Nicht etwa vor der Gefährlichkeit der 
cingclagcrtcn Substanzen, sondern vor dem 
unrechtmäßigen Eindringen von Menschen in 
die Lagerstätten. 

Bechtcl-Konzern (ehemaliger Leiter 
war der heutige Außenminister George 
Shultz) übernahm es, eine Arbeitsgruppe 
»Human Intcrfcrcnce Task Force« zu grün¬ 
den, die für die Regierung Methoden erarbei¬ 
ten sollte, wie Menschen 10.000 Jahre lang 
v on einem Eindringen in die Salzstöcke abge¬ 
halten werden können. 10.000 Jahre deshalb, 
weil die Halbwertszeit des militärisch anfal¬ 
lenden radioaktiven Mülls 10.000 Jahre be¬ 
trägt (bis zum endgültigen Zerfall also ca. 1 
Million Jahre...). 

10.000 Jahre in die Vergangenheit projiziert 
bedeuten einen Zeitraum, der nahezu die ge¬ 
samte bekannnte europäische Geschichte um¬ 
faßt: d.h. von den südfranzösischen und nord- 
spanischen Höhlenmalereien bis zur Gegen¬ 
wart. Wenn man so will, der Zeitraum der eu¬ 
ropäischen Kultur - an deren Ende sich nun 
ein Müll ansammelt, der als das langlebigste 
Kulturprodukt bezeichnet werden kann, das 
die Menschheit bislang hervorgebracht hat. 

In die ominöse Arbeitsgruppe berief der 
Bcchtcl-Konzern Soziologen, Rechtsanwälte, 
Kernphysiker, Ingenieure, Archäologen, 
Vcrhaltcnspsychologcn, Anthropologen, Se- 
miotiker und - nicht zu vergessen - einen Ge¬ 
schäftsmann für Atommüll - alles in allem 13 
Personen. Diese auserwählte Gruppe erarbei¬ 
tete tatsächlich einen Plan, der auf sic, - wie 
auf die US-Regierung als Auftraggeber-, ein 
bezeichnendes Licht wirft. Gezögert, einen 
solch absurden Auftrag anzunchmcn, hat of¬ 
fensichtlich keiner dieser Wissenschaftler. 

Blickt man in die Geschichte, so veränderte 
sich die menschliche Sprache im Durchschnitt 
alle 3-400 Jahre; eine Überlieferung müßte al¬ 
so ohne sprachliche Mittel auskommen oder 
in der Lage sein, diese immer wieder neuanzu- 
passen. Aufgrund dieses Gedankengangs 
wurde eine zweigleisige Strategie entworfen: 
eine Elitegruppe soll - als »Atompricster- 
schaft« - die Informationen von Generation 
Zu Generation weitergeben: zu diesem Zweck 
werden Mikrocomputer-Archive aufgebaut, 
deren Inhalte von jeder »Generation der Müll- 
pnester< auf den neuesten sprachlichen Stand 
gebracht werden sollen. Für die große Masse 
s °ß das Prinzip der Abschreckung gelten; ge¬ 
arbeitet wird dabei mit Tabuzonen. Gerüch¬ 
en und Mythen. D.h. cs ward diejenigen ge¬ 
ben, denen Angst gemacht wird und diejeni¬ 
gen , die das Wissen besitzen; - eine solche Re¬ 
gelung sagt natürlich mehr über den Bewußt¬ 
seinsstand und das Denken der heutigen 
Machthaber aus, als über irgendwelche Ent¬ 
wicklungen in der fernen Zukunft. Oder an¬ 
ders ausgedrückt: als ideale Herrschaftsform 
erkennen die heutigen Regierenden und ihre 
diensteifrigen Wissenschaftler die Strukturen 
des frühen Altertums: wissende Priestcrschaf- 


ten dirigieren ein abergläubisches Volk; ihr 
Gott wäre der Müll. Ihre Tagträume sind un¬ 
sere Albträume, gemildert allerdings durch 
Kopfschütteln und höhnisches Grinsen. 

Seit seinem Amtsbeginn unterscheidet 
Reagan die Welt in Gut und Böse. Was heute 
die Sowjetunion etc. bedeutet, ist übermor¬ 
gen die breite Masse. D.h. die US-Politik 
steuert bewußtseinsmäßig - trotz oder mit der 
scheinbaren Modernisierung in der Technik - 



Heft 1/1985 

Probleme 
mit dem Müll 


geradewegs in einen frühgeschichtlichen Zu¬ 
stand, in dem das magische Bewußtsein domi¬ 
nieren soll. Die Macher des Bechtel-Konzerns 
entwerfen eine Priestergesellschaft der Zu¬ 
kunft, die ihrem eigenen Bewußtseinszustand 
heute entspricht. 

Universitätsprofessoren wie der Archäolo¬ 
ge Givens oder der Semiotiker [Semioti- 
k=Lehre von den ‘Zeichen’, wobei Zeichen 
nicht nur auf Sprache beschränkt verstanden 
wird, sondern auch Mimik, Handlungen, Um¬ 
feld usw. erfaßt] Sebeok entwickelten Ende 
1981 das Modell für die Abschreckung der 
Masse: 

Über dem Salzstock müßte ein Plateau auf¬ 
geworfen werden, das von Erdwällen umge¬ 
ben und durch 7 m hohe Obelisken gekenn¬ 
zeichnet wird. Innerhalb der Anlage sollen 
sich Stahlkammern befinden, in denen Doku¬ 
mente und Zeichen, bzw. auch die Microcom- 
putcr, aufbewahrt werden. Auf den Obelis¬ 
ken sollen sich Zeichnungen von sterbenden 
Menschen, das internationale Emblem für 
Radioaktivität und Texte in den offiziellen 
UNO-Sprachen befinden. Diese Texte sollen 
Angaben darüber enthalten, wieviel Tonnen 
Atommüll wann an dieser Stelle vergraben 
wurden. Da Sprache sich wie erwähnt verän¬ 
dert sollen ein künstlicher Mythos und einige 
geplant eingesetzte Rituale um den Ort ge¬ 
schaffen werden. Diese Rituale würden von 
einer »Priesterschaft« eingeführt und müßten 
bewirken, daß die Masse der Menschen eine 
Höllenangst vor dem Platz bekommt. Ein an¬ 
derer Arbeitsbereich der Priester bestünde 
darin fortlaufend »Gerüchte« in Umlauf zu 
bringen, die - egal wie - suggerieren, daß »et¬ 
was Fürchterliches passiert, wenn man diesem 

Platz näher kommt«. , „ , ' 

Soviel zur künftigen Klasse der Beherrsch- 
ten; die »Wissenden«, die Herrscher, sollen 
an Zusatzinformationen (z.B. über Maßnah¬ 
men gegen Verstrahlung, Art der gelagerten 
Stoffe medizinische Kenntnisse...) heran¬ 
kommen können. Dazu soll irgendwo ein Ar¬ 
chiv aufgebaut werden, dessen Daten über ei¬ 
nen Microcomputer in Form einer Armband¬ 
uhr für jedes Mitglied der neuen Kaste abruf¬ 
bar werden. Ein Aufgabenbereich der Pne- 
sterschaft soll darin bestehen, dieses »bewahr¬ 
te Material« jeweils zu »rekodieren«, also der 
ihnen eigenen Zeit, Sprache und Realität fort¬ 
während anzupassen, - und wohl auch be¬ 
stimmte Fähigkeiten, z.B. medizinische, wei¬ 
terzugeben. All das jedoch nur innerhalb des 
eingeweihten Kreises, über dessen Größe 
nichts festgelegt zu sein scheint. 

Insgesamt geradezu ein Lehrstück dafür, 
wie Macht entsteht und erhalten werden soll. 
Ausgedacht auf der Basis einer primitiven 
Vorstellungskraft, die am liebsten klare Ver¬ 
hältnisse schafft: schwarz-weiß, gut-böse, wis¬ 
sende Elite-dummgehaltene Masse; - ausge¬ 
dehnt von einer heutigen Elite auf eine vorge- 
stcllte Zukunft, die den heutigen Wissens¬ 
stand natürlich nicht mehr überschreiten 
kann; ausgedacht von einer Elite, die in ihrer 
Mehrheit Lehraufträge an amerikanischen 






Alternative 

Kommunalpolitik. 

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Universitäten besitzt. Sie sehen sich vermut¬ 
lich bereits als »Gründungsväter« der neuen 
Herrscherclique der Zukunft: paritätisch be¬ 
setzt aus Regierung und Wissenschaft. 


Es wurden keine Zweifel laut an der Ver¬ 
trauenswürdigkeit der heutigen Regierung, 
an den militärischen Konzepten, die diesen 


Müll produzieren, an der Machbarkeit dieses 
Auftrags. 

Doch dies ist nur die eine Seite; entlarven¬ 
der erscheint, welches Bild von der Zukunft 
entworfen wird. Es zeigt ausnahmslos frühge¬ 
schichtliche Züge - mit einem Touch Science 
Fiction. D.h. in der Vorstellungswelt der Re¬ 
gierung und der Arbeitsgruppe gab es keinen 
Platz für eine menschliche Fortentwicklung. 
Es wurde kein Gedanke an immerhin mögli¬ 


che Atommüllbeseitigungsverfahren verwen¬ 
det; keine Überlegung angestellt, an eine 
Weiterentwicklung der Menschheit zu glau¬ 
ben, die eventuell Verfahren entwickelt, die 
auch Atommüll wiederverwendbar oder ge¬ 
fahrlos machen könnten usw.... 

Der heutige Entwicklungstand ist das Maß 
aller Dinge, er soll bewahrt und weitergege¬ 
ben werden; die heutigen Methoden, die dem 
Problem Radioaktivität hilflos gegenüber ste¬ 
hen , wären es wert in Archiven aufgespeichert 
zu werden? Dem Menschen der Zukunft wird 
jede innovative Kraft abgesprochen.. .die an¬ 
genommene »Wirklichkeit« sieht nomadisie¬ 
rende unwissende Menschenmassen voraus, 
die »eindringen« könnten. Wie kommt es da¬ 
hin? Soll die aktuelle Politik der Verarmung, 
Vereinzelung, Kontrolle systematisch auf die¬ 
sen Zustand der Menschemhinarbeiten? Wird 
ein Krieg - ein Atomkrieg - vorausgesetzt, 
der die eventuell Überlebenden als herum- 
trifftende Masse übrigläßt, die nach Reichtü- 
mern sucht und gutbewachten Müll dafür hal¬ 
ten könnte? - Während eine Regierung, sich 
einbildet, in unterirdischen Bunkern zu über¬ 
leben, um am »Tag danach« damit zu begin¬ 
nen, das Zeitalter der Atommüll-Herrschaft 
zu begründen? 

Literatur: 

Marshall Blonsky: The Immense Message - 
Semiotics in Agony; Baltimore 1984 
William M. Hewitt u.a.: Reducing the Risk 
from Future Activities that Could Affect the 
Performance of High-Level Waste Isolation 
Systems. (Licensing Topical Report for Sub- 
mittal to the U.S. Nuclear Regulatory Com¬ 
mission.) Washington D.C., US-Department 
of Energy. 1981 


Edition TIAMAT 
Verlag Klaus Bittermann 
Grimmstr.26 — 1000 Berlin 61 


Zeitschrift 

»anschläge« 


Nr.l: »Autoradiographie revolutionärer Ele¬ 
mente« 

Über das kollektive Experiment und seine gesellschaftlichen Bedin- 
gungen: 

September 1980, 4.-DM 

Nr.2: »Die Rückkehr der Flamme« 

»Die Stille in den Städten wird zerfetzt von einem platzenden Bedürf¬ 
nis ... In den heißen Nächten der Pflastersteine und Wasserwerfer hät¬ 
te der Staat nichts lieber gewußt als die hinter diesem Aufstand stehen¬ 
de Motivation — erzeigte die größte Bereitschaft, die Forderungen zu 
erfüllen, um seine phantastische Unfähigkeit unter Beweis zu stellen, 
wenn Steine der Empörung fliegen lernen.... Der Aufstand der Lust*. 

Februar 198t, 5.-DM 

Nr.3: »Die soziale Demontage in Polen« 

Überlegungen zur gegenwärtigen Lage in Polen. Bemerkungen über die 
bis heute vom polnischen Proletariat in seiner antisozialen Aktivität ange¬ 
wandten Prinzipien zum geschickten Gberauch für all jene, die hier und 
heute mit dem Staat und der Lohnarbeit Schluß machen wollen! 

Juni 1981, 8.-DM 


Nr.4: »Der Freiheit eine Gasse« 

Das Ende der Ruhe! 

Das Unerwartete einer subversiven Insurrektion kehrt in die Geschich¬ 
te zurück ohne die Revolution als das Geschichtliche seihst mit sich zu 
bringen. .... Die Kraft des Negativen ist nur aus dem zu verste¬ 

hen, was die Erweiterung und Verschärfung der Kräfte selbst erzeugt, 
die diese Gesellschaft ablehnen. 

Europa, Asien, Amerika - Zerfallt! Die Blutspur unserer Rache durch¬ 
zieht Städte und Länder! Und wir: Zerfetzt wenn die Vulkane bersten 
und das Meer sich erbricht ... 


Nr.5: »Sich die Kunst der Provokation aneignen 
— den Staat der Lächerlichkeit preisgeben — die 
Ebene der nackten Konfrontation meiden — das 
Unabsehbare genießen« 

An die Banditen, von der Energie der schlechtesten Leidenschaften getrie¬ 
ben, die allein dazu fähig ist, die alte Welt zu erschüttern und den Kräften 
des Lehens ihre schöpferische Freiheit zurückzugehen! 

»Das, was abgeschafft werden muß, besteht weiter und zusammen da¬ 
mit unser Verschleiß. Man zerreibt uns, man trennt uns. Die Jahre 
vergehen und wir haben nichts verändert. Noch einmal der Morgen 
auf denselben Straßen. Noch einmal die Müdigkeit so vieler gleicher¬ 
maßen durchgemachte Nächte. Der Marsch hat lange gedauert. Es ist 
wirklich schwer, mehr zu trinken.« 

Juni 1982, 7.-DM 

ACHTUNG: Alle fünf Hefte zusammen statt 33.- 
DM, 

JETZT: 25.-DM 

Nr.6: Aneignung und Entwendung! 

Den Sinn all dessen ändern, was der Macht 
dient. 

Streifzüge zur Abschaffung der Architektur: Das Viertel, in dem man 
das* bewegteste und verwegenste Leben führen kann ohne es je zu ver¬ 
lassen, ist zerstört. Unter den Trümmern finden wir nur mühselig 
Bruchstücke einer verlorenen Poesie. Mit dem Fortschritt der Tech¬ 
nik wurde genau das zunichte gemacht, worauf Träumer noch hoff¬ 
ten: die unterirdische Stadt wurde verschüttet und mit ihr die Lager¬ 
stätten der Liebe und Feuersbrünste. Dieser Weg der Technik ist 
gleichzeitig ihre Logik, die für die Archeologen des Unglücks nur 
nicht mehr identifizierbare Scherben zurückläßt; stumme Küsse und 
Leidenschaften, bedeutungslos für eine geschichtslose Zeit, in der die 
Moden so schnell wechseln. 


September 1981, 9.-DM 


Dezember 1983, 5.-DM 










Zum Ziel gesetzt hatten sich die fast 800 Teil¬ 
nehmer an der Bundeskonferenz eine Be¬ 
standsaufnahme des Atomprogramms und 
des Widerstandes dagegen. Vom 23. bis 25. 
November ging es in den 18 Arbeitsgruppen 
und im Plenum aber auch um die Frage, wie 
die unabhängige Anti-Akw-Bewegung wieder 
attraktiver werden kann. Immerhin hat sie in 
den 10 Jahren ihres Bestehens einiges er 
reicht: Das Atomprogramm mußte zurückge 
schraubt werden, weil ein Bewußtseinswan e 
in breiten Teilen der Bevölkerung die gesell¬ 
schaftliche Situation verändert hat. Die dire 
ten Aktionen der Anti-AKW-Bewegung a 
ben für diese Entwicklung zum großen ei 
den Boden bereitet. Nachdem Friedensbewe¬ 
gung und GRÜNE der Anti-AKW-Bewegung 
in den letzten Jahren den Wind aus den Segeln 
genommen haben, ist cs um die »friedliche 
Nutzung der Kernenergie« stiller gewor en. 
Obwohl von ihrer personellen Besetzung er 


geschrumpft, zeigte der lebendige Ablauf der 
BUKO, daß zu einer Vielzahl von Spezialthe¬ 
men und an jedem Standort unverdrossen Ar¬ 
beitsgruppen und Basisinitiativen den Wider¬ 
stand aufrecht erhalten. Wer über die Ar¬ 
beitsergebnisse dieser Gruppen auf dem 
neuesten Informationsstand sein will, dem sei 
der umfangreiche und gelungene Kongre߬ 
reader (15.-) empfohlen. 

Weltweit - aber besonders in den USA - be¬ 
findet sich die Atomindustrie in einem unauf¬ 
haltsamen Niedergang und auch in der BRD 
setzen die wirtschaftlichen Probleme den Be¬ 
treibern enge Grenzen. Allerdings droht die 
Diskussion um die Atomenergie allmählich zu 
einer Randerscheinung zu werden, da andere 
Umweltprobleme wie z.B. das Waldsterben 
von den Medien und den etablierten Parteien 
- sicher nicht ohne Grund - in den Blickwin¬ 
kel der Öffentlichkeit gestellt werden. In ei¬ 
nem Grundsatzreferat für die BUKO hat 


Prol. Jens Scheer darauf hingewiesen, da 
Radioaktivität kein Umweltgift unter vielen 
ist, sondern ein unvergleichbar hohes Bedro¬ 
hungspotential darstellt. Die verschiedenen 
Umweltgifte dürfen nicht gegeneinander aus¬ 
gespielt werden, aber die ganz besondere Ge¬ 
fährdung durch AKW’s erfordert auch beson¬ 
dere Kampfmaßnahmen - darüber herrschte 
Konsens auf der BUKO. Während an den 
Standorten die Bürgerinitiativen weiterhin 
schwerpunktmäßig zur AKW-Problematik ar¬ 
beiten, wandelte sich das Aufgabenfeld der 
anderen, mehr städtischen Initiativen, gründ¬ 
lich. Pseudo-Krupp-Initiativen, Robin Wood, 
Greenpeace, Waldsterben-Gruppen sind ent¬ 
standen. Die Aktions- und Informationsar¬ 
beit zum Thema Atomkraftwerke hat dadurch 
längst nicht mehr die Breite und Wirkung frü¬ 
herer Jahre. Die verschiedenen überregiona¬ 
len Foren der unabhängigen Anti-AKW-Be- 
wegung (Ätommüllkonferenz, diverse Lan- 












deskonferenzen, Brokdorf-und Gorleben- 
konferenz) sind von ihrer personellen Basis 
ausgedünnt und müssen in Zukunft näher zu¬ 
sammenrücken. Der Zusammenschluß von 
»Atomexpress« und »Atommüllzeitung« 
zeigt, daß sich sowas auch positiv auf die Qua¬ 
lität der Arbeit auswirken kann. Zu kurz ge¬ 
kommen ist auf der BUKO die Vernetzung 
und Zusammenarbeit mit den zahlreichen neu 
entstandenen Waldsterben- und Pseudo- 
Krupp-Gruppen. Wenn hier nichts passiert, 
werden sie gänzlich zur fetten Beute des 
BBU’s und des BUND’s. Mit der innerver- 
bandlichen Demokratie dieser um Seriosität 
bemühten Vereine ist es nicht weit her. Erst 
kürzlich hat sich der sozialdemokratisch do¬ 
minierte BBU-Vorstand durch den Versuch 
der Liquidierung des kritischen »Umweltma¬ 
gazins« hervorgetan. Auch die deutschland¬ 
politische Reisediplomatie von Leinen und 
Schatzmeister Kall hat zwar den BBU für die 
Herrschenden beachtenswerter gemacht, mit 
den Inhalten der Bürgerinitiativbewegung hat 
das nichts mehr zu tun. 

Nachdem die Friedensbewegung an ihre 
Grenzen gestoßen ist, erhält die Anti-AKW- 
Bewegung wieder neue Anziehungskraft. Ihr 
libertärer Anspruch, ihre Kreativität und 
Spontaneität und die Kritik am Expertentum 
werden sich jedoch nicht voll entfalten kön¬ 
nen , wenn die Hegemonie der auf Reputation 
ausgerichteten Vereine innerhalb der Um¬ 
wellschutzbewegung anhält. Vieles hängt da¬ 
von ab, ob die im Reader erarbeiteten Anre¬ 
gungen auch an den Standorten mit bereits 
laufenden Atomanlagcn umgesetzt werden. 
Auch wenn jetzt der Widerstand in Gorleben 
für die Umweltbewegung zu einer wichtigen 
Motivation der bundesdeutschen Anti-AKW- 
Initiativcn geworden ist - der langfristige Er¬ 
folg wird von dem Vorhandensein einer le¬ 
bendigen Infrastruktur der Bürgerinitiativen 
im ganzen Land abhängen. 

»Wir können diese Partei zwar nutzen, uns 
aber nicht auf sie verlassen« 

Diese Einstellung zu dem heißdiskutierten 
Thema »Grüne Partei und Anti-AKW-Bewe- 
gung« war gemessen am Grundtenor des Kon¬ 
gresses noch eine der positivsten. Ein anwe¬ 
sender Grüner stellte fast schon beleidigt eine 
gewisse Aggressivität der Konferenzteilneh¬ 
mer gegenüber den anwesenden Mitgliedern 
seiner Partei fest. Gereiztheit kam nicht ohne 
Grund auf, denn die von den GRÜNEN in der 
Vergangenheit in Aussicht gestellten zahlrei¬ 
chen Offensiven gegen Atomanlagen fanden 
so gut wie nicht statt. Bei der grünen Bundes¬ 
tagsfraktion reichte es noch nicht einmal zum 
Selbstverständlichen. Diese selbsternannten 
parlamentarischen Vertreter der Anti-AKW- 
Bewegung benötigten mehr als eineinhalb 
Jahre, bis endlich das Atomsperrgesetz einge¬ 
bracht wurde, indem die entschädigungslose 
Abschaltung aller AKW’s in der BRD gefor¬ 
dert wurde. Und dies geschah nur auf Drän¬ 
gen der Bürgerinitiativen. Nun hat das einge- 
brachte Gesetz, das auch noch in eine 2. Le¬ 
sung gehen wird, in der Öffentlichkeit für er¬ 
heblichen Wirbel gesorgt. Hieran sollte in der 
zukünftigen Arbeit von den Bürgerinitiativen 
angeknüpft werden. Und zwar nicht im Sinne 
einer Untermalung grüner Bundestagsaktivi¬ 
täten, sondern im Sinne einer eigenständig 
handelnden Bürgerinitiativbewegung, die nur 
unterstützt, was den selbstgesteckten Zielen 
nützt. Chancen für einen weiteren erneuteVi 


Anlauf der Bewegung bieten die Hanauer 
Atomanlagen Nukem und Alkern wegen der 
(vorläufig) geplatzten Tolerierung der SPD- 
Regierung durch die GRÜNEN. Es kommt in 
den nächsten Monaten darauf an, daß die 
Bürgerinitiativen die Initiative wiederzurück- 
gewinnen und klarmachen, daß langfristig si¬ 
chere Zugeständnisse nicht erhandelt, son¬ 
dern durch eine kontinuierliche Widerstands¬ 
bewegung erkämpft werden. Ein solches Vor¬ 
gehen würden auch diejenigen Kräfte inner¬ 
halb der GRÜNEN unterstützen, die ihre po¬ 
litische Herkunft aus den Anti-AKW-Initiati- 
ven noch nicht vergessen haben und sie zu ei¬ 
nem rigorosen Vorgehen gegen innerparteili¬ 
che Anpassungstendenzen ermutigen. 

Gemessen an dem, was die GRÜNEN ver¬ 
sprochen und an Erwartungen geschürt ha¬ 
ben, stehen sie vor einem Scherbenhaufen. 
Nach jeder Wahl und den dann folgenden To¬ 
lerierungsverhandlungen plagt sie ihr schlech¬ 
tes Gewissen: »Selbstkritisch müssen wir dabei 
als niedersächsische Grüne feststellen, daß es 
uns weder innerhalb noch außerhalb des Land¬ 
tags gelungen ist, der Albrechtschen Atompoli¬ 
tik wirkungsvoll etwas entgegenzusetzen,, 
viele meinten, wir würden das Kind schon 
schaukeln ... Es ist sicherlich eine Illusion zu 
glauben , die GRÜNEN könnten die Anti- 
A KW-Bewegung ersetzen.« (Stellungnahme 
der GRÜNEN zur BUKO). Von der Anti- 
AKW-Bewegung haben dies nur wenige ge¬ 
glaubt, wohl aber ein großer Teil der GRܬ 
NEN selber. Die Teilnehmer in der gut be¬ 
suchten AG »Verhältnis GRÜNE/Anti- 
AKW-Bewegung« haben in der Mehrzahl im¬ 
mer weder betont, daß es wichtig ist, die 
GRÜNEN mit unseren Forderungen direkt 
anzusprechen und zu konfrontieren. Die BU¬ 
KO verabschiedete dementsprechend am 
Sonntag mit großer Mehrheit folgende Reso¬ 
lution: 


Verhältnis von Anti-AKW-Bewegung zu den 
GRÜNEN 

Auch wenn die Medien in den vergangenen 
Monaten oft einen anderen Eindruck erweckt 
haben: Wir verstehen uns nicht als Wasserträ¬ 
ger irgendeiner Partei, auch nicht der GRܬ 
NEN. Und wir wissen, daß der Kampf gegen 
die Atommafia in erster Linie außerhalb der 
Parlamente geführt werden muß. Wir wider¬ 
sprechen also jenen, für die Politik erst inner¬ 
halb der Mauern und Rathäuser beginnt. 

Die Partei der GRÜNEN werden wir daran 
messen, ob und wie entschieden sie die Ziele in 
ihrem Teilbereich der Politik vertritt. Dabei 
wissen wir, daß die Gefahr groß ist, daß sie sich 
aus einem Arm der außerparlamentarischen 
Bewegungen (von denen wir eine sind) in deren 
Stellvertreter und schließlich in eine Kraft ver¬ 
wandelt, die den Herrschenden statt den Unter¬ 
drückten dient. 

Die Bundeskonferenz fordert die GRÜNEN 
auf, als Vorbedingung für die Aufnahme von 
Verhandlungen mit der SPD in Bund oder 
Ländern über eine eventuelle Tolerierung oder 
Regierungsbeteiligung die Verpflichtung zur 
sofortigen Stillegung sämtlicher Atomanlagen 
zu verlangen. 


So sehr diese Resolution auch zu begrüßen 
ist, am Sonntag hatte ich über mehrere Stun¬ 
den hinweg den Eindruck, daß etliche Initiati¬ 
ven ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich dar¬ 
auf konzentrierten, bestimmte Resolutionen 


durchzubringen. Sie kamen auf diese Weise 
der für grüne Delegiertenversammlungen ty¬ 
pischen Politikform schon bedenklich nahe. 

Wendische Perspektiven 

Zu einer intensiven und fruchtbaren Diskus¬ 
sion kam es am Sonntag im Plenum über die 
Perspektiven des Widerstands im Wendland 
nach dem Tag X. Es herrschte Übereinstim¬ 
mung, daß es gelingen muß, den politischen 
Preis für die Betreiber der Atomanlagen und 
die verantwortlichen Politiker so hoch zu 
schrauben, daß die Zwischenlager in Gorlc- 
ben für diese Leute an Attraktivität verlieren. 
Die direkten Verhinderungsversuche haben 
in letzter Zeit zugenommen und erhalten ver¬ 
mehrt Zuspruch von örtlichen Bürgerinitiati¬ 
ven. Die früher üblichen Distanzierungen 
sind angesichts der drohenden Gefahr von 300 
schwerbewaffneten Atommülltransportcn 
seltener geworden. Dafür geraten die aktiven 
Umweltschützer immer mehr durch Krimina¬ 
lisierungsversuche unter Druck. Im Landkreis 
Lüchow-Dannenberg haben in den letzten 
drei Monaten 17 Razzien der Polizei stattge¬ 
funden. Es laufen Ermittlungs- und Gerichts¬ 
verfahren wegen Nötigung, schweren Ein¬ 
griffs in Schienen- und Straßenverkehr, öf¬ 
fentlicher Aufforderung zu Straftaten bis hin 
zur Bildung und Mitgliedschaft in einer krimi¬ 
nellen Vereinigung. 

Um den Widerstand zu verbreitern, wurden 
von der Gorlcben-Arbeitsgruppe Aktionsta¬ 
ge am 25, und 26. Januar im Wendland vorge- 
schlagen. Durch den »Besuch« von Betreiber¬ 
firmen und Politikern am Freitag und durch 
Aktionen entlang der Castor-Transportstrek- 
ke am Samstag soll die Verbundenheit zwi¬ 
schen direktem und legalen Widerstand ge¬ 
zeigt werden. Im Plenum führte der in der Re¬ 
solution vorgeschlagene Begriff »massenhaf¬ 
ter ziviler Ungehorsam« zu einer Kontroverse 
(die der TAZ-Korrespondent u.a. offensicht¬ 
lich nicht mitbekommen haben). Mehrere 
Redner griffen die dadurch vorgenommenc 
einseitige Festlegung auf gewaltfreien Wider¬ 
stand an und legten ihn als Distanzierung vom 
direkten Widerstand aus. Jens Scheer beton¬ 
te, daß »ziviler Ungehorsam« von seinem ur¬ 
sprünglichen Bedeutungsinhalt eine radikale 
Kampfansage an den Staat bedeutet, dieser 
Begriff allerdings in der wendischen Perspek¬ 
tivdiskussion anders besetzt sei und die Aus¬ 
grenzung von direkten Verhinderungsversu¬ 
chen zur Folge hat. Diese Ansicht setzte sich 
durch, und es wird nun zum massenhaften 
»Protest und Widerstand im Sinne der Wend¬ 
landblockaden« aufgerufen. 

Bei zukünftigen Atommülltransporten wer¬ 
den die bundesweiten Alarmketten nur ausgc- 
löst, wenn die Erfolgsaussichten hoch einge- 
schätzt werden. Alle anreisenden Gruppen 
sollen schon vorher wissen, an welchen Punk¬ 
ten sie welche Aktionen durchführen und des¬ 
wegen frühzeitig Kontakt zu Gruppen aus 
dem Landkreis aufnehmen. 

Wir stürmen den Weltwirtschaftsgipfel 

Die BUKO hat sich nicht nur selbstgenügsam 
mit Energiefragen befaßt, sondern zog Sozial¬ 
abbau, Ausbeutung von Menschen, Kriegs- 
Vorbereitung und Wirtschaftspolitik in ihre 
politischen Überlegungen mit ein. Auf Initia¬ 
tive des >Göttinger Arbeitskreises Gegen 
Atomenergie< wurde von dem Plenum be¬ 
schlossen, dem mit großem Aufwand inszc- 
















3 



nierten Gipfeltreffen der westlichen Indu¬ 
strienationen am 2. bis 5. Mai 1985 in Bonn 
Aktivitäten aller sozialen Bewegungen entge¬ 
genzusetzen. Zu diesem Zweck wird eine bun¬ 
desweite Konferenz am 9. Februar in Göttin¬ 
gen stattfinden. Es wird vorgeschlagen, in der 
Woche des Weltwirtschaftsgipfels lokale und 
regionale Veranstaltungen zu Wirt Schaft fra¬ 
gen durchzuführen. Für den Vorabend der 
zentralen Widerstandsaktion findet eine gro¬ 
ße Veranstaltung (ev. Tribunal) statt, auf der 
die von imperialistischer Politik betroffenen 
(Bergarbeiter, Nicaragua) zu Wort kommen 
sollen. Als Höhepunkt wird eine kämpferi¬ 
sche Großdemo in Bonn am 4. Mai vorge¬ 
schlagen. 

RWE-Tribunal 

Aus der Einsicht heraus, daß Fehlentwicklun¬ 
gen wie der Bau von Atomanlagcn auch dar¬ 


auf beruhen, daß die zentralistische Struktur 
der Energieversorgungsunternehmen eine 
Kontrolle und Mitwirkung der Bürger unter¬ 
binden, wird das RWE-Tribunal am 23. und 
24. Februar 1985 in Essen stattfinden. Ziel des 
Tribunals ist es, die verheerende Umweltpoli¬ 
tik des größten Stromerzeugers der BRD in 
die öffentliche Diskussion zu bringen, die mi¬ 
litärischen Verflechtungen aufzudecken und 
Widerstandsstrategien gegen die RWE-Poli- 
tik zu entwickeln. An der Vorbereitung des 
Tribunals sind zahlreiche Initiativen aus der 
Anti-AKW-Bewegung, Waldsterben-Grup¬ 
pen und Pseudo-Krupp-Inis beteiligt. Auf der 
BUKO wurde darauf hingewiesen, daß von 
sozialdemokratischer Seite - ohne Erfolg - 
versucht worden ist, das Tribunal um ein Jahr 
zu verschieben. Offensichtlich befürchtet die 
SPD vor den NRW-Landtagswahlen mitge¬ 
tragene verfehlte Energiepolitik im Revier. 
Durch den Einzug der GRÜNEN in zahlrei¬ 


che Rathäuser besteht in Zukunft außerdem 
noch die Möglichkeit, den RWE-Riesen über 
die an ihm beteiligten Kommunen unter 
Druck zu setzen. Wie dieses Vorgehen inner¬ 
halb bestehender Strukturen verknüpft wer¬ 
den kann mit einem direkten, praktischen Wi¬ 
derstand (z.B. verstärkte Giroblau-bzw. 
Stormzahlungsverweigerungsaktivitäten) 
auch das sollte meiner Meinung nach bei ei¬ 
nem solchen Tribunal nicht zu kurz kommen. 


Adressen: BUKO-Reader: Peter Dickel, Sophien¬ 
straße 14, 3300 Braunschweig 
Hanauer Bürgerinitiative: Elmar Diez, Friedrich- 
Ebert-Anlage 9, 6450 Hanau 
RWE-Tribunal: Frank Möller, Palmstraße 17, 5000 
Köln 

Weltwirtschaftsgipfel: Atomexpress, PF 1945, 3400 
Göttingen 

Wendland: Atommüllzeitung, Sültenweg 57, 2120 
Lüneburg. 








Eine Bhagwan-Kritik, die auf dem Bauch lan¬ 
det 

Ein Verriß 

Das Buch »Diktatur der Freundlichkeit« (Ca 
Ira-Verlag, Freiburg) ist - um die Wertung 
vorneweg zu geben - genauso verquer (und 
»schädlich« - betrachtet man es von dem 
Standpunkt, daß cs die »als schädlich einge¬ 
stuften« Therapie-Bewegungen bekämpfen 
will) wie diese Bewegungen selbst. Bösartig 
formuliert, scheint es von Ex-Leninisten ge¬ 
schrieben worden zu sein, die nun die früher 
bekämpfte »spontaneistische Abweichung« 
dadurch fertigzumachen versuchen, daß sie 
zum notwendigen Vorläufer des »Psycho- 
booms« erklärt wird, dieser wiederum wird 
, ganz im Sinne von Ulrich Linses »Inflations¬ 
heiligen« wiederum zum Wegbereiter des Fa¬ 
schismus. 

Mit diesem »Zu-Kurz-Denken« sind die 
Mehrzahl der Beiträge charakterisiert und 
einfache Nachdrucke in der taz (Ende No- 
! vember) verbessern die Qualität der Ausein¬ 
andersetzung in der Scene nicht. Die Aufsatz¬ 
autoren nehmen eine Erscheinung, die ihnen 
nicht paßt und bringen sie mit einer anderen in 
möglichst enge Beziehung, von der sie wissen, 
daß ein Großteil ihrer Leser diese zweite ganz 
bestimmt ablehnt. »Faschismus« führt die 
Hitliste dieser Totschlagvergleiche mit gro- 
j ßem Vorsprung an. Mit dieser Art zu »Stigma- 
i tisieren« erzeugen die Autoren entweder Ver- 
I wirrtheit [denn sie werfen alles in einen Topf: 

I die GRÜNEN mit Heidegger, Baldur Spring- 
| mann mit Rudolf Bahro, Bhagwan mit Jean 
| Amery, Manon Maren-Griesebach mit Psy- 
| choknasttheoretiker Edgar Schein usw. usf.] 
i oder sie erzeugen ein völlig verkehrtes 
! »Schuldbewußtsein«, etwa nach dem Motto 
»Oh, wenn ich z.B. auch für Dezentralisie¬ 
rung eintrete, dann bin ich ebenfalls von dem 
kritisierten Denken infiziert, denke also 
falsch«. Eine Auseinandersetzung mit dem 
Gegenstand, also mit den guten Gründen für 
Dezentralisierung gerade gegen eine »Dikta¬ 
tur«, findet nicht wirklich statt; das Anliegen 
der kritisierten Mode (z.B. Bhagwan) wird 


nicht verstanden, deren Anziehungskraft nur 
zum Teil. Stattdessen hört man etwas von der 
Sinnkrise des Mittelstands - ganz wie 1967/68. 
Die angeführten »Argumente« sind ein Sam¬ 
melsurium von Wahrheiten, Halbwahrheiten, 
richtigen Ansätzen, Zynismen, Kurzschlüs¬ 
sen, Unwahrheiten, oberflächlichster Kritik, 
Ideologien... Diese im einzelnen darzustellen 
und zu widerlegen, würde die Seiten dieser 
Zeitschrift füllen. Sie konstruieren jeweils 
mehr, als daß sie argumentieren oder wie sie 
es vorgeben »analysieren«. Da werden zwar 
Marx und Adorno, die »Vernunft« und der 
Vorrang der »Sozialen Revolution« gegen¬ 
über der bloßen »Geistrevolution« beschwo¬ 
ren. Da wird die »Friedensbewegung als gro߬ 
angelegte Selbst-Therapie« entlarvt. Doch es 
erwarte sich kein Leser konkrete Anstöße 
Fingerzeige, wie er mit dem Phänomen »P S y- 
choboom«, »uneingelöste Wünsche«, »Ohn¬ 
machtsgefühle in dieser Gesellschaft« etc. 
umgehen lernen könnte, wie er die Wunsch- 
Realität »Soziale Revolution« in seinem eige¬ 
nen Alltag umsetzen kann etc. Es wird alles le¬ 
diglich denunziert. 

In einer Phase, in der die gesamte Linke 
sich ihrer Ohnmacht zu schnellen Verände¬ 
rungen bewußt ist, jedoch trotzdem konstruk¬ 
tive oppositionelle Arbeit en masse leisten 
kann und muß, ist nichts einfacher als sich 
durch großkotzige Kritik über alle bescheide¬ 
nen/begrenzten Versuche zu Handeln zu er¬ 
heben. Darunter fallen bei diesen wie bei ähn¬ 
lichen Autoren so widersprüchliche Handlun¬ 
gen wie der »Aktionismus der Autonomen 
oder der (ehemaligen) Hausbesetzer« genau¬ 
so wie die »Fastenaktionen gegen die Rü¬ 
stungsspirale« einiger christlich-sendungsbe¬ 
wußten Moralisten. Um nicht falsch verstan¬ 
den zu werden, - es gibt genügend Gründe ei¬ 
ne »Fastenaktion« politisch zu kritisieren, 
ebenso das Macho-Kämpfertum auf der Stra¬ 
ße, das nur zu häufig als Inbegriff politischen 
Handelns gesehen wurde. Dennoch geht es 
nicht an, Menschen, die sich dafür entschei¬ 
den, weil es ihre Art von Widerstand (mo¬ 
mentan) ausdrückt zu denunzieren, ihnen ihre 
Moral (und damit Stärke) abzusprechen und 


sie gar zu Vorbereitern neuer Herrschaftsfor¬ 
men zu erklären; - und zwar nur, weil sie ihre 
Politik nicht von ihrem Leben getrennt halten 
wollen und dadurch ihr Leben Einfluß auf ihre 
Politik gewinnt. 

Diese Kritik entspringt dem uralten My¬ 
thos, man wisse über die >richtige Aktions- 
form< Bescheid. Ein Mythos, der lediglich an¬ 
dere bevormunden will und verkennt, daß die 
Stärke einer Opposition in der Unbercchen- 
barkeit, weil Vielfalt liegt. Eigentlich erfährt 
der Leser aus dem Aufsatzband nur, daß cs 
naiv ist, den Begriff »Psychoboom« zu benut¬ 
zen , weil dieser Begriff eine neue Herrschafts¬ 
form verharmlose; daß die Forderung das 
»Private« mit dem »Politischen« zu verbin¬ 
den, der direkte Weg zur Gartenzwergidyllc 
sei, die wiederum so langweilig würde, daß 
wir - wie die Jugend 1914 - vor lauter Ohn¬ 
machtsgefühlen im Alltag auch einem Krieg 
zujubeln würden, weil der schließlich für Ab¬ 
wechslung sorgt. Man könnte nun mit Entge¬ 
genungen anfangen, daß unter Psychoboom 
durchaus das Führertum z.B. der Sekten, die 
Ansätze zu freiwilliger Gehirnwäsche des Ein¬ 
zelnen erfaßt sind; daß die Verbindung von 
Politik mit dem Alltag sowohl die abgehobene 
Politikebene verhindert wie das Abgleiten in 
einen bürgerlichen Alltag, daß Ohnmachtsgc- 
u le Wut und Bewußtheit gegen diesen Staat 
erzeugen können und keinen Jubel und und 
und... 

Abgekürzt, weil jede zweite Behauptung so 
0 er ausführlicher zurückgewiesen werden 
könnte und müßte: es gibt keinen Grund die¬ 
ses Buch ernsthaft zu besprechen, es dort zu 
zitieren, wo es wirklich informiert oder wo cs 
richtige Kritik leistet. Diese Passagen prägen 
, aum einen Artikel vollständig, sie enden auf 
er folgenden Seite mit einem haarsträuben- 
en Vergleich, zweimal um den Nebensatz er¬ 
gänzt, >es soll aber bei weitem nicht obcrfläch- 
ich verglichen werden, sondern nur.. .< 

Alles in allem: es gibt einen alternativen, 
sozialistischen Kleinverlag mehr (was wir be¬ 
grüßen), der sich in seinen zwei ersten Publi¬ 
kationen (über die Friedens-und Bhagwanbc- 
wegung) jenem wortspielerischen Zynismus a 



45 



H Wolfgang Pohrt verschreibt, dem der SF 
auch in Zukunft mit einem - im Moment 
scheinbar völlig verschrienen, antiquierten - 
Moralismus entgegenwirken wird. [Der Wi¬ 
derspruch selbst zynisch zu schreiben, Wolf¬ 
gang Pohrt als Titelgcber zu nehmen und 
gleichzeitig einem Peter Sloterdijk vorzuwer¬ 
fen, daß er Sannyasin geworden sei, ist eine 
der wundersamen Überraschungen dieses Bu¬ 
ches], 

Pohrts Erfolg beruht auf dem eigentlich 
durchsichtigen Konzept Wort-Effekte zu er¬ 
zielen und einen Gegenstand von einer uner¬ 
warteten Seite unter ungewöhnlichem Blick¬ 
winkel zu zeigen. Er hat damit die Überra¬ 
schung des Lesers auf seiner Seite, da der/die 
ja den Gegenstand so noch nie sah. Dieser 
Aha-Effckt erhöht beim Leser folgerichtig die 
Bereitschaft den Kurzschlüssen und Tot¬ 
schlag-Vergleichen Pohrts und Co. recht zu 
geben, - dies umso mehr, wenn der Aha-Ef¬ 
fckt durch gekonnte Wortwahl verlängert 
wird. Die Begeisterung über die Worte hilft 
beim Hinunterwürgen des Behaupteten. 

Man könnte jetzt weiterfragen, warum ge¬ 
rade das neue, alte KONKRET und die alter¬ 
nativ-diffuse TAZ sich als Forum anbictcn. 
Man käme auf einen frustrierten aber immer 
n °ch aufrecht-sich-dünkcnden marxistischen 
Herausgeber, dem alles Spontaneistische, 
Anarchistische, Alternative, Grünökologi- 
schc im tiefsten Innern sehr fremd (und zuwi¬ 
der) geblieben ist und dem cs in den Kram 
Paßt, das alte Politikverständnis zu retten, in¬ 
dem man das Neue durch braune Vergleiche 
abzuwürgen versucht. Man käme im zweiten 
Ball auf eine linke und eine links-spiritualisti- 
Sc hc Leserschaft die beide bei der Stange ge¬ 
halten werden müssen. Pohrt trägt - in den 
Augen so manches Redakteurs - also vermut¬ 
lich zur Ausgewogenheit bei, wenn die Anzei¬ 
geseite schon das ihrige tut. 

Wer sich selbst ärgern will, teuer ist es nicht: 
^Diktatur der Freundlichkeit«, 9.80DM, 
irs g- vom Sozialistischen Forum Freiburg, 
1984. Vertrieb: Regenbogen-Vertrieb Berlin. 


ZEITGESCHICHTE 


Suckut, Siegfried: Die Betriebsrätebewegung in der 
Sowjetisch Besetzten Zone Deutschlands <1945- 
1948). Zur Entwicklung und Bedeutung von Arbeä- 
terinitiative, betrieblicher Mitbestimmung und 
Selbstbestimmung bis zur Revision des programma¬ 
tischen Konzeptes der KPD/SED vom »besonderen 
deutschen Weg zum Sozialismus«, Haag 4- Herchen 
Verlag, Frankfurt 1982; 764 S. 88.-DM 

Die vorliegende Untersuchung ist in jeder Bezie¬ 
hung ungewöhnlich: Die Aufarbeitung einer un¬ 
wahrscheinlichen Materialfülle, die Erschließung 
wohl aller möglichen Quellen zum Thema lassen das 
Urteil zu: Die Betriebsrätebewegung in der SBZ von 
1945 bis 1948 kann als erforscht und abgeschlossen 
betrachtet werden. . 

Die Untersuchung der Arbeiterimtiativen für be¬ 
triebliche Mit- und Selbstbestimmung in der SBZ ist 
- hauptsächlich gestützt auf bisher nicht erschlosse¬ 
nes und zugängliches Quellenmaterial der DDR - 
»methodisch ... ein reines Beispiel klassischer histo¬ 
rischer Forschung« (Peter v. Oertzen, Vorwort); sie 
ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der deut¬ 
schen Arbeiterbewegung in den ersten Nachkriegs- 
iahren und bringt damit zugleich auch neue Erkennt¬ 
nisse zur Aufbauphase des zweiten deutschen Staa¬ 
tes. 

Trotz seiner strikten Begrenzung auf das Thema 
arbeitet der Verfasser die politischen, ökonomi¬ 
schen sozialen und kulturellen Ausgangsbedingun- 
„ en heraus, die das NS-Regime durch seine totale 
Kapitulation hinterlassen hatte, Enstehung, Ver¬ 
lauf Zielsetzungen und Ergebnisse der Betriebsra- 
tebewegung werden exakt nachgezeichnet. Erklär¬ 
bar ist diese Bewegung nur auf dem Hintergrund der 
unentschlossenen sowjetischen Besatzungsmacht 
und der von ihr installierten und weisungsabhangi- 
gen Behörden, den Wiederaufbau des Landes un¬ 
verzüglich und planmäßig anzugehen Diese Lucke 
füllte die Betriebsrätebewegung auf betrieblicher 
Ebene aus. Sic setzte weitgehende Mitbestimmungs¬ 
rechte durch und zeigte ansatzweise eine breite Ten¬ 
denz zur Arbeiterselbstverwaltung. Diese widerum 
konnte sich nur wegen der Unentschiedenheit und 
erstaunlich widersprüchlichen Politik der Besat- 
zungsmacht, der KPD/SED und des FDGB gegen¬ 
über basisdemokratischen Arbeiterinitiativen ent 
wickeln. Diesen Nachweis hat der Verfasser über¬ 
zeugend demonstriert. Darüberhinaus ist es dem 
Verfasser gelungen - ohne seine zentrale Fragestel¬ 
lung als die Träger von 

Selbstbestimmungstendenzen von Teilen der Arbei¬ 
terschaft in der SBZ, ihrer Best.mmungsgrunde und 
Entwicklungen, aus dem Auge zu verlieren - eine 
bedeutende Phase der Gewerkschaftsgesch.chte der 
SBZ/DDR aufzuheilen. 

Die Betriebsrätebewegung hat weder in der 
DDR-Geschichtschreibung noch in der des Westens 
ihren angemessenen Platz gefunden. So hat die Dis¬ 
sertation von Ernst Suckut Maßstäbe für die weitere 
zeitgeschichtliche DDR-Forschung gesetzt: »Die zu¬ 
künftige historische und politikwissenschafthche 
Forschung über die Nachkriegsgeschichte der SBZ 
und die Entstehung der DDR wird an dieser grund¬ 
legenden Arbeit nicht Vorbeigehen können.« (Peter 
v. Oertzen, Vorwort). 


Wolf gang Haug 


KEINE ZENSUR ANARCHISTISCHER 
ZEITUNGEN ! 

UNZERSTÜTZT DIE ANGEKLAGTEN 

FREIRAUM - MITARBEITER ! 

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Kto.Nr.366483-801 
Stichwort "FREIRAUM" 



RfAlle Macht der 
PHANTASIE! 



* Die Zivildienst-Überwachung Ein Beitrag zur 
Verweigerungskampagne der Selbstorganisation 
der ZDL: Die vorliegende Broschüre von Bcrthold 
Kirkskothen und Wolfgang Urban (PF 1122, 3551 
Lahntal) ist ein Beitrag zur Kampagne: >Vcrweigcrt 
den Kriegsdienst - Widersetzt Euch der Zivildienst- 

. Überwachung, die die SOdZDL vor fast genau zwei 
Jahren ins Leben rief. Ziel der Kampagne ist es, die 
§§23 und 79 ZDG abzuschaffen, die die Einplanung 
der Kriegsdientverweigerer im sogenannten Vertci- 
digungsfaü - und nicht nur dann - ermöglichen. In 
der Broschüre werden genügend Indizien angeführt, 
die auf konkrete Kriegspläne mit Kriegsdienstver¬ 
weigerern schließen lassen, auch wenn offizielle 
Stellen immer wieder das Gegenteil behaupten. De¬ 
mentiert wurde auch ständig die Existenz einer 
Wehrstrafjustiz, bis eines Tages solche Pläne auf 
Umwegen aus Bonner Schubladen auftauchten. 

Die Zivildienstüberwachung allein ist jedoch nicht 
die Voraussetzung für das reibungslose Funktionie¬ 
ren der Einberufungen von ehemaligen Zivildienst¬ 
leistenden im Krieg. Sie ist letztlich ein Teil eines rie¬ 
sigen Überwachungsapparates, der sich, >ziviles 
Meldewesen< nennt und den Militärs für ihre Zwek- 
ke zu nutzen wußten. Zivildienstüberwachung und 
Meldewesen geben dem BAZ ständig Aufschluß 
über den Aufenthalt eines Kriegsdienstverweige¬ 
rers. Deshalb und weil der nächste VOBO vor der 
Tür steht, sollte man sich diesen Bereich staatlicher 
Überwachung genauer ansehen. 

* NEUERSCHEINUNGEN, die dem SF zuge¬ 
sandt wurden bzw. auf der Buchmesse auffielen. Ei¬ 
ne ausführlichere Rezension behalten wir uns teil¬ 
weise vor 

* Ulrich Klemm: Anarchistische Pädagogik; 
Winddruck Verlag 1984, 112 S», 12.80DM 

* Zod’Axa: Leben ohne zu warten; Edition Nauti¬ 
lus, 1984, 142 S. 

* Michail Bakunin: Die Reaktion in Deutschland; 
Edition Nautilus 1984 

* Augustin Souchy: Reisen durch die Kibbuzim; 
Trotzdem-Verlag, 1984, 68 S., 6.-DM 

* Wolfgang Haug: Erich Mühsam - Schriftsteller 
der Revolution, Trotzdem-Verlag, 2 1984, 205 S., 
12.-DM 

* Nicolas Walter: Btr. Anarchismus (mit kommen¬ 
tierter Liste emfehlenswerter Literatur zum Anar¬ 
chismus!); Libertad-Verlag, “1984,158 S.. 8.80DM 

* Marockh Lautenschlag: Wenn der Schnee in 
meinem Land fällt; Medea-Frauenverlag 1984, 120 
S., 16.80DM 

* Als die Surrealisten noch recht hatten (Texte und 
Dokumente). (Hg. Günter Metken); Verlag Die 
Wolke, 2 1983, 432 S.,36.-DM 

* Richard Huelsenbcck: Doktor Billig am Ende: 
NW v. Karl Riha, Verlag Die Wolke 1984. 180 S., 
14.80DM 

* Im Teufelskreis der Verschuldung. Der Interna¬ 
tionale Währungsfonds und die Dritte Welt (Hg. v. 
Körner, Maaß, u.a.) Junius-Verlag, 1984, 261 S., 
ca.20.-DM 

Victor Hadwiger: II Pantegan u.a.; Edition Text 
+ Kritik, 1984 (Hg. Hartmut Geerken u. Klaus 
Ramm) 305 S..42.-DM 

Paul Scheerbo.t: Revolutionäre Theater-Biblio¬ 
thek, 2 Bde., 3 !983. Edition Text + Kritik. 250 S., je 
32.-DM 

* Inga Buhmann: 1971 Makedonischer Grenzfall, 
64 S., 10.- 

Ankündigung: 

Etwas abseits für anarchistische Leser liegt der 
Beltz-Verlag (Weinheim/Bergstrasse). Deshalb sei 
schon jetzt darauf hingewiesen, daß dort Murray 
Bookchins Buch »The Ecology of Freedom« in deut¬ 
scher Übersetzung erscheinen wird. Vermutlich im 
Herbst 1985) 










46 



Oskar Maria Graf - 

Ein Anarchist in Lederhosen 


von Berhard Arracher 


Der bayrische Volksschriftsteller Oskar Ma¬ 
ria Graf wäre am 22. Juli dieses Jahres 90 Jah¬ 
re alt geworden. Erst vor 10 Jahren ist Graf 
von einem breiteren Publikum neuentdeckt 
worden. Auch außerhalb Bayerns. Dank der 
Wiederveröffentlichung seiner Bücher im 
Süddeutschen Verlag, gab es eine Grafrenais¬ 
sance, die heuer in Funk- und Fernsehsendun¬ 
gen und in einem dreitägigen Oskar Maria 
Graf-Symposium in München ihren Ausdruck 
fand. Literaturkritik und Literaturwissen¬ 
schaft tun sich noch immer schwer Graf als das 
zu akzeptieren was er war, und als was er sich 
selbst Zeit seines Lebens betrachtet hat: als 
bayrischen Provinzschriftsteiler. 

Die gescheiten Worte und die abgehobene 
Sprache dieser Beiträge und feiern paßten so 
gar nicht zu ihm. Er, der von sich sagte, daß er 
ja nicht für Kritiker, Dichterkollegen und In¬ 
tellektuelle schreibe, sondern für das Volk, 
wurde von der »Creme der Grafologen« mit 
Worten gefeiert, dioe von denen, für die er 
seine Bücher geschrieben hat, nicht ohne wei¬ 
teres verstanden worden wären. Die Möglich¬ 
keit ihn seinem Zielpublikum, dem Volk, wie¬ 
der nahezubringen, wurde vertan. Man blieb 
unter sich. 

Graf war Bayer! Er hat das Bayernklischee 
gehaßt, das seiner Meinung nach von den 
Bayern erfunden wurde. Dasselbe Klischee, 
das jenen Leuten heute noch im Kopf steckt, 
die ihm ein steriles Weltbürgertum umhängen 
wollen. Die alles, was auch nur entfernt mit 
»Bayern« zu tun hat, in die rechte Ecke stel¬ 
len. Für diese Leute, mit ihren Berührungs¬ 
ängsten und Vorurteilen, ist Grafs Festhalten 
an der bayerischen Sprache, am »boarischen 
Gwand«, seine Vorliebe für bayerische Wirts¬ 
häuser selbst im fernen New York, nur Spie¬ 
gelfechterei, Schauspielerei, Jux. 

In seinen besten Werken beschreibt Gral 
seine Heimat. Kein Autor vor und nach ihm 
hat bayerisches Leben und bayerische Men¬ 
schen so realistisch, so wirklichkeitsgetreu, 
und vor allem so kritisch beschrieben wie er. 
Er hat seine Heimat nie überhöht oder ver¬ 
klärt dargestellt. Graf hat auch nicht zu dem 
unseligen Bayernklischee beigetragen an dem 
seine Vorgänger Ganghofer und Thoma nicht 
wenig gestrickt haben. Grafs Romane sind 
hart und unerbittlich in ihrer Sittenschildc- 
rung und Sozialkritik. Er zieht eine scharfe 
Grenze zwischen Herrschern und Beherrsch¬ 
ten und stellt sich bedingungslos auf die scite 
der letzteren. 

Oskar Maria Graf wurde am 22. Juli 1894 
als neuntes Kind des Bäckermeisters Max 
Graf und der Bauerntochter Theres Heim- 
nüh, in Berg am Starnberger See, geboren. 
Schon als kleiner Bub muß er in der Bäckerei 
mithelfen. Zusammen mit seiner Schwester 
Nanndl liefert er Brot uns Semmeln an die 
Hotels, Gastwirtschaften und an die sich da¬ 
mals gerade ansiedelnde städtische Bourgeoi¬ 
sie aus. Sein Lehrer Karl Männer begeistert 
ihn und seine Schwester in jenen Jahren für 
die Literatur. Die Kinder nutzen ihre langen 
Brotgängc um Gelesenes zu diskutieren und 
selbst Geschichten zu erfinden. Der junge 
Graf liest alles was ihm in die Hände fällt: Hei¬ 
ne, Goethe, Stifter, Uhland, besonders aber 
beeindruckt ihn LeoTolstoi, den er zeitlebens 
als sein Vorbild betrachten wird, dessen Ethik 
zur Maxime seines handelns wird. 

Aus der Volksschule entlassen, beginnt für 
Oskar die besonders harte Lehrzeit im Fami¬ 
lienbetrieb der Grafs. 1906 schon war sein Va- 











47 


ter gestorben und sein älterer Bruder Max, ein 
despotischer, vom wilhelminischen Militaris¬ 
mus geprägter Mensch, den die ganze Familie 
haßte, hatte die Bäckerei übernommen. Von 
einem »roten« Bäckergesellen, der in der 
grafschcn Bachstube tätig war, hört Oskar das 
erste Mal etwas über den Sozialismus. Die 
Ideen des Gesellen mögen wohl in jener Zeit 
ein Lichtblick für ihn gewesen sein, als er und 
mit ihm die ganze Familie, vor den grausamen 
Gemeinheiten des Bruders zitterte. Graf sag¬ 
te später einmal, er müsse sich nicht erst von 
marxistischen Schriftgelchrten sagen lassen, 
"'as Sozialismus ist, der Sozialismus sei ihm 
v on Kindheit an auf den Rücken geprügelt 
worden. Als ihn sein Bruder wieder einmal 
schwer mißhandelt, weil er dahinterkommt, 
daß Oskar sich in einem Schrank in der Gesel- 
lenkammcr eine geheime Bibliothek angelegt 
hat, flicht er, 17jährig nach München. Eine 
Karriere als Dichter schwebt ihm vor. 

In München angekommen läßt er sich als 
erstes Visitenkarten drucken. Oskar Graf, 
Schriftsteller. Von seiner Schriftstellerei kann 
Graf nicht leben. Er schlägt sich als Liftjunge, 
Bäckcrgchilfc, Müllcreiarbciter und Anstrei¬ 
cher durch. Über einen Buchbinder, der Tür 
an Tür mit Graf in Untermiete wohnt, kommt 
er mit der Gruppe >Tat< in Verbindung. Er hat 
diese kontaktaufnahme in seinem Buch >Wir 
sind Gcfangcne< beschrieben: 

»Der Buchbinder griff nach einer Broschüre, 
die auf seinem Tisch lag, und hielt sic mir hin. 
Es war Tolstois >Sklaverei unserer Zeit- 
< - -.>.la<, sagte ich einmal leichter: >Wer 
glaubt denn an Tolstoi heute? Ein paar Leute, 
u nd die können nichts machen gegen eine gan¬ 
ze Welt.< Der Buchbinder sah mich vielsagend 
an und meinte eindringlich: >Es müssen aber 
mehr werden, und wenn nur erst einmal ein 
paar Menschen anfangen und vertreten diese 
Grundsätze und bringen es den anderen bei, 
was da drinnen steht, dann werden es viele, 
Un d wir haben die Änderung der Welt!< 

Das verstand ich nicht. Dumm stand ich da 
und fragte verlegen: >Gibt es denn hier solche 
Mcnschen?< Auf das schien mein Nachbar nur 
gewartetzu haben. >Jawohl<, sagte er jetzt ge¬ 
dämpft gewichtig, >wir sind schon ziemlich 
viele hier. Auch die Syndikalisten sind bei 
uns. Wollen Sie mal mitkommen? Es wird Sie 
S1 cher interessieren^ 

Ich warvollkommcn dumm. 

^Vic heißt denn dieser Vcrein?< fragte ich 
nac h einem Augenblick. 

Der Buchbinder lächelte: >Das ist kein Ver- 
°m. Das sind Anarchisten. Wir kommen alle 
Freitage zusammen, im Restaurant »Glok- 
kenbach«. Es ist ein Dikussionsabend. Bald 
wird wieder eine größere Versammlung sein. 
Wir wollen mit den Sozialdemokraten abrech- 
uen. Das sind nur Bremser und Bürokraten, 
die die ganzen Arbeiter verdummen.< Als er 
Sa h, daß ich staunend und blöd dastand, ging 
Cr wieder an den Tisch und nahm aus der 
Schublade eine zweite Broschüre, die er mir 
rc ichte. >Da ist eigentlich alles drinnen, was 
wir wollen. Lesen Sie doch die Sache mal 
durch, und wenn Sie Lust haben, dann kom- 
mcn Sic am Freitagabend mit<, sagte er und 
verabschiedete sich von mir. Ich ging in mein 
Zimmer zurück und las Landauers >Aufruf 
Zum Sozialismus^ Das war die zweite Bro¬ 
schüre, die mir mein Nachbar gegeben hatte. 
Au f den letzten Seiten standen die >Zwölf Ar- 
tikel des Sozialistischen Bundcs<, und darun¬ 
ter war ein blauer Stempel: >Gruppe Tat, 
M ünchcn<.... 



r früh am anderen Tag stand ich auf, ging 
die Straße und suchte das Restaurant * 
)ckenbach<. Während des Dahinge ens 
anden schaurige Bilder in meiner Phanta- 
Bombenkeller, verwegene Gestalten, Ge¬ 
ntüren. .. Verflucht, wo war denn dieser 
ernte >Glockenbach<?... Ein Schutzmann 
i gemächlich des Weges. Ich ging auf ihn 
nahm schüchtern meinen Hut ab und frag¬ 
armlos: >Biitschön, können Sie mir sagen, 

iier die Anarchisten Zusammenkommen. < 

e<, sagte der, >die Artisten<? 
in, die Anarchisten«, sagte ich. 

Gesicht des Schutzmannes verwichtigte 
wurde steinern amtsmäßig. Er maß mich 
ge Sekunden scharf und sagte auf einmal 
off: >Kommen Sie mal mit!<...« 

>ie Polizei ließ Graf nach einem kurzen 
hör wieder laufen. Der Buchbinder nahm 
bei der nächsten Gelegenheit mit zu einer 

Sammlung der Gruppe Tat, die im Cam¬ 
us in der Sendlinger Straße stattfand, 
f wurde mit der Aufgabe betraut Flugblat- 
Broschüren und den »Sozialist« zu ver- 
fen. Er hielt sich in seiner Naivität unent- 
rlich für die Bewegung und er der immer 
roßen finanziellen Schwierigkeiten steck¬ 
malte sich schon aus wie er den Verkauf 
Broschüren zu einem einträglichen Ge- 
ift machen könnte. Als er anderntags sei¬ 


ne Schwester Theres, die auch in München ar¬ 
beitete, vom Geschäft abholte, erzählte er ihr 
gleich, daß er jetzt Sekretär bei den Anarchi¬ 
sten sei. 

Als ihn seine fassungslose Schwester nach 
dem Gehalt fragte, mußte er passen. Das hat¬ 
ten die Anarchisten vergessen ihm zu sagen. 
Bei der nächsten Versammlung erkundigte 
sich Graf schüchtern bei Erich Mühsam: 
»Verzeihung, Herr Mühsam, meine Schwe¬ 
ster läßt fragen, was ich da Gehalt bekomme 
und wie das mit der Anstellung ist?« Die gan¬ 
ze Versammlung brach in schallendes Geläch¬ 
ter aus. 

Neben Erich Mühsam und Franz Jung lernt 
Graf in der Gruppe Tat auch einen Konditor 
Georg Schrimpf kennen. Mit ihm sollte ihn 
bald eine herzliche Freundschaft verbinden. 
In den Jahren 1912 und 13 vagabundieren 
Graf und Schrimpf gemeinsam durchs Tessin, 
wo sie Kropotkin und Carlo und Gusto Gräser 
begegnen. 

In München zurück, arbeitet Graf wieder als 
Bäcker. Seine schriftstellerischen Versuche 
bleiben weiterhin erfolglos. 1914, nach kur¬ 
zem Aufenthalt in Berlin, veröffentlicht 
Pfemferts »Aktion« ein erstes Gedicht von 
ihm. Obwohl auch Graf vom allgemeinen 
Kriegstaumel mitgerissen wird, wie aus einem 
Brief an Richard Dehmel hervorgeht, (>In der 




! 

i 


i 


i 




! 


I 








48 


Hoffnung, daß auch mich die gerechte Sache 
bald ins Feuer bringt...) ist der Kriegsdienst 
Graf bald so zuwider, daß er eine Geistes¬ 
krankheit vortäuscht. Nachdem er auch noch 
in Hungerstreik tritt und die Sprache verwei¬ 
gert, wird er für Monate in die psychiatrische 
Klinik Haar gesteckt. 

Graf arbeitet nach seiner Entlassung aus 
der Psychiatrie wieder in einer Brotfabrik. Im 
»Simpilicissimus« und der »Jugend« erschei¬ 
nen Kurzgeschichten und Schnurren aus sei¬ 
ner Feder. Als Kurt Eisner am 7. November 
1918 auf der Theresienwiesc in München die 
Republik ausruft, ist Graf unter den Men¬ 
schenmassen die in revolutionärem Taumel 
durch München ziehen. 

Mit Hilfe einer reichen Gönnerin gründen 
Graf und ein paar Freunde den anarchisti¬ 
schen »Bund freier Menschen«. Er schreibt 
Flugblätter und läßt sie zu zehntausenden ver¬ 
treiben. Ein riesiges Plakat ruft zu einer Ver¬ 
sammlung im Mathäser, einer von Münchens 
großen Bierhallen, auf. Graf der Tolstoianer 
ist entsetzt über das neuerliche Blutvergießen 
in Deutschland. Er wendet sich in seinen Auf¬ 
rufen an »Menschen aller Stände«, jegliche 
Gewalt solle vermieden werden. Am Ver¬ 
sammlungstag drängen sich die Menschen im 
Mathäsersaal, viele können keinen Einlaß 
mehr finden. Graf wird es unheimlich zumute, 
die Sache wächst ihm über den Kopf. Völlig 


unvorbereitet tritt er vor die Versammelten. 
Schon nach ein paar Sätzen beginnen Zwi¬ 
schenrufer die Versammlung zu stören und 
ein Krawall bricht aus. Joseph Sontheimer 
(Münchner Syndikalist, wird beim Einmarsch 
der Freikorps 1919 umgebracht) reißt die Ver¬ 
sammlung an sich und schreit in den Saal: 
»Den kennen wir schon. Er ist ein Tolstoianer 
und sehr verworren.« Doch auch sein Versuch 
zu sprechen geht im Radau unter. 

Nachdem die Versammlung so kläglich ge¬ 
scheitert war, konzentriert sich der »Bund 
freier Menschen« auf den Erwerb von Grund 
und Boden um Siedlungsaktionen im Sinne 
Gustav Landauers durchzuführen. Die reiche 
Gönnerin Grafs sammelt Geld, so daß der 
Bund einen Bauernhof in Blankenburg erwer¬ 
ben kann (vgl. SF-Nr.10 - Erinnerungen von 
Hans Koch). Die Siedler, zu denen Graf 
schon nicht mehr gehört, sind alles Leute, die 
von der Landwirtschaft keine Ahnung haben. 
Auch dieses Experiment scheitert. Ein Gutes 
hat die Sache doch: nach dem Sieg der Reak¬ 
tion bietet der Hof Unterschlupf für verfolgte 
Revolutionäre. Graf hat diese Siedlungsepi¬ 
sode in einer seiner Kalendergeschichten (Die 
Siedler) beschrieben. 

Ähnlich wie Ret Marut, der spätere B. Tra- 
ven, ist er zeitweise als Zensor für die bürger¬ 
liche Presse tätig. Nach der Niederschlagung 


der Räterepublik wird er verhaftet, aber nach 
Fürsprache von Rainer Maria Rilke wieder 
aus der Haft entlassen. Aus Graf, der bisher 
einfach Oskar Graf geheißen hatte, wird Os¬ 
kar Maria Graf. 

In den zwanziger Jahren etabliert Graf sich 
als linker Schriftsteller. Vor allem sein großes 
Bekenntnisbuch »Wir sind Gefangene«, von 
dem Gorki sagte, daß es das einzige Werk sei, 
das den revolutionären Geist der unterdrück¬ 
ten deutschen Massen zum Ausdruck bringe, 
verschafft ihm die lang ersehnte Anerken¬ 
nung. Sein größter Erfolg in diesen Jahren 
aber ist eine Sammlung erotischer Bauernge¬ 
schichten und Schnurren die unter dem Titel 
»Das bayerische Dekameron« erschienen 
sind. Dieses Büchlein mit den derb-erotischen 
Geschichten aus der bayerischen Provinz ist 
auch heute noch das meistgelesene und meist- 
verkaufte Buch Grafs. 

Am 17. Februar 1933 fährt Graf zu einer 
Vortragsreise nach Österreich. Sein Exil be¬ 
ginnt. Ais man Grafs Bücher, außer seinem 
Bekenntnisroam »Wir sind Gefangene«, auf 
die sogenannte »Weiße Liste« setzt, ist Graf 
außer sich. Von Wien aus schreibt er seinen 
berühmt gewordenen Aufruf »Verbrennt 
mich«:».. .Vergebens frage ich mich, womit 
ich diese Schmach verdient habe. ...Diese 
Unehre habe ich nicht verdient! 

Nach meinem Leben und nach meinen Stre¬ 
ben habe ich das Recht, zu verlangen, daß 
meine Bücher der reinen Flamme des Schei¬ 
terhaufens überantwortet werden und nicht in 
die Hände und die verdorbenen Hirne der 
braunen Mordbanden gelangen!« 

Seine Bücher werden daraufhin in einer Son¬ 
derveranstaltung der Universität München 
nachträglich auf den Scheiterhaufen gewor¬ 
fen, der Schriftsteller »aus dem deutschen 
Reiche ausgebürgert«. 

Graf meinte dazu: »Da die Regierungen aller 
Länder der Welt diese Hitlerausbürgerungcn 
anerkannten, war ich also vollgültiger Staa¬ 
tenloser. Was ich mit wünschte bin ich tat¬ 
sächlich geworden...« 

Nach seiner Teilnahme am Februarauf¬ 
stand der österreichischen Arbeiter im Jahre 
1934, gegen den Dollfußschen Klerikalfa¬ 
schismus, übersiedeln Graf und seine Lebens¬ 
gefährtin Mirjam Sachs nach Brünn in die 
Tschechoslowakei. Im selben Jahr wird er 
zum Unionskongreß des sowjetischen 
Schriftstellerverbandes nach Moskau eingela¬ 
den. Graf verwirrt seine deutschen Kollegen 
total als er dort in bayerischer Tracht auf¬ 
kreuzt. Während Gorki die Sache amüsant 
findet schämt sich die deutsche Kolonie für ih¬ 
ren Landsmann. Scharen von Kindern laufen 
dem Lederhosenträger hinterher, wenn er 
sich auf der Straße blicken läßt, und versu¬ 
chen ihn mit Nadeln in den Hintern zu ste¬ 
chen. In seinem Buch »Reise nach Sowjetru߬ 
land 1934« beschreibt er auch die sich an¬ 
schließende Studienfahrt in den Süden der 
UdSSR, die er gemeinsam mit anderen deut¬ 
schen Autoren unternimmt. 

Am 2. Juli 1938 flieht Graf erneut vor den 
herannahenden Nazis. Er fliegt von Brünn 
nach Holland und schifft sich dort gemeinsam 
mit Mirjam Sachs nach New York ein, wo er 
am 26. Juli des gleichen Jahres ankommt. 
Diese Millionenstadt sollte dem bayerischen 
Provinzschriftsteller zur zweiten Heimat wer¬ 
den. Graf schreibt auch in New York weiter 
Bücher. Obwohl er sein sprachliches und so- 












49 


zialcs Umfeld verliert, schreibt er weiterhin in 
deinem unverwechselbaren ins Hochdeutsch 
gesetzten Bairisch. Graf weigert sich Englisch 
zu lernen. Er hält hartnäckig an seiner Leder- 
hosc fest, betätigt sich auf bayerischen Festen 
uls Brezenbäcker und Gstanzlsängcr. nach 
last 30jährigcm Exil spricht Graf gerade soviel 
Englisch, daß er damit in einem Sclbstbcdie- 
uungsladcn zurechtkommt. Auch seine Leser- 
sc halt verliert er. Trotzdem schreibt er weiter. 
kr hofft auf das Ende des Faschismus. »Natür- 
lic h«, sagt Graf später, »habe ich sehr viel für 
<-he Schublade geschrieben in all den Jahren, 
denn man will ja nicht aus der Übung kom¬ 
men* und mein Vater selig hat immer gesagt: 
Aachen die nicht verderben, setzen sich früher 
°dcr später alle ab. Gut ist’s, wenn man bei 
solchen Gelegenheiten genug davon hat.« 

Er vertreibt seine Bücher im Selbstverlag, 
doch leben kann er davon nicht. Für den Le¬ 
bensunterhalt sorgt seine Frau Mirjam, die er 
nach der Scheidung von seiner ersten Frau, 
1 C M4 endlich heiraten kann. Sie arbeitet bei 
der deutschen Literaturzcitschrift »Aufbau« 
als Sekretärin, für die auch Graf hie und da ei- 
nen Artikel schreibt. Wußte er damals schon, 
111 jenen finsteren Kriegsjahren, daß er nie 
wehr nach Deutschland zurückkehren wür¬ 
de? Wer weißes. Graf bleibt auch nach Krieg¬ 
sende in seinem Exil in der Hillsidc Avenue 
iui oberen Manhattan. Niemand ruft ihn, nie¬ 
mand wendet sich an ihn. Er der sich sofürsei- 
nc Heimat eingesetzt hatte, er der während 
des Krieges in den USA dem Bild vom bar¬ 
barischen Deutschen entgegenzuwirken ver¬ 
achte, (was ihm den Vorwurf des Faschismus 
mnbrachtc) er fühlt sich von seiner Heimat 
Erlassen. Am 24. August 1950 schreibt Graf 
an Wilhelm Högner. den bayerischen Sozial¬ 
demokraten und ehemaligen Ministerpräsi¬ 
denten: »Wirft cs nicht eine großen Schatten 
die so hoch gerühmte bayerische Kultur- 
forderung, wenn man den, ich brauche kei¬ 
nesfalls bescheiden zu sein, stärksten Dichter 
dieses Landes, derart behandelt? Ich lege ih¬ 
nen hier ein englisch gedrücktes Blatt bei, aus 
dem Sic ersehen, daß die größten Geister der 
Welt meine Bedeutung erkannt haben. Und 
ich möchte wissen, welches zutiefst bayerische 
Euch, wie mein Hauptwerk, »Das Leben mci- 
ncr Mutter, bayerisches Leben, bayerische 
Arl und bayerisches Volk so bekannt gemacht 
hat wie dieses? Viele meiner Bücher sind eng- 
hsch, französisch, spanisch, russisch, finnisch 
uud tschechisch erschienen. Nur die Heimat 
s °hert sich nichts um mich. 

Graf, der trotz seines robusten Äußeren 
u ud trotz seines krachcrtcn und selbstbcwuß- 
! Cn Auftretens sehr sensibel war, wollte nicht 
ln seine Heimat zurück, die sich ihm gegen¬ 
über gleichgültig, ja manchmal sogar ableh¬ 
nend verhielt. Es mögen auch politische 
,r ündc. die vor allem heute immer für sein 
Ausbleiben angeführt werden, mit eine Rolle 
.Lc^piclt haben. Graf der in Westdeutschland 
neu aufkehnenden Antisemitismus und 
n' ,n »protziges Prassertum« heftig kritisierte, 
Uttc auch für den anderen deutschen Staat 
n ' c ht soviel übrig, daß er hätte zurückommen 
^Icn. Mehrfach jedoch schon hatte er einen 

u £ nach Deutschland gebucht, verzichtete 
a . ' >er dann immer wieder auf eine Ausreise aus 
^ c n USA, weil er befürchtete als Staatenloser 
!' lch t mehr hincingclasscn zu werden. Seine 
Bücher die während der Nazidiktatur nicht 
ni chr j n Deutschland erscheinen konnten, 
Werden nun in beiden deutschen Teiistaaten 


wieder aufgelegt. Dem Werk, »Das Leben 
meiner Mutter«, ist der größte Erfolg beschie- 
den. Graf selbst hielt es für das Buch, das alle 
seine anderen Bücher überdauern würde. 
Thomas Mann hat dieses Buch, das die Fami¬ 
lie Grafs mit der zentralen Figur der Mutter 
beschreibt, ein wahres Monument der Pietät 
und Liebe, und in seiner Art klassisches Buch 
genannt. Es ist darüberhinaus eine äußerst 
wirklichkeitsnahe und dctailgetreue Schilde¬ 
rung bayerischen Lebens am Ausgang des 19. 
und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 

Graf zu lesen ist sehr kurzweilig und ver¬ 
gnüglich, auch für Nichtbayern. Gerade aber 
für Bayern eine Art soziokulturelle Gegenge- 
Schichtsschreibung. Was Graf über Ludwig 
Thonia sagt, gilt in sehr viel größerem Maße 
noch für ihn selber: ».. .wer es unternimmt, 
dem Wesen dieses Dichters auf den Grund zu 
kommen, der darf nicht mit abgewelkten, Be¬ 
griff gewordenen und vieldeutigen Worten 
hantieren. Er muß konkret bleiben und jedes 
Ding von dem er spricht, aus genau derselben 

stammeseigentümlichen, bayerisch-bäuerli¬ 


chen Anschauung heraus in die Greifbarkeit 
rücken, mit einem Wort, er muß dem gleichen 
Boden entwachsen sein. Sonst gleitet er zu 
leicht ab ins literarisch-spekulative, unleben¬ 
dige Betrachten.« 

Der Roman »Die Erben des Untergangs«, 
der schon im Januar 1943 als Manuskript vor¬ 
lag, 1946/47 überarbeitet wurde und 1949 bei 
Kurt Desch unter dem Titel »Die Eroberung 
der Welt« erschien, kann als politisches Testa¬ 
ment Grafs betrachtet werden. Obwohl der 
Roman zu Grafs künstlerisch eher weniger be¬ 
deutenden Werken gehört, ist er gerade heu¬ 
te, im Lichte der Abrüstungsproblematik, 
wieder höchst aktuell. Graf entwirft in ihm, 
wohl auch unter dem Eindruck des 2. Welt¬ 
krieges, eine Gesellschaftsordnung, die von 
einer Mischung aus Tolstoianertum und 
Landauerscher Siedlungspolitik geprägt ist. 
Die Welt wird durch einen atomaren Holo¬ 
caust fast entvölkert. Die Überlebenden zie¬ 
hen als Nomaden über die Kontinente. Nur 
langsam organisiert sich die verschont geblie¬ 
bene Bevölkerung. Die Menschen streben ci- 


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ne dezentralisierte Ordnung an. Der Provinz- 
Schriftsteller bekennt sich noch einmal zur 
Provinz: »Je kleiner die Gebiete, umso bes¬ 
ser. Sie blasen dem Nationalismus das Le¬ 
benslicht aus, vor allem vermindern sie Un¬ 
recht und Unmenschlichkeit... So was sieht 
man in so einer kleinen Provinz schnell und 
wehrt sich dagegen. Provinziell muß die Welt 
werden, dann wird sie menschlich!« ■ 

Das Fundament der Weltföderation, die 
Graf vorschwebt, bilden die »verwaltungs- 
und gerichtsautonomen Agrogemeindcn, in 
welchen Bauern, Arbeiter und Intellektuelle 
gleicherweise Besitzer und Nutznießer von 
Grund und Boden und aller Produktionsmit¬ 
tel sind.« Die Verfassung, die sich die Welt 
gibt entspricht teilweise wörtlich Landauers 
»Zwölf Artikeln des Sozialistischen Bundes«. 
Der Roman von dem sich Graf bleibenden li¬ 
terarischen Rang versprochen hatte, blieb oh¬ 
ne Resonanz. Auch bei seiner Wiederveröl- 
fentlichung im Jahre 1959. 

Im Jahre 1958 wird Graf Bürger der Verei¬ 
nigten Staaten. Erst als auf Fürsprache promi¬ 
nenter deutscher Emigranten, wie Albert Ein¬ 
stein und Thomas Mann, der Passus »Landes¬ 
verteidigung mit der Waffe in der Hand« für 
Graf aus der Einbürgerungsformel gestrichen 
wird, leistet er den Eid, Als er beim Schwören 
die Hand heben soll, und nichts dergleichen 
tut, hebt ihm ein Freund von hinten den Arm 
hoch. Noch im selben Jahr macht Graf sich in 
die alte Heimat auf. 

Zur 800 Jahr-Feier der Stadt München liest 
Graf im Cuvilliestheater. Die Lesung gerat 
zum Eklat. Als er in kurzer Lederhosc und 
Trachtenjanker zur Lesung antritt, bleiben 
die Honoratiorenplätze leer. Erich Kästner, 
der die einführenden Worte sprechen soll, 
weigert sich. Er hält Grafs »Aufzug« nicht für 
gebührlich genug und attackiert ihn hart in der 
münchner Presse. Daß Graf die ganze Ange¬ 
legenheit völlig natürlich sah, und er nicht, 
wie ihm heute gern unterstellt wird, provozie¬ 
ren wollte, geht aus Äußerungen seiner Ver¬ 
wandtschaft hervor. Er hatte sich mit seiner 
Familie beraten und als auch die es für ganz 
natürlich hielt, die Lesung in der Tracht zu 
halten, ging er in der Lederhose. Auch der da¬ 
malige OB Vogel fand es nicht ungebührlich, 
daß ein bayerischer Schriftsteller in der Le¬ 
dernen aus seinen Werken liest. Als er auf 
dem Weg zur Lesung an einigen Polizisten 
vorübergeht, klopft er dem nächstbesten auf 
die Schulter, und meint: »Könnts ruhig heim¬ 
gehen. Die Revolution is scho lang vorbei.« 

Mitten in der Lesung hört Graf auf und 
sagt: »Jetz hab i a soichan Durscht, ja was 
mach ma denn jetza da?« Ein Mann der Büh¬ 
nenfeuerwehr holt ihm eine frische Maß, und 
nachdem er getrunken hat, liest er weiter. 

Dreimal noch kehrt Graf in seine Heimat 
zurück. Als er sich entschließt, endlich ganz 
heimzukehren, und an Vogel schreibt: »Auf 
die Frage, ob ich nicht in meine urspüngliche 
Heimat zurückkommen will, kann ich ihnen 
heute nach langen sehr eingehenden Überle¬ 
gungen mein Jawort geben«, läßt ihm der Tod 
keine Zeit mehr. Am 28. Juni 1967 stirbt er in 
New York. Ein Jahr später wird seine Urne 
auf dem Bogenhauser Friedhof in München 
beigesetzt. 

Ludwig Marcuse schrieb in einem Briet an 
Graf aus dem Jahre 1954: ».. .Was ich an Dir 
vor allem schätze, daß Du nie vergessen hast, 
was ein Anarchist ist... und Dich danach be¬ 
nommen hast.« 

In einem Text aus dem Nachlaß bekennt sich 
Graf noch einmal in aller Deutlichkeit zum 
Anarchismus: »Wie ich zum Beispiel neulich. 












nac h fast 50 Jahren wieder im Tessin, in Lo¬ 
carno, Ascona und Umgebung gewesen bin, 
da hab ich mich an verschiedene Erlebnisse 
erinnert. In die dortige Gegend bin ich als jun- 
8 er Anarchist, mit meinem unvergeßlichen, 
verstorbenen Freund, Georg Schrimpf, ge¬ 
kommen. Der selbiges Mal noch Konditor 
u nd erst später Kunstmaler geworden ist. Der 
Schrimpf hat mich auf den Anarchismus ge¬ 
bracht, und hat mich sozusagen darin unter¬ 
richtet. Unsere hauptsächlichsten Lehrer 

Profit-Gangster Heidemann 

von Rolf Rccknagel 

Der schlimmste Profit-Gangster in Traven- 
Geschäften war der STERN-Rechercheur 
Gerd Heidemann. Über seine Gier nach 
Ruhm und Geld mit den gefälschten Hitler- 
Tagebüchern schrieb bereits Erich Kuby 
(Konkret-Verlag, Hamburg bzw. Volk und 
Welt, Berlin 1983). Heidemann hatte in der 
Zeit vom Januar 1981 bis Mai 1983 mit diesen 
Fälschungen 1,7 Millionen Mark erhalten. Bei 
der »Tagcbücher«-Affäre spielte auch Heide- 
rrianns Frau Barbara eine Rolle. Meine Ab¬ 
sicht ist es, wegen der Gaunereien von Bar¬ 
bara und Gerd Heidemann in die Vergangen¬ 
heit zu schauen: 

Im Hamburger STERN Nr.34 vom 25. Au¬ 
gust 1963 kam Heidemanns erste Publikation 
über B. Traven: es sei August Bibelje. Da 
aber Heidemann durch meine Publikationen 
erfahren hatte, daß es mit August Bibelje 
n *chts auf sich hatte, versuchte er, mit mir in 
Verbindung zu kommen. Wir trafen uns sogar 
einmal in Berlin im Monat Juni 1963, so daß 
Ic h Heidemann die Fehler nachweisen konn¬ 
te, ihn auf den »falschen Traven« gemäß der 
RT-Mittcilungcn, Nr. 31 vom November 1958 
hinwies und ihm etliche Unterlagen über Ret 
Marut gab. 

Heidemanns späteres Buch »Postlagernd 
Tampico. Die abenteuerliche Suche nach B. 
Traven«, Blanvalct Verlag München 1977, 
lc gann er bereits mit einer Lüge: »Der 
^TERN-Chefrcdakteur Henri Nannen habe 
J hn gebeten zur ehemaligen Frau des B. Tra- 
Vc n mit dem Namen Hedwig Meier zu kom- 
men und mit ihr in Iserbrook zu sprechen. Sie 
sa gtc dem STERN-Rechercheur Heidemann, 
^aß Traven der damalige »August Bibelje« 
gewesen sei. Über diese Fchlintcrpretation 
war bereits in den BT-Mitteilungen vom No¬ 
vember 1958 eine Richtigstellung erfolgt. 

Der Profit-Gangster Heidemann hatte wohl 
Ul ch meine Publikationen in der Hamburger 
Tie Andere Zeitung« (12.7.63) und in »B. 
r aven. Beiträge zur Biographie« (Reclam- 
Cr lag, Leipzig 1966) erkannt, daß ersieh mit 
ct Marut näher beschäftigen mußte. Zur 
leipziger Buchmesse 1967 kam plötzlich 
erd Heidemann mit seiner Freundin Bar- 
2, <lla zu mir, und als sic kein Geld und keine 
Gelegenheit für ein Hotel hatten, wohnten sie 
c mc Woche bei uns in der Waldstraße. 

Meine Frau Ellen befand sich in dieser Zeit 
j^ r ade in einer Leipziger Klinik. Mir sagte 
cidemann, er wäre beim STERN vor allem 
Photograph tätig, deshalb besaß er einen 
?l°apparat. Ich mußte jeden Tag als Fach- 
_. uldozcnt ™r Bibliothckarschulc in Leip- 
‘6-Lcutzsch. Außerdem mußte ich für den 
u 'j a S meiner fünf Kinder sorgen. Barbara 
s nc Gerd Heidemann wohnten in unserem 
• C1 Zimmer, und wenn sie zum Essen oder 
.j 1 c lc Stadt gehen wollten, mußten sie vorher 
Urc h mein Arbeitszimmer. 


waren der Franzose Proudhon, der russische 
Fürst Peter Kropotkin, sein französischer 
Freund Elisee Reclus, die italienischen Syndi¬ 
kalisten und die deutschen Schriftsteller Gu¬ 
stav Landauer, Erich Mühsam und Rudolf 
Rocker. Und unser Evangelium war das Buch 
von Max Stirner, »Der Einzige und sein Eigen¬ 
tum«. 

Für mich als Bayern, der alles bloß so ver¬ 
steht, wie er es verstehen will, war und ist der 
Anarchismus eine ganz großartige Überzeu- 


Ich habe erst bei den STERN und KON- 
KRET-Publikationen »Ich fand B. Traven«, 
»Er ist ein Sohn des Kaisers« festgestellt, daß 
Heidemann meine Dokumente, Unterlagen 
und Bilder von Ret Marut alias B. Traven 
heimlich fotographiert hatte. Niemals sagte 
oder schrieb Heidemann etwas über meine 
Forschungen, die er in Leipzig gestohlen hat¬ 
te. Ferner log Heidemann mit seiner »Entdek- 
kung«, daß die Witwe von B.Traven, Rosa 
Elena Lujän-Traven ihm gesagt habe, Traven 
sei »ein Sohn des Kaisers Wilhelm II.«. Rosa 
Elena schrieb mir am 26. Juni 1967: »Ich 
möchte Sie auch wissen lassen, daß ich nie¬ 
mals Mr. Heidemann erzählt habe, mein 
Mann sei der Sohn von Wilhelm II., obwohl er 
(Heidemann) mich diesbezüglich immer wie¬ 
der fragte.« 

Einige der genannten Ereignisse kann man 
ausführlich nachlesen in »B.Traven. Beiträge 
zur Biographie« (Reclam-Verlag Leipzig 
1971/1982.) Die zusätzlichen Fakten über Ma¬ 
rut alias Traven durch den mexikanischen 


gung und Weltanschauung. Ich meine nicht so 
etwas Grobschlächtiges bei dem die Leute 
gleich denken, es handelt sich um Königsmor¬ 
de, Attentate auf Staatspräsidenten und Bom- 
benwerfereien verwilderter Terroristen. Nein, 
nein, ich meine ihn als Weltanschauung. Noch¬ 
mal gesagt, also der Anarchismus ist mir so¬ 
fort eingegangen. Es ist genau das, wofür ich 
seit jeher gewesen bin!« 


Nachlaß von B. Traven, die ich bei meinem 
Besuch im Juni/Juli 1981 feststellte, sind aber 
nicht eingearbeitet. 

Deshalb sei noch zu dem Profit-Gangster 
Heidemann erläutert: als »B. Traven den 
STERN-Artikel »Er ist ein Sohn des Kaisers« 
las, war er am darauffolgenden Tag äußerst 
ärgerlich und wütend. Rosa Elena erzählte 
mir, daß es in ihrem Haus in der Calle Missis¬ 
sippi 61 in der Nacht furchtbar rauchte .. .Ro¬ 
sa eilte nach unten und erlebte in der Küche 
ihren »Skipper«, der eine Menge Dokumente 
im Ofen verbrannte. 

Da ich sowohl im Jahre 1976 und 1981 für 
längere Zeit in der Calle Mississippi 61 wohn¬ 
te, kenne ich den umfangreichen Nachlaß von 
B. Traven ganz genau. Seine Unruhe im April 
1967 hatte nichts mit einem »unehelichen 
Sohn von Wilhelm II.« zu tun. Sowohl Rosa 
Elena und ich wissen um die Herkunft von B. 
Traven. Aber wir sind der Meinung (Tra- 
vens), daß die Entwicklungsstadien des 
Schriftstellers wichtiger sind. 


^ ^ __ Böcheii^ 

BücHes^ersuchte?alle^Welt'he^a^^^rtden>wefeTrayenust^ ? 

IVQlfdfl ^i elpAlte ^ u ”4Üe!rku«ft40rJahre!lang5ge^-; v 

| raVCII heims Es*gafcfckeinjE30cltvort>ihrrrttDieiVer-f 

legei?kannterr nui?sein;Schließfachtauf t •' 

derr* Hauptpostamt vom MexiccaCity- ijpy jMÜ ; f> 
E^HÄdi^vi^stelliögKenrrziffer ffiHfi IS 


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ei* ihral fand» scfiild'ertf dföse* BerFch# • 


eje^abenteuerlicheunichUseimkännte 

* Sv- ’*' Äs 




























53 


! >ie Bakunin-Hütte. Eine Rückschau von 
® ritz Scherer, Berlin. 

Am 16. Oktober 1930 kam ich als Handwerks- 
Bursche nach Suhl im Thüringer Wald. Unter 
anderem erzählte mir Genosse Roth, ein 
Volksschullehrer, daß die FAUD (Anarcho¬ 
syndikalisten), Ortsgruppe Meiningen, eine 
Hütte gebaut hätte, die den Namen »Baku- 
nin-Hüttc« führt. Die Meininger Genossen 
freuten sich immer, wenn ein auswärtiger Ge¬ 
nosse vorbeikam und dort auf der Hütte ern¬ 
ährte. Eigentlich war meine Reiseroute über 
Hinternah, Sonneberg und Kronach vorgese¬ 
hen. Aber die Nachricht über diese Hütte un¬ 
serer Genossen in Meiningen faszinierte mich 
So ungemein, daß ich mir sagte, viele Wege 
führen nach Rom. Also komme ich auch auf 
einem anderen Weg nach Bayern. Ich war be¬ 
geistert und wäre am liebsten sofort losmar¬ 
schiert. Es war schon spät am Abend, doch ich 
mußte mich bis zum nächsten Tag gedulden. 

Am 17. Oktober marschierte ich in aller 
frühe los. Zuerst nach Heinrichs bei Suhl. 
Hier suchte ich alte, bekannte Genossen, die 
frmilic Jäger, auf. Sie wollten mich durchaus 
n °ch fcsthaltcn und redeten mir zu, noch eine 
Woche bei ihnen zu bleiben. Ja, wenn ich 
n °ch nichts von der »Bakunin-Hütte« gehört 
gehabt hätte, dann wäre diese Einladung für 
mich willkommen gewesen, aber so? Bei Re- 
gen zog ich nach dem Mittagessen weiter. 
Uber Dillstädt erreichte ich noch am selben 
"Hig, aber erst sehr spät am Abend die Stadt 
Meiningen. Am nächsten Morgen suchte ich 
den Vorsitzenden der FAUD-Ortsgruppe, 
Otto Walz, auf. Zufällig war auch der Kassie- 
r er Franz Drcssel anwesend. Jetzt brachte ich 
tficin Anliegen vor, die »Bakunin-Hütte« von 
der ich in Suhl gehört hatte, kennenzulernen. 
Auf mein Drängen hin, führte mich Genosse 
franz noch am selbigen Vormittag auf die 
Hütte. Am Flugplatz vorbei, durch dichten 
Wald und immer bergauf erreichten wir nach 
45 Minuten, die von mir so sehr ersehnte Hüt- 
le * Sie begeisterte mich restlos. Zurück zur 
Stadt ging es durch das Hasental. Dieser Weg 
War noch schöner, aber auch schwieriger zu 
fin den. Am Abend sollte ich bei Genossen in 
der Stadt schlafen, was ich aber ablehnte. Lie¬ 
ber wollte ich den Weg noch einmal gehen und 
mif der Hütte schlafen. 

Man gab mir die Schlüssel und ich zog los. 
Als ich am darauffolgenden Morgen wieder 
lc i Familie Walz erschien, war die erste Fra¬ 
ge, wie hat es dir gefallen? Großartig erwider- 
tc *ch. Da gab man mir den Rat, hier in Mei- 
JÜHgen und auf der Hütte als Hüttenwart zu 
Reiben. Aber auf dem Arbeitsamt lehnte man 
111 ich mit der Begründung ab, mein Wander- 
Sc hein wäre noch nicht abgelaufen, und da 
derselbe noch 6 Wochen Gültigkeit hatte, 
jrmßte diese Zeit erst abgewandert werden, 
J!ev 0r ich mich irgendwo festsetzen könnte. 

ie Genossen redeten mir zu, ich solle doch 
2 eiben, auch ohne Stempelgeld. Da ein gro- 
’ er Teil der Meininger Genossen arbeitslos 
''j* r ’ lehnte ich dieses Anerbieten ab. So hielt 
mich nur noch 4 Tage hier auf und tippelte 
Reiter nach München. Nach 6 Wochen, am 

p November, kehrte ich, wie verabredet, 
Pünktlich nach Meiningen zurück. Hier trat 
| c h sofort mein Amt als Hüttenwart auf der 
P a kunin-Hütte« an. Und so erfuhr ich die 

^stehung und den Werdegang dieser Hütte. 

D er erste Weltkrieg (1914-1918) war vorbei 
Und die Not der Bevölkerung sehr groß. Da 


haben sich mehrere politisch links orientierte 
Freunde zusammen gefunden und ein Stück 
Land gepachtet, um darauf Kartoffeln zu 
pflanzen. Hier war die treibende Kraft der 
Seemann Ferdinand Rüttinger. Bald darauf, 
fand sich die Gelegenheit, Land auf der EI- 
linghäuser Flur käuflich zu erwerben. Die 
meisten Genossen hatten natürlich kein Geld, 
aber Hermann Staedtler aus Dreißigacker 
hatte durch eine Erbschaft seiner Frau, 11000 


R.M. zur Verfügung stellen können. Otto 
Heller stellte 4000 R.M. zur Verfügung. Jetzt 
fehlten nur noch 6000 R.M. Ein Bauer aus 
Seeba, ein Verwandter von Fritz Baewart, 
lieh dieses noch fehlende Geld. Genosse Sta¬ 
edtler hat auf die Rückzahlung seines Anteils 
verzichtet, so blieb nur noch eine Schuldenlast 
von 10000 R.M. Jetzt wurde das Pachtland 
wieder abgegeben, denn die kleine Gruppe 
hatte ja ihr eigenes Grundstück. Im Jahre 
1922 war die Schuldenlast dann gänzlich abge¬ 
tragen. Vom Jahre 1920 bis 1925 wurde nun 
auf diesem als eigen erworbenen Grundstuck 
Kartoffeln und Getreide angebaut. Die An¬ 
fuhr von Dünger und das Pflügen der immer¬ 
hin 1/2 ha. großen Fläche kostete sehr viel 
Geld Auch kamen mittlerweile wieder mehr 
Lebensmittel auf den Markt. So ließen sie das 
Feld einfach brach liegen. Aber immer wenn 
sie konnten, stiegen sie bei schönem Wetter 
mit Frau, Kind und Kegel auf ihren bis dahin 
so lieb gewonnenen Platz. Er war auch herr¬ 
lich gelegen, auf einem 500 Meter hohen 
Berg Hier gab es einen wunderbaren Weit¬ 
blick über den Thüringer Wald und über die 


Rhön. 


janz in der Nähe sah man den Dolmar hegen, 
, as der Ski- und Hausberg der Meimnger 
,ar. Eines Sonntags wurden sie alle, die auf 
em Berg befindlichen Freunde, von einem 
lewitter überrascht. Durchnäßt zogen sie 
eimwärts. Zu Hause kam Franz Dressei der 
jedanke, dort oben eine Hütte zu bauen. Am 
lügenden Sonntag nahm Franz Hacke und 
chaufel mit, um ein Loch auszuheben. Diese 
jee fand großen Beifall, hauptsächlich bei 
en Frauen. Jetzt wurde von allen Genossen 
emeinsam ein großes Loch ausgehoben. Die 
rauen und Kinder suchten Steine und Moos. 
i ganz kurzer Zeit hatten sie ein Dach uberm 
ODf wo sie bei einem unerwarteten Gewit- 
; r schnell unterschlüpfen konnten. Innen an 
en Seiten befanden sich Bänke, welche mit 
loos und Reisig gepolstert waren. Bei dem 
ächsten Regen waren alle begeistert und da 
ntstand der Name - Schutzhülle! 

Jetzt hatte die Gruppe schon allerhand 
/erkzeug und auch einen zweirädrigen Wa- 
en hier oben bei dieser neuerbauten Hütte, 
lieses wurde immer im Walde versteckt, 
etzt kam der Gedanke auL emen verschheß- 
aren Raum zu bauen. Beim Abriß einer 
cheune bekamen sie ganzbilbgBretter^Bau- 
olz und Dachziegel zu kaufen. Sand und Ze- 
,ent wurde im Rucksack aus der Stadt her- 
ufgeschleppt. Frauen und Kinder schlepp en 
-jeder Steine herbei, die Männer holten Was- 
>r machten Mörtel und mauerten. Man muß 
ssen, um zwei Eimer Wasser vomWeber- 
runnen zu holen, brauchte man gut 50 Minu- 
» n dabei durfte man sich noch nicht einmal 


zt wurden auch andere Menschen auf 
Gruppe aufmerksam. Viele griffen mit 
im Steine fahren und so entstand das er¬ 
ste Gebäude. Man konnte sich jetzt end¬ 


lich anderer Arbeit widmen. Es wurden Anla¬ 
gen geschaffen, Blumen, Büsche und Bäume 
gepflanzt. Langsam bekam das ganze Äußere 
schon ein Ansehen. Auch die Kinder wurden 
nicht vergessen. Unter den Händen des 
Schlossers Franz Dressei entstand eine Schau¬ 
kel und ein Kettenkarussel. Es kamen die I 
Spenden wie gebrauchte Herde, Öfen, Feld- | 
betten usw. Der Zustrom der Bevölkerung j 
wurde immer größer und ein jeder konnte sich 
auf einem der Herde kochen, was er wollte. 

Holz gab es genug, dehn fast das ganze j 
Grundstück war von dichtem Tannenwald j 
umgeben. Von den Besuchern wurde der | 
Wunsch geäußert, Bier, Limonade oder sonst 
etwas zu trinken. Nun sah sich die Gruppe ge- ; 
zwungen, den Zufahrtsweg noch mehr zu be- \ 
festigen. Bei Anfuhr von Getränken brachte I 
die Brauerei Gartenstühle und Tische mit. Es j 
wurde eine Sammelbüchse aufgestellt. Am 
Abend wurde diese Büchse entleert und der 
Erlös von den Getränken half gut mit, den 
schon angefangenen Neubau zu finanzieren. 

Wir wunderten uns des öfteren, wieviel Geld 
beim Öffnen der Sammelbüchse vorgefunden 
wurde. Woher kam dieses? 

Hier kamen sehr viel Familien mit ihren 
Kindern zu uns auf den Berg. Die Kinder 
konnten sich hier oben austoben, denn das 
Gelände war ja groß genug. Vor allen Dingen 
konnten sie hier schaukeln und Karussel fah¬ 
ren, was nichts kostete. Allerdings mußte von ! 
uns immer einer das Karussel drehen. Es war j 
daran eine große Kurbel mit einer wunderba- j 
ren Übersetzung angebracht. Jetzt gründete \ 
man einen eingetragenen Verein mit dem Na- j 
men »Siedlungsverein für gegenseitige Hilfe«. ' 
Dort waren nicht nur FAUD-Genossen, son- j 
dern auch Sympathisierende aus der Bevölke¬ 
rung Mitglied, welche dieser Hütte bis zu ih¬ 
rem Ende treu zur Seite standen. 

So wie bisher geschildert, fand ich diese 
Hütte bei meinem Antritt als Hüttenwart vor. j 
Mann hatte versucht einen Brunnen zu boh- ' 
ren. Hierbei stieß man nur auf Felsen und 
Steine. Es wurde mit Ablösung gebohrt, da- j 
mit gar keine Stockung eintrat. Wenn man i 
den ganzen Tag fleißig bohrte, so kam man i 
ungefähr nur 10-12cm tiefer. Und dieses auf ! 
einem 500 Meter hohen Berg. Nach ungefähr 
12 Meter Tiefe brach der Bohrer ab und trotz j 
aller Versuche, auch von Fachleuten, gelang j 
es leider nicht, denselben wieder herauszube¬ 
kommen. Folglich wurde das Bohren wieder 
eingestellt, und wir waren gezwungen, das 
Wasser, das wir brauchten, weiterhin aus dem 
Weberbrunnen zu holen. j 

Die Stadtverwaltung von Meiningen hatte j 
ja den Bau abgelehnt mit der Begründung: j 
»Wir können diesen Bau nicht genehmigen, 
weil es dort oben kein Wasser gibt.« Ferdi- j 
nand Rüttinger, welcher in dieser Sitzung als i 
Zuhörer anwesend war, rief dazwischen: j 
»Man verbietet diesen Bau nicht, weil es dort 
oben kein Wasser gibt, sondern weil wir Pro¬ 
letarier sind. Wenn ein Reicher dort oben j 
bauen würde, so fragt kein Mensch danach, i 
ob es dort Wasser gibt. Wir bauen doch!« Die i 
Genossen setzten sich durch und die Hütte 
wurde gebaut. 

Jetzt bekam dieser Bau den Namen »Baku- j 
nin-Hütte«. Auch wurde ein großer Gedenk- | 
stein mit dem Namen unseres Vorkämpfers j 
»Michael Bakunin 30.5.1814- 1.7.1876« aus¬ 
gemeißelt und aufgestellt. An der Stirnwand 
dieser neuen Hütte wurde eine Marmortafel 
in der Größe von 55 x 70 Zentimeter eingelas¬ 
sen mit dem Spruch 







54 


Freies Land und freie Hütte, 
Freier Geist und freies Wort, 
Freie Menschen, freie Sitte, 

Zieht mich stets an diesen Ort. 
Dieser Vers stammte von dem Meininger Ge¬ 
nossen Max Baewcrt, welcher als Ingenieur in 
Italien arbeitete. Da er einen guten Verdienst 
hatte, hat er auch stets unsere Hütte mit Geld 
unterstützt. Die Tafel war weiß mit schwarzer 
Äderung und die Schrift in schwarz eingelas¬ 
sen. Im oberen Teil der Tafel war der Fünf¬ 
stern mit Hammer und Sichel eingemeißelt 
und getreu unserer Weltanschauung schwarz 
mit goldenem Rand. Diese Arbeiten wurden 
von Otto Walz und seinem Sohn Heini, wel¬ 
cher als Steinbildhauer gerade in der Lehre 
war, ausgeführt. Genau wie in der FAUD- 
Ortsgruppe Meiningen, wurden hier in dieser 
Vereinigung Otto Walz als Vorsitzender und 
Franz Dressei als Kassierer gewählt. 

Nun will ich noch die Erbauer dieser Hütte 
nennen: Alfred Anschütz, - Fritz Baewert, - 
Franz Dressei, - Otto Eck, - August Filler, - 
Fritz Landgraf, - Emil Liebeskind, - Ferdi¬ 
nand Rüttinger, - Hermann Staedtler, - Al¬ 
fred Thomas, - Edwin Walz und Otto Walz. 
Vielfach kamen die Genossen schon am Sonn¬ 
abend zur Hütte rauf, um mit mir gemeinsam 
Holz zu holen, denn hier wurde fast nur Holz 
gebrannt, zum Heizen und zum Kochen. 
Wenn die Genossen erschienen, hatte ich 
schon Wasser geholt. Dazu hatte ich ein höl¬ 
zernes Tragejoch. Daran wurden zwei Eimer 
angehangen. Damit nicht allzuviel Wasser auf 
diesem holprigen Waldweg verschwappte, 
hatte Franz Dressei zwei Deckel angefertigt, 
welche fest auf einen jeden Eimer raufge- 
klcmmt wurden. Vor allen Dingen, damit 
auch kein Schmutz hineinfiel, denn der ganze 
Weg war ja sehr eng und man streifte sehr 
leicht an den Bäumen entlang. 


An den Sonntagen war hier oben bei einiger¬ 
maßen gutem Wetter immer allerhand Be¬ 


trieb. Dann mußte des öfteren Wasser geholt 
werden. Bier, Brause und Limonade mußte 
dann auch immer ausgeschenkt werden. Das 
Geld, welches ich in der Woche vereinnahmte 
- denn in der Woche ließen sich auch Besu¬ 
cher hier oben sehen - wurde am Sonntag mit 
dem Kassierer abgerechnet. Im Winter ka¬ 
men des öfteren Skiläufer hier vorbei. Sie 


waren glücklich, wenn sie sich hier drinr 
aufwärmen konnten. Einmal kamen zwei ji 
ge Skiläufer, welchen ich auch Tee zum A 
wärmen gab. Sie wollten zuerst nichts m 
men, weil sie kein Geld bei sich hatten. Trc 
dem gab ich ihnen den Tee. Dieses zahlte s 
dann gut aus. Die Eltern des einen Skilauf 
atten ein Geschäft, wo ich immer mein 1 
tro eum kaufte. Ja, hier oben gab es noch k, 
elektrisches Licht. Als ich zur Stadt kam u 
mir mein Petroleum holen wollte,fragte m 
die Geschäftsfrau, ob ich der Hüttenwart v 
re. Als ich es bejahte, bekam ich von die 
Stunde an mein Petroleum immer umson 
Auch kamen verschiedentlich Sonntägsjäi 
mich besuchen, wenn sic von ihrer Schncph 
jagd zurückkamen. Sie leisteten mir so m; 
che Stunde Gesellschaft. Hier blieben sie hi 
fig stundenlang sitzen um sich aufzuwärmc 
Einer dieser Jäger war ein Malermeister t 
Meiningen. Aus Dankbarkeit spendierte 
für die Holzverkleidung an der Hütte, ger 
gend Farbe, damit alles zum Frühjahr wicc 
gestrichen werden konnte. Dieses waren vi 
cinzelte Vorteile, wenn die Hütte immer ; 


jedermann offen stand. Auch kam dadurch so 
manche Mark in die Kasse und half uns mit, 
weiter für unsere Idee und an der Hütte zu ar¬ 
beiten. 

Zu Weihnachten 1930 war in Erfurt der 
Reichskongreß der »syndikalistischen-anar- 
chistischen Jugend«. Anschließend kamen al¬ 
le Jugendgenossen der Ortsgruppen Offen¬ 
bach und Frankfurt am Main zur Hütte, um 
hier ihren Weihnachtsurlaub zu verleben. 
(Von diesem Aufenthalt stammen die beiden 
Photos, aufgenommen und dem SF überlas¬ 
sen von Carl Gültig, Offenbach. Anm. der SF- 
Red.) Dieses war der hauptsächliche Zweck 
dieser Bakunin-Hütte, allen Genossen und 
Genossinnen ein Heim zu bieten, wo man sich 
frei fühlen, bewegen und sich entspannen 
konnte. Nicht nur den Meininger Genossen, 
sondern allen freiheitlich eingestellten Men 
sehen. Hier verlebte ich nun den Winter bis 
zum 7. Mai 1931. Dann zog ich wieder mit 
zwei Freunden in die weite Welt, mit einem 
Berliner Jugendfreund und einem Meininger 
Junggenossen. Unsere Meininger Freunde ar¬ 
beiteten weiter am Aufbau dieser Hütte bis 
zum März 1933. Bis dahin kam ich noch des 
öfteren nach hier und half wo es irgend ging. 

Dann kam das unheilvolle »Dritte Reich«. 
Sofort wurde diese Hütte enteignet und der 
»SS« übergeben. Nach mehreren Jahren trat 
man von der NSDAP an Otto Walz heran und 
wollte ihm für unsere Meininger Freunde die¬ 
se Hütte wieder zurückgeben. Aber Otto 
lehnte mit der Bemerkung ab, nach der Ent¬ 
eignung im Jahre 1933 habe sich unsere Sied¬ 
lungsgemeinschaft aufgelöst. Dieses war auf 
jeden Fall richtig. Man konnte ja nie wissen, 
ob die Nazis nicht erfahren wollten, ob diese 
links orientierte Gruppe noch existierte, um 
dann zuzufassen und alle hinter Schloß’und 
Riegel zu bringen. 

Auch die Nazi-Diktatur ging vorüber, aller¬ 
dings erst im Jahre 1945 nach einem grauen¬ 
vollen Krieg. (Ich kam damals als Gefangener 
der Russen nach Meiningen.) Unsere Bewe¬ 
gung war unter der Herrschaft der Nazis gänz¬ 
lich zerschlagen. Otto Walz trat nun - um po¬ 
litisch tätig zu sein - der kommunistischen 


Partei bei. Dort wurde er als altbekannter Re- 
volutionär sogar Vorstands-Mitglied. Als er 
erfuhr, daß ich als Gefangener bei den Russen 
war, befreite er mich aus deren Händen. Ich 
blieb noch einige Tage in Meiningen. Fast ein 
jedes Gespräch zwischen uns drehte sich um 
unsere alte »Bakunin-Hütte«. Otto machte 
mir den Vorschlag, wieder als Hüttenwart 
dort oben zu fungieren, was ich aber ablehnte. 
Erstens hatte ich meine Familie in Berlin und 
zweitens würde ich nie und nimmer in die Par¬ 
tei, am allerwenigsten in die KPD eintreten. 
Otto redete mir zu, ich könnte ja meine Fami¬ 
lie nach hier holen und er würde dafür sorgen, 
daß ich nie in die Partei einzutreten brauchte, 
was ich aber in Abrede stellte. Im Jahre 1925- 
26 hatte ich in Jena in Thüringen in einer kom¬ 
munistischen Genossenschaft gearbeitet und 
weil ich damals ablehnte in die Partei einzu¬ 
treten, wurde ich, der am Aufbau dieser Ge¬ 
nossenschaft stark beteiligt war, entlassen. 
Wieviel schlimmer möge es jetzt aussehen. wo 
Meiningen von den Russen besetzt ist? Auch 
Franz Dressei gab mir mit der Ablehnung 
recht, trotzdem er es gerne gesehen hätte, 
wenn ich in Meiningen geblieben wäre. 

Im November 1946 verstarb unser Freund 
Otto Walz an Krebs. Die letzten 14 Tage war 
täglich ein Mitglied der Kreispartei der KPD 
bei ihm am Krankenbett und da liegt die Ver¬ 
mutung nahe, daß Otto im Unterbewußtsein 
die Hütte mit Grund und Boden durch Unter¬ 
schrift der Partei übergeben hat. Unsere übrig 
gebliebenen Genossen, die dem einstigen 
»Siedlungsverein für gegenseitige Hilfe« an¬ 
gehörten, versuchten nun ihre alte von ihnen 
erbaute Hütte wieder zurückzubekommen. 
Da wurde nach langem Hin und Her und lan¬ 
gem Verhandeln mit den Russen gedroht. 
Was bei einer Diktatur dabei herauskommt, 
ist wohl jedem Menschen klar. Auch ohne 
Unterschrift von Otto hätten die sogenannten 
Kommunisten dieses Land mit Hütte beschla¬ 
gnahmt. So ging das einstige, mit viel Mühe. 
Arbeit und Opfer, erbaute Grundstück der 
Arbeiterschaft wieder verloren. 
















Die lange Hoffnung 


55 


Vorabdruck aus »DIE LANGE HOFF¬ 
NUNG«, dem Begleitbuch zum gleichnami¬ 
gen Videofilm der Freiburger Medienwerks- 
tatt, Trotzdem-Verlag, PF 581, 7410 Reutlin¬ 
gen; 170 S., 17.-DM. Das Buch erscheint zum 
1-Januar 85, dem 1. Todestag Augustin Sou- 
c hys; cs enthält Interviews, Briefe von 1936, 
die Reisebeschreibung, eine Kritik Walter 
Moßmanns, eine Literaturliste und Filmogra- 
phie zu den Filmen über den Spanischen Bür¬ 
gerkrieg. Das Gespräch, aus dem wir den fol¬ 
genden Ausschnitt abdrucken, fand Ende 
April 1983 in Barcelona statt. 


»Clara (Thalmann): Wie lange warst du im 
Gefängnis? 

Diego (ntit Schriftstellernamen: Abel Paz): Ich 
w ar nicht so lange drin - leider - die schlimm¬ 
ste Strafe war für mich, die Francozeit zu 
überleben und zu sehen, was Franco aus Spa¬ 
ren machte. 

Duis (Edo, CNT-AIT): Ich möchte noch auf 
die Jahre, die Anzahl der Jahre im Gefängnis 
ztirückkommen. Du warst 11 Jahre im Ge¬ 
fängnis, das wäre in anderen Ländern ein Un¬ 
ding. Italien, Portugal..., in Spanien war das 
ganz normal. Da waren 20 Jahre und mehr 
ganz normal. In Frankreich war Blanqui der 
längste politische Gefangene. Noch ein ande¬ 
re 1 ' Anarchist in Frankreich, ein Kriegsdienst¬ 
verweigerer, war so lange drin. Aber das sind 
Ausnahmen. In Spanien waren 10 Jahre so gut 
wie nichts. 

Clara: Wart ihr im Knast über den Kriegsver- 
fäuf informiert? 

Diego: Wir hatten eine Gefangenenzeitung, 
nichts drin stand. Aber wir hatten unsere 
eigenen Informationsmedien, illegale Infos 
v °n außen, heimlich. Heute kommt ja jede 
Leitung in den Knast. Damals gab’s noch 
nic ht mal die ABC (konservative Zeitun- 
g)'>Ya< auch nicht und auch nicht die Faiangi- 
s tcnzeitungcn. Aber es gab immer einen Weg 
fär die Infos, durch ’nen Pfarrer oder ’ne Non¬ 
ne usw., oder einen Wächter... und so kam 
die franquistischc Presse rein, und wenn man 
die Zeitung dann andersherum las, wußte 
m nn, was läuft: immer das Gegenteil war rich¬ 
tig- Wir hofften, da Franco mit Hitler zusam- 
niengcarbcitct hatte, daß Franco von den Al¬ 
terten verurteilt würde. Wir dachten, daß wir 
a,,c freikämen. Das war die allgemeine Mci- 
m, ng im Knast. Wir glaubten auch, daß die 
Republik wieder cingcführt würde. Im >Penal 
de Burgos< (Knast) habe ich mit alten Militan- 
lCn gesprochen und meinte, die Engländer 
oder Amis interessiert nicht, was in Spanien 
Passiert. Sic wollen Franco nicht stürzen, das 
! sl nicht in deren Interesse. Denn wenn sie es 
interessiert hätte, dann hätten sic schon ’36 
1 e 1 fen können, und das war eben nicht ge¬ 
schehen. Was sic wollten, war, daß in Spanien 
nic hts passiert, und daß Franco an der Macht 
Üeibt. Die Alten fragten mich, wie alt ich sei. 
^ sagte, daß ich während des Bürger¬ 
kriegs noch ein Kind war, darauf hat einer 
ndeh geohrfeigt. Das war 1944. 1950 trafen 
’ r u ns in einem anderen Knast. Da habe ich 
dann gesagt: »Ich kann dir jetzt zwei Ohrfei- 
k c n zu rück geben.« Er entschuldigte sich und 
feinte, daß ich rechtbehalten hätte, und daß 
c,e Engländer und Amis tatsächlich kein In- 
färessc hatten. Er hat sechs Jahre dazu ge- 
1 Quellt, um das zu kapieren. Nur mit der 


Hoffnung, daß sich was ändert, konnten wir 
bestehen und durchhalten. Denn zehn Jahre 
sind nicht lang, wenn man 22 Jahre alt ist und 
dann bis 32 drin ist, von 30 bis 40 Jahren ge¬ 
nauso. Von 50-60 ist es auch hart, aber in der 
Jugend ist es am härtesten. Wir dachten, daß 
wir im Dezember rauskämen. Obwohl das 
spanische Volk antiklerikal - nicht antikatho¬ 
lisch - ist, dachten wir, daß wir Weihnachten 
rauskämen. Und wir warteten von Weihnach¬ 
ten zu Weihnachten - elf Weihnachten lang 
und nichts passierte! 

*53 kam ich dann frei. Aber es war eine fal¬ 
sche Freiheit. Ich ging auf die Straße raus, 
suchte Arbeit, aber das war unmöglich. Alle 
15 Tage mußte ich mich bei den Bullen mel¬ 
den . Es war eine überwachte Freiheit! 

Luis: In der Zeit, von der Diego erzählte, bil¬ 
deten sich bewaffnete Gruppen (Bewegun¬ 
gen) bei den Kommunisten und der freiheitli¬ 
chen Bewegung, Guerrillakämpfer etc... .Die 
letzten, die diese Linie verlassen haben, war 
die freiheitliche Bewegung. Die Kommuni¬ 
sten haben bereits ’45/*46. den bewaffneten 
Kampf aufgegeben. Wir machten bis ’50/’51 
weiter. 1949 ist wichtig als Datum für den Un¬ 
tergang des Anarchismus (Oktober ’49). In 
drei Tagen wurden 300 Leute inhaftiert. Es 
wurden Personalakten angelegt. Der Bruder 
von »EI Quico«, Jose Sabate, wurde auf der 
Straße erschossen, der jüngste Bruder wurde 
gefangen (Miguel Garcia) und auch andere. 
Bei dieser Razziaaktion gab’s sieben bis acht 
Tote. Mit der Gefangennahme wurden die 
Untersuchungen über die Leute erst eingelei¬ 
tet. Man legte Akten über die Organisation 
an. In Spanien verschwand dann jede Art von 
Widerstandskampf. Es gab neue Phänomene, 


die lange brauchten, um sich herauszukristal- j 
lisieren. Von den Leuten her - keine Organi¬ 
sation - eher spontane Bewegungen: Streik 
der Straßenbahner, Aktionen, die Ortega y 
Gasset an den Uni’s durchführte, Opposition 
zu der Falange. Das kristallisierte sich mit der 
neuen Linken in den sechziger Jahren heraus. 
Diego: Die Sache sieht etwas anders aus: die • 
CNT hat schon immer mehr auf der Militanz j 
bestanden. Das war die falsche Einstellung, i 
Obwohl man sah, daß die frontale Attacke 
keinen Erfolg hatte, wurden keinerlei Lehren 
daraus gezogen. Die Opposition war bis 1947 
aktiv. Trotz der Organisation kam es zu einem 
Rückschlag, weil die Leute die Hoffnung ver¬ 
loren. Es gab keine Lösung, die Knaste waren 1 
voll. Es waren 14 nationale Komitees im 
Knast, zusätzlich die regionalen. Die Leute, 
die sich dem bewaffneten Kampf anschlossen, 
waren Militante der 5., 6. oder 7. Generation 

^ Die Frage ist: wie und warum verlor die | 
CNT den Anschluß, und wie fand sie wieder 

dazu? Die CNT hat, glaube ich, sehr wenig ge¬ 
macht, und muß jetzt die Konsequenzen tra- j 
gen. Die KP hatte keine Schwierigkeiten: sie j 
hatte vier oder fünf Linien, wo s immer einen | 
Anschluß gab. Die Sozialisten auch nicht, weil j 
die Kinder der Bürgerlichen zu ihnen kamen, j 
Die Partei baute sich wieder auf, - mit den neu [ 
dazugekommenen Kräften, und nahm eine | 
sozialdemokratische Richtung an, - in Über- j 
einstimmung mit der ökonomischen Situa- ' 
tion, die bedingt war durch die Emigration, 
die 1953 mit dem Öffnen der Grenzen be- j 
gann.... 









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Das politische 
Engagement war ihm 
Berufung und Verpflichtung 


Nachruf auf Otto Reimers 



*» 4 ^. . 


Unter dieser Überschrift gratulierte 1977 die 
Badische Zeitung unserem in Laufenburg an 
der Schweizer Grenze lebenden Genossen Ot¬ 
to Reimers zum 75. Geburtstag. Am 22.10.84 
ist Otto Reimers 82-jährig gestorben; am 4.12. 
wurde er auf dem Ohlsdorfer Friedhof in 
Hamburg beigesetzt. 

Seine Lebensenergie hatte nach dem Tod 
von Margret Reimers zum Jahreswechsel 83/ 
84 merklich nachgelassen. Unsere Redaktion 
stand schon vor der dem Erscheinen der er¬ 
sten Nummer des SF mit Otto in Verbindung 
und erhielt so manchen Hinweis, zahlreiche 
Zeitungsausschnitte und anderes Material. 
Zuletzt kamen auch Buchpakete; Otto ver¬ 
teilte seinen Nachlaß an Genossen, ans adz in 
Wetzlar und an das Amsterdamer Institut 
(dort liegt jetzt z.B. seine umfangreiche Kor¬ 
respondenz) zu Lebzeiten. 

Geboren wurde er am 17.9.1902 in Gram- 
bek bei Mölln in Schleswig Holstein, dort 
wuchs er zusammen mit fünf Geschwistern 
auf. Sein Vater fiel bereits 1914. So daß er sich 
als Ältester nach der Schule sofort bei Bauern 
und als Waldarbeiter verdingte um die Krie- 
gerwitwenrentc aufzubessern. 1919/20 ergab 
sich die Möglichkeit beim Bau unterzukom¬ 
men, er blieb dabei und arbeitete später in ei¬ 
ner Hoch-und Tiefbaufirma in Hamburg. Seit 
1920 war Otto aktiv in der antiautoritären Ar¬ 
beiterbewegung geworden. Es begann, als er 


1919 auf einer Baustelle einen Arbeiter ken¬ 
nenlernte, der dafür agitierte, daß alle Arbei¬ 
ter und Intellektuelle in einer Organisation zu¬ 
sammengeschlossen sein sollten, die Partei- 
und Gewerkschaftsaufgaben nicht trennt und 
den Betrieb als Basis zur Organisierung be¬ 
trachtet. Dieser Arbeiter warb für die räte¬ 
kommunistische AAU (Allgemeine Arbeiter 
Union) und Otto begann die wöchentlichen 
Zusammenkünfte- der Ortsgruppe Gölzow zu 
besuchen. Er berichtete von Diskussionen in 
der Ifflandstraße, die in der Regel bis 2 oder 3 
Uhr nachts andauerten und in denen alle 
linksradikalen Zeitungen, Bücher von Ferrer 
und Ramus oder auch »Der Justizmord von 
Chicago« durchgesprochen wurden. In der 
Auseinandersetzung um die Notwendigkeit 
einer Partei (KAPD) und deren Politik (u.a. 
die Frage nach der Mitgliedschaft in der Ko¬ 
mintern), spaltete sich die Unionsbewegung 
1921. Otto Reimers stimmte wie die gesamte 
Hamburger Union dem Konzept Otto Rühles 
und Franz Pfemfcrts für eine Einheitsorgani¬ 
sation (AAU-E) zu, die eine Parteiorganisa¬ 
tion und den Anschluß an die KI ablehnten. 
Die AAU-E näherte sich in den Jahren 1923-4 
der anarchosyndikalistischen FAUD und dc- 
legierte Franz Pfemfert zu den Kongreßen der 
IAA. Auf Ortsebene kam es zur Bildung von 
sogenannten antiautoritären Blocks. »Unter 
dem Namen >Block Antiautoritärer Revolu¬ 


tionär kamen Freitags im Lokal Planeth alle 
Gruppen zusammen. Redner waren neben 
Hamburger Genossen, Rudolf Rocker, Karl 
Roche, Ramus, Ernst Friedrich, Bertold 
Kahn, Franz Pfemfert, Winkler und andere. 
Eine Besucherzahl von 300-400 war oft keine 
Seltenheit. Mit Rocker hatte man einen Vor¬ 
tragszyklus von sechs Abenden organisiert- 
Thema: »Nationalismus und Kultur*. Dieser 
war von Abend zu Abend stärker besucht, so 
daß wir von dem obigen Saal in den größeren 
nach unten gehen mußten.« (Niederschrift v. 
O.R. v. 28.3.72; SF-Archiv) In diesen Jahren 
übernahm Otto Reimers zusammen mit sei- 
nem Freund Paul Schoß den Vertrieb der 
Zwickaucr AAU-E-Zeitung »Proletarischer 
Zeitgeist*. Eine Zeitung, die von 1922 bis 
März 1933 erschien und sich von den Positio¬ 
nen Otto Rühles zu mehr anarchistischen ent¬ 
wickelte, so daß sie beim Auflösungsprozeß 
der AAU-E als selbständige Gruppe mit eher 
anarchistischer Ausprägung Weiterbestand. 
»Nach der Machtübernahme der Nazis war 
die weitere Herausgabe des »Proletarischen 
Zeitgeist« unmöglich, da kein Drucker sich 
bereit fand zu drucken. Rechtzeitig hatten wii 
uns in Hamburg einen Vervielfältigungsappa¬ 
rat gekauft und stellten nun illegal, fast mo¬ 
natlich eine 12-seitige Schrift »Mahnruf« ‘ n 
kleinem Format her, die an alle Proletarische 
Zeitgeist Gruppen versandt wurde. Für eine 







Deckadresse hatte jede Gruppe schon im De¬ 
zember 1932 vorgesorgt. Mitte 1934 stellten 
w ir jedoch die Herstellung ein. Der Versand 
Wurde etwas riskanter, aber vor allem war un¬ 
ser Grund, daß für den Inhalt kein Verständ¬ 
nis bei den Arbeitern bestand, ja - fast eine 
abweisende Haltung, denn, wenn es auch 
heißt >man habe nichts von den Zuständen in 
den KZ’s gcwußt<, so bangte doch jeder da¬ 
vor, ins KZ zu kommen.« (Notiz v. O.R., 
März 1946; SF-Archiv) 

In den 2. Weltkrieg brauchte Otto Reimers 
nicht, da die Baufirma ihn immer freisteilen 
konnte, erst recht, als die Bombenangriffe auf 
Hamburg begannen und die U-und Hochbahn 
immer wieder aufgebaut werden mußten. 
Während des 3.Reiches verfaßte er »Nach¬ 
denkenswertes« über die Zustände, sammelte 
Material wie Zeitungsausschnitte über das 
3.Reich, aber auch z.B. von den Engländern 
abgeworfene Flugschriften, u.a. mit einer Re¬ 
de Thomas Manns. 

Am 5. Mai 1945 verteilte Otto das erste ver¬ 
vielfältigte Nachkriegsflugblatt. »Was Tau- 
sendc in Hamburg längst wußten und ausspra- 
c hen - mancher dabei im KZ landete - wurde 
niln von Naziseite endlich als Tatsache aner¬ 
kannt und damit das Leben tausender Kinder 


and Frauen, sowie anständiger Männer erhal- 
ten. Der Reichsstatthalter Karl Kaufmann er¬ 
klärt (am 3.5.45 um 13 Uhr) in einem Aufruf 
den Hamburgern: >Das Schicksal des Krieges 
kann nicht mehr gewendet werden; der Kampf 
aber in der Stadt bedeutet ihre sinnlose, restlose 
Vernichtung ... Tod und Zerstörung der letz- 
ten Kxistenzmöglichkeiten!< 

Dieses wußten wir schon seit Stalingrad, auch 
die Nazibanden wußten es aber diese Schurken 
in achten erbarmungslos jene nieder, die das 
behaupteten, was heute Kaufmann, zur Kapi¬ 
tulation selber zugibt. Sie alle, (...), die heute 
in Feldgrau getarnt oder flüchteten, andere nun 
Plötzlich mit der Armbinde des Roten Kreuz 
c ’ l ahers toi zieren, oder als Hilfspolizei abends 
nilt ihrem Gewehr nach Hause kommen. Wir 
kennen sie (...) Tausende Insassen der Ham- 
} arger KZ-Läger werden reden, für tausende 
Erschossene, Vergaste und Gerichtete, werden 
anderen unsere Stimmen erheben....« 
H-dugblatt v. 4.5.45; SF’Archiv) 

Ottos Freunde und Genossen aus der >P-Z- 
r uppe< Ernst Fiering, Paul Zinke und Karl 
Rmninski hatten die Nazis im KZ Neuengam- 


einen Tag vor dem Einmarsch der Englän¬ 
der mit in die Zelle geworfenen Handgrana- 
ten timgebracht. Paul Zinkes Frau war in ei- 


nc m Kieler Gefängnis erhängt worden. 


Hoch 1945 versuchten sich die überleben- 
cn Hamburger neu zu organisieren. Am 
'5.45 publizierten sie Erneut eine erste 
u mmer des »Mahnruf«; ab September 45 
o Ur de die politische Betätigung im britischen 
e ktor legal. Nun begannen die Hamburger 
narc histen intensiv aber erfolglos sich mit 
' n dercn linken Gruppierungen über ein ge- 
'■nsames Vorgehen auseinanderzusetzen. 
^ kam es zur Gründung von »Vereinten 
fänden für Demokratischen Aufbau e.V.«, 
U * C Hamburger Anarchisten beteiligen sich 
< nc Otto Reimers wurde »Zirkelleiter«, spä- 
die Slc ^ v crtretcnder Vorstand und versuchte 
auf ^ ün<Jc zusammen mit seinen Genossen 
gc ^ Cn freiheitlichen Sozialismus festzule- 
Cr n ' einer Flugschrift vom 15.10.46 warnt 
ku° r dcn Wal,|cn > vor der »Werbung um die 
c, uen P.G.’s« (Parteigenossen). Otto Rei¬ 



Links Reimers , rechts Soucby in dessen Münchner Wohnung 


mers blieb dieser Linie treu, er mitbegründete 
anarchistische Zeitschriften wie »INFOR¬ 
MATION, NEUES BEGINNEN und ZEIT¬ 
GEIST«, oder beteiligte sich maßgeblich am 
Zustandekommen des Anarchistenkongres¬ 
ses in Neviges im August 1959, auf dem der 
»Bund Freier Sozialisten und Anarchisten« 
gegründet wurde. Sein Name fehlte auch nicht 
in den Spendenlisten für die Nachfolgeorgani¬ 
sation der FAUD in der BRD, der FÖDERA¬ 
TION FREIHEITLICHER SOZIALISTEN 
(Darmstadt) und schließlich nicht in der 1983 
gegründeten Verteilerliste des FLI. 

Die neueren Aktivitäten kommen in die¬ 
sem Nachruf etwas zu kurz; sie sind jedoch 
auch manchem Leser eher geläufig. Zum Ab¬ 
schluß wollen wir deshalb nocheinmal ins Jahr 
1946 zurückschauen, als Otto zum Ende des 
Nürnberger Prozesses hellsichtig schrieb- 
».. .noch ein Wort zum Schlußakt Nürnberg!- 
Ich glaube nicht, daß dies der Schlußakt ist, 
sondern wollen wir als Volk gesunden und un¬ 
sere Achtung als Menschen wiedergewinnen, 
muß dies der Anfang der Säuberung in unse¬ 
rem Volkskörper sein. Ich habe zuviel von 
Menschen aus den KZ’s bestätigt erhalten, zu¬ 
viel Grauen erlebt, zuviel vielleicht auch in 
letzter Zeit über die KZ gelesen, als daß ich von 
mir sagen könnte, ich urteile über die Nazis 


vorurteilslos. Gewiß verstehe ich, wenn das 
Gericht erklärte: >Das Gesetz biete keine 
Handhabe sie zu verurteilen<, doch kommt es 
denn wirklich auf den starren Paragraphen an? 
Wenn ein Fritsche nicht verurteilt werden kann 
in dem Nürnberger Prozeß, wenn sie eine SA- 
Organisation freisprechen, so zeigt es, daß 
dem deutschen freien Geist noch eine harte und 
schwere Aufgabe harrt. Und wir fühlen schon 
die Frechheit und Arroganz eines Fritsches, 
der, kaum freigesprochen, schon erklärte, er 
werde sich einem Entnazifizierungsausschuß 
stellen.« (4-seitiges Flugblatt >Demokratie- 
Denazifizierung-Nürnberg< v.O.R.; SF-Ar- 
chiv) 

Nürnberg ist wahrlich nicht der Schlußakt, 
wie Otto Reimers feststellte, denn nicht zufäl¬ 
lig gibt sich der Neonazi Kühnen neuerdings 
in seinem Prozeß als Anhänger der SA aus; 
schließlich geht es ihm um eine legale Nazi¬ 
truppe in der BRD der 80er Jahre und die SA, 
tja, die wurde schließlich sogar von den Alli¬ 
ierten freigesprochen. Man darf - auch als 
Anarchist - gespannt sein, ob es der deut¬ 
schen Justiz 1984/85 gelingt, die SA als das zu 
erklären, was sie war: eine verbrecherische fa¬ 
schistische Organisation für Straßenterror 
u.ä. - ob für oder gegen das Großkapital kann 
nur eine Nuance sein, die aufgrund der histo¬ 
rischen Geschehnisse geschmacklos ist. 









58 


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Minister Wörner contra Antimilitaristische Sprache: 

ANARCHIST VERURTEILT 

Jede radikale Kritik künftig „Beleidigung'? / Wetzlarer Amtsgericht 
reaktionärer als die Weimarer Justiz / Scheinheilige Gewaltdiskussion 


der % ch iste nr !u Us Bt eirt 






i*erk 


das 


T °<enj, 


Anarchisten haben schon von jeher kein Blatt vor den Mund genommen und die Din- 
ge beim Namen genannt - das gilt besonders für die Kritik am Militarismus. Ob Emst 
Friedrich oder Luis Lecoin, Tolstoi oder Bertrand Russell: Immer war Mord für sie 
Mord und ein Krieg eine verabscheuenswürdige Schlächterei. Das soll jetzt anders 
werden. Vom Wetzlarer Amtsgericht wurde am 30. ApriH984 der Anarchist Horst 
Stowasser (33) wegen Beleidigung verurteilt - dabei hatte er vergleichsweise Harm¬ 
loses geschrieben: Eine Armee sei „organisierte Gewalt” und das „Handwerk des 
Soldaten besteht im Töten anderer Menschen” — solche sachlichen Beschreibungen 
stehen fortan unter Strafe! 


Auch Horst Stowasser, der in Wetzlar das 
„Anarchistische Dokumentationszen¬ 
trum”, ein Archiv mit Bibliothek zur 
Geschichte und Gegenwart des Anarchis¬ 
mus unterhält und als Verleger libertärer 
Zeitschriften und Autor einiger Bücher 
an die Öffentlichkeit trat, konnte seinen 
Mund nicht halten. Im August letzten 
Jahres schrieb er in dem damals von ihm 
verlegten Wetzlarer Alternativ-Blatt 
„Lahn Dill Bote” einen Kommentar. 
Titel; „Die scheinheilige Gewaltdiskus- 
sion”. Anlaß: Die absurde Mode 
ausgerechnet aus dem Mund von Mili¬ 
tärs und Militaristen, von der Friedens¬ 
bewegung ständig kategorische Bekennt¬ 
nisse zur Gewaltfreiheit zu fordern. Er 
erinnerte daran, daß ja gerade Armeen 
„organisierte Gewalt” seien und das 
„Handwerk des Soldaten im Töten von 
Menschen” bestehe. Derjenige, der dies 
in Mittelhessen quasi berufsmäßig im¬ 
mer wieder in Zeitungen und Kommen¬ 
taren, auf Podiumsdiskussionen und 
Veranstaltungen fordert, war für Horst 
Stowasser kein Unbekannter mehr: 
Oberstleutnant Klaus Breidsprecher, sei¬ 
nes Zeichens 

- Wehrbereichskommandeur in Gießen 

- Stadtverordneter der CDU in Wetzlar 

- Funktionär im Bundeswehrverband 

- Wehrpolitischer Sprecher der Wetzla¬ 
rer CDU und 

- stellvertretender Vorsitzender des 
Arbeitskreises Bundeswehr der hessi¬ 
schen CDU. 

Der markig-martialische Offizier hatte 
nämlich wenige Tage bevor er in der 
Wetzlarer Neuen Zeitung im Zusammen¬ 
hang mit der Friedensbewegung von 
„Gehirnwäsche” sprach und von allen 
Antimilitaristen absolute Gewaltfreiheit 
forderte, Horst Stowasser - zusammen 
mit anderen hohen Offizieren aus mit- 
telhessens Provinz - ein Interview gege¬ 
ben. Anläßlich des Hiroshima-Tages 
wurde nur eine einzige Frage gestellt: 
„Würden Sie, wenfr Sie den Befehl dazu 
bekämen, wie die amerikanische Bom¬ 


berbesatzung 1945 handeln und eine 
Atomwaffe auslösen?” Das Ergebnis des 
Interviews stand in der August-Ausgabe 
des Lahn Dill Boten unter der Über¬ 
schrift, die Bände spricht: „Keiner sag¬ 
te Nein!” 

Tage später zeigt Klaus Breidsprecher 
mit massiver Unterstützung seiner diver¬ 
sen Organisationen und der Lokalpresse 
Horst Stowasser an - wegen Beleidigung. 
Aufhänger waren die schon genannten 
Zitate von der „organisierten Gewalt” 
und dem „Soldatenhandwerk”, das im 
Töten anderer Menschen bestehe. Hinzu 
kam noch ein drittes Zitat, das bereits 
Geschichte hat: „Jeder Soldat ist ein 
berufsmäßig trainierter Mörder”. 

Diesen Satz hatte Stowasser schon 
1980 in einem Leitartikel des Lahn Dill 
Boten geschrieben. Er wurde im Bun¬ 
destagswahlkampf von Strauß, der Bild- 
Zeitung und der Bundeswehr in der be¬ 
kannten Art und Weise verbraten - und 
auch damals kam es zum Prozeß. Vertei¬ 
digungsminister Apel und Klaus Breid¬ 
sprecher, damals noch Major, stellten 
Strafantrag gegen Stowasser und zwei 
Mitangeklagte. In erster Instanz gab es 
in der Garnisonsstadt Wetzlar erwar¬ 
tungsgemäß hohe Strafen (90 Tages¬ 
sätze), die aber in der zweiten Instanz 
vom Landgericht aufgehoben und 
in glatte Freisprüche verwandelt wurden 
— letztendlich vom Oberiandesgericht 
hochstrichterlich bestätigt. 

Obwohl er damals freigesprochen 
wurde und obwohl er — vorsichtig ge¬ 
worden - nunmehr diesen Satz nur 
in Gänsefüßchen als Zitat mit dem 
Hinweis brachte, daß er dies vor 3 Jah¬ 
ren ungestraft sagen durfte, wurde Horst 
Stowasser num zu einer Geldstrafe 
von 875 DM, ersatzweise 35 Tage Haft 
verurteilt — wegen Beleidigung. 


Juristisch war das ganze trickreich an¬ 
gerichtet: Obwohl es inhaltlich natürlich 



Kritik am Militarismus und an der Ab¬ 
surdität. der „Friedensdiskussion”, kon¬ 
struierte die Anklage hieraus eine ganz 
gezielte, persönliche Beleidigung eines 
ganz bestimmten Offiziers. Zum Beweis 
wurde angeführt, daß in dem Kommen¬ 
tar der Oberstleutnant Breidsprecher 
namentlich angesprochen und gemeint 
war - eine Tatsache, die niemand be¬ 
stritten hatte. Allerdings: er diente nur 
als konkreter Anlaß für die Betrachtun¬ 
gen über Soldaten und Armeen und das 
auch nur insofern, als er sich selber in 
der Öffentlichkeit in diese Rolle drängt 
und sich in ihr profiliert. Stowasser stell¬ 
te vor Gericht klar: „Die ganze Frage 
einer Beleidigung ist absurd — wenn ich 
beleidigen wollte, dann hätte ich das 
auch getan. Die Ehre eines Offiziers ist 
mir egal. Mir geht es um die drohende 
Vernichtung von uns allen.” In den lan¬ 
gen Erklärungen des Angeklagten und 
der Verteidigung wurde dann auch klar 
herausgearbeitet, daß die ganze angeb¬ 
liche persönliche Beleidigung eine not¬ 
wendige Hilfskonstruktion ist , die als 
juristische Voraussetzung für eine Verur¬ 
teilung nötig sei. „In der DDR werden 
Dissidenten wegen ‘Devisenverpehen’ 
verurteüt und nicht, weü sie Dissidenten 
sind — in der BRD werden kritische 
Journalisten wegen angeblicher persön¬ 
licher Beleidigung verurteüt, nicht we¬ 
gen ihrer Meinung.” 

Der springende Punkt aber war und 
bleibt die Frage, wieso denn solche 
Gemeinplätze, wie Stowasser sie ge¬ 
schrieben hat, überhaupt beleidigenden 
Inhalt haben? Stowasser machte die 
Zielrichtung des Prozesses an einem 
Beispiel klar: ,JMan kann den Beruf ei¬ 
nes Metzgers auf zwei Arten beschrei¬ 
ben: T)as Handwerk des Metzgers be¬ 
steht in der Versorgung der Bevölke¬ 
rung mit Fleisch und Wurstwaren’, mag 
der Metzger sagen. Ich als Nicht-Metzger 
mag sagen ‘Das Handwerk des Metzgers 
besteht im Töten und Verarbeiten von 
Tieren’ Beides ist richtig.” Es geht also 
in diesem Prozeß gar nicht um eine 
Beleidigung des Ehrgefühls, sondern um 
eine Disziplinierung der Sprache. Eben¬ 
so wie man einen Minister, der für den 
Krieg zuständig ist, nicht Kriegsminister 
nennen darf sondern Verteidigungsmi¬ 
nister nennen muß, so soll durch dieses 
Urteü erreicht werden, daß Kritik an 
Militär, Staat und Gesellschaft künftig 
nicht mehr in einer scharfen Sprache. 








mit entlarvender und entwaffnender Di¬ 
rektheit und Offenheit formuliert wer¬ 
den darf. Die Bundeswehr will erreichen, 
daß der allgemeine Sprachgebrauch mo¬ 
derat und zahm wird und sie bedient 
sich hierzu der Justiz als Büttel. Nicht 
umsonst wies Horst Stowasser darauf 
hin, daß er hier als staatsverneinender 
Anarchist von einem Menschen verur¬ 
teilt werden soll wegen der Beleidigung 
eines anderen Menschen, die beide den 
selben Arbeitgeber haben - den Staat. 

In der Tat laufen zur Zeit im ganzen 
Bundesgebiet mehrere parallele Prozesse 
wegen „Mörder’- und ähnlicher Zitate. 
Ziel der Militaristen: endlich einmal ein 
juristisch hieb- und stichfestes Urteil 
erreichen, das kritische Sprache strafbar 
macht. Ziel dürfte das sein, was Orwell 
in seiner Neusprache in dem Satz gip¬ 
feln läßt: „Krieg ist Frieden”. Klaus 
Breidsprecher macht in dieser Strategie 
fer die Armee nur den Versuchsballon. 
Seine angebliche Ehrkränkung ist ein 
unglaubwürdiger Vorwand — unglaub¬ 
würdig zum einen, weü auch Minister 
Wörner mit klagt (der nicht erwähnt 
wurde) und zum anderen, weil der 
schneidige Offizier selber auch nicht ge¬ 
rade zimperlich ist im Umgang mit sei¬ 
nen politischen Gegnern. So bedauerte 
er zum allgemeinen Erstaunen am Vor¬ 
abend des Prozesses auf einer Podiums¬ 
diskussion, daß wir „nicht mehr in der 
Steinzeit leben”. Darüber, und daß er 
und seinesgleichen von unserer freiheit¬ 
lichen Verfassung geschützt würden, 
könne Stowasser froh sein. Denn da¬ 
mals wurden solche Auseinandersetzun¬ 
gen noch ,,Mann gegen Mann” ausge- 
hagen. Breidsprecher ist alles andere als 
das mimosenhafte Sensibelchen, aber 
aus juristischen Gründen mußte er diese 
Rolle vor Gericht halt spielen. 

Besonders mit Ruhm bekleckert indes 
hat sich der „erkennende Richter” 
Tagner am Wetzlarer Amtsgericht. Er 
Ve rhalf dem Tribunal der verschlafenen 
Brovinzstadt zu unverhofftem Ruhm, 
denn wenn dieser Urteilsspruch rechts¬ 
kräftig wird, wäre dies der erste Schuld- 
spruch in einem solchen „Soldaten-Mör- 
der-Prozeß” Man braucht nur in der 
deutschen Literatur nachzulesen - von 
Simplizissimus bis Tucholski, von Bü¬ 
ßern ehemaliger Soldaten bis hin zum 
a Useits belobhudelten Martin Niemöller 
" immer wieder wurden Soldaten als 
Mörder, ihr Tun als Mord bezeichnet. 
^ n d natürlich hat es immer wieder Ver¬ 
gehe gegeben, diese ungeschminkte 
Wahrheit, die Bestandteil unserer (zum 
^uck noch!) lebendigen Umgangsspra¬ 
che ist, durch Gerichtsurteile unterdrük- 
* e n zu lassen. Noch nie hat es bisher 
dabei einen Schuldspruch gegeben. So¬ 



gar 1932, am Vorabend des deutschen 
Faschismus sprach die (als parteüsch 
berüchtigte) Justiz der Weimarer Repu¬ 
blik Carl von Ossietzki frei, der, weil 
er Ähnliches geschrieben hatte, von dem 
damaligen Reichswehrminister Gröner 
verklagt worden war. 

Vollends kabarettreif wird dann die 
schriftliche und mündliche Urteilsbe¬ 
gründung von Richter Wagner. Wort¬ 
reich versichert er, daß es keinesfalls ein 
politischer Prozeß sei, versteigt sich 
dann aber sogleich in rein politische Ar¬ 
gumentationen. Da ist die Rede davon, 
daß ein Soldat „seine Waffe beherrschen” 
soll und nicht „esoterischen Gefühlen 
nachzuhängen habe”. Da wird die „über¬ 
wiegende Mehrheit der Bevölkerung” zi¬ 
tiert, die sicher anderer Meinung sei als 
der Angeklagte. Da wird die Funktion 
der Abschreckung der Bundeswehr lo¬ 
bend erwähnt und rührselig darauf hin¬ 
gewiesen, daß der Offizier Breidsprecher 

ja auch tapfer sein eigenes Leben mit 
aufs Spiel setze. Sehr interessant — nur, 
was hat das mit der Beleidigung zu tun? 
Seit wann muß ein Journalist sich der 
Meinung der Mehrheit anschließen? Was 
hat es einen Zivilisten zu interessieren, 
wenn auch ein Offizier sein Leben mit 
Millionen anderer Menschen verlieren 
wird? Das ist sein Bier, und wenn er sei¬ 
ne Tapferkeit unter Beweis stellen will, 
dann kann er gerne mit Soldaten ande¬ 
rer Armeen „Mann gegen Mann” kämp¬ 
fen — aber bitte: Sind das nicht alles 
rein politische Argumentationen? 

Mit entwaffnender Offenheit erklärt 
der Richter schließlich, daß das Gericht 
„selbstverständlich” mit der Verteidi¬ 
gung einer Meinung sei, daß eine Armee 
eine „Sammlung persönlicher und säch¬ 
licher Mittel” zur Anwendung von Ge¬ 
walt sei. „Das stimmt und daran sollte 
man nicht vorbeireden.” Dennoch darf 
man das nicht sagen, denn wenn man es 


auf eine bestimmte Person beziehe, sei 
es eben doch eine „Verbalinjurie”. Nur 
— warum eine vom Gericht geteilte 
Wahrheit eine Beleidigung ist, die Ant¬ 
wort blieb Richter Wagner schuldig... 

Auch das Argument, daß die drohen¬ 
de Vernichtung der Menschheit ein 
relativ wichtigeres Gut im Ver¬ 

gleich zur persönlichen Ehrverletzung 
eines einzelnen sei, ließ der strenge 
Richter nicht gelten. Weltverbesserer 
neigen nämlich dazu, ihre eigenen Anlie¬ 
gen als „subjektiv hyperwichtig” anzu¬ 
sehen. Kommentar überflüssig... 

Kein Wunder, daß der Prozeß, der eine 
erstaunliche regionale Beachtung fand, 
von dem Verteidiger, Günter Becker, 
dann auch kurz und treffend als „Ge¬ 
sinnungsprozeß” eingestuft wurde. Bek- 
ker, Vorsitzender des Republikanischen 
Anwaltsvereins Mittelhessen und SPD- 
Stadtverordneter in Gießen, erklärte: 
„Der Staat und sein Militär unterneh¬ 
men den untauglichen Versuch, die ver¬ 
lorengegangene Legitimität im Bereich 
der Friedenssicherung durch Strafpro¬ 
zesse wiederherzustellen.” Wenn das 
nicht treffend ist - noch dazu aus dem 
Munde eines (aufrechten!) Sozialdemo¬ 
kraten. 

Der nunmehr verurteüte Anarchist 
und Dickkopf Horst Stowasser ist indes 
nicht bereit aufzugeben: „Ich werde na¬ 
türlich für die beleidigte Ehre eines Of¬ 
fiziers keinen Pfennig bezahlen. Das, 
was Soldaten aller Zeiten und aller Län¬ 
der immer wieder taten und tun wer¬ 
den, ist die größte Beleidigung die denk¬ 
bar ist: sie nehmen uns das Leben. Und 
das werde ich immer wieder als das be¬ 
zeichnen, was es in meinen Augen 
ist: schlicht Mord. Und wenn das straf¬ 
bar ist, dann werde ich ins Gefängnis 
gehen und das als einen ehrenwerten 
Platz in dieser Gesellschaft ansehen.” 

Für die bevorstehende zweite Instanz 
sind der Angeklagte und die Verteidi¬ 
gung dringend auf Geldmittel angewie¬ 
sen. Horst Stowasser führt diesen Pro¬ 
zeß nicht zum Spaß, sondern um ein 
Stück Meinungsfreiheit zu verteidigen 
- für uns alle. Laßt ihn nicht hängen, 
unterstützt ihn moralisch, durch Öf¬ 
fentlichkeit und Spenden: 

SPENDEN FONDS „Hilfe für die 
bedrohte Sprache", Rechtsanwälte 
Egler/Becker/Borchers, Wetzlar, Bank 
für Gemeinwirtschaft (BLZ 515 101 11) 
Kto-Nr. 10 799 05 

Otto Rammstedt 

Anschrift: 

Horst Stowasser 
Postfach 2602 
633 Wetzlar-Lahn 












































































^Proteste der Innut-Indianer gegen Tiefflüge. Seit 
1980 wird das Gebiet der kanadischen Innut-India- 
ncr durch die Luftwaffe der BRD, Großbritaniens, 
Kanadas und der USA überflogen und ein Teil ihres 
. Territoriums als Bombenabwurfgebiet benutzt. Die 
hcfflicgcndcn Düsenflugzeuge erschrecken die Ren 
; bcr c, vertreiben das Wild und bedrohen so die Exi 
• stcnzgrundlage der 9000 Innut. Die psychischen 
.Auswirkungen des ohrenbetäubenden Lärms rei 
c hcn von der Verängstigung der Kinder bis zu zahl 
reichen Selbstmorden. Die deutsche Luftwaffe tut 
als gäbe cs keinerlei Beschwerden von Seiten der 
Innut. Das Gegenteil ist der Fall, sie werden aller- 
. ^'ngs an das kanadische Verteidigungsministerium 
^citergclcitct und nicht beachtet. 

Kontakt: Informationszcntralc für nordamerikani 
■ Scb c Indianer, c/o Richard S. Kelly, Martin Buber 
St r. 1, 1000 Bcrlin-37. _. 



1 1 







i * Organisatorisches: Besonders neugegründete An- i 
urchogruppen waren in der Vergangenheit häufig 
aran interessiert über Veranstaltungen Interessierte 
Zü VCr sammeIn. Als Aufhänger bieten sich Filme 
°der Videos an. Im Wetzlarer adz (Turmstr.2) kann 
Juan Filme über anarchistische Geschichte auslei 
• 1Cn * Du Horst Stowasscroft arbeitsmäßig überlastet 
a j I! 1, Sci zusätzlich auf die Medienwerkstatt Freiburg 
jj onradstr. 20, 78 Freiburg verwiesen. Dort sind u.a 
1 ,° S cn dc Videos zu beziehen: Solidarnosc, Machbar 
M vgcwaltfreic Blockade), Lucas Aerospace (Umstel 
m VOn Rüstungsproduktion), No more future 
ff ^ MM-Nürnbcrg, Züri Brännt, Randale und Lie 
M f C ’ ZDF-Hcaring zu den Jugendkrawallen, Mal 
tjf g laklion (Zur Volkszählung), Unter Deutschlands 
ßD \y ~ Ex-KZ-Stolfen wird zum Atomschutzkeller 
JPL n - lc l a pge Hoffnung (weitere Filme über den Spa 
IV pjf 11 Archiv, z.B. Enzensbergers Durruti 
P asaran (Nicaragua), Arbeitcrselbstver- 
I Un 8 ~ 4 frz. Betriebe, Septemberweizen, Freie 
Jr l0s ’ Startbahn West, 2 Tage im Mai (Neonazis), ^ 
Ä- Fir die 80er Jahre (Polizeiarbeit) uva. I 


^Die ASTI (Anarchistische Studenteninitiative) ist j 
ein Zusammenschluß verschiedener anarchistischer | 
Richtungen. Sie ist notwendig als Gegenpart zentra¬ 
listisch-hierarchischer und demokratischer politi¬ 
scher Vereinigungen und für das klare Eintrten für ei¬ 
ne Gesellschaft ohne Zwang und Gewalt, ohne Rc- 
gjjg: gierung und Staat, auf der Grundlage der freien Vcr- 3 
einbarung ihrer Mitglieder. Diese Prinzipien haben 
auch antizipatorischen Charakter für die ASTI, d.h 
die innere Organisation sowie alle Aktionen nach au 
ßen müssen daran orientiert sein. 

Besonderes Aufgabengebiet soll neben der Wer¬ 
bung für unsere freiheitlichen Ideen die Förderung 
einer libertären Wissenschaft sein, die in der kon¬ 
struktiven Kritik des Bestehenden und der emanzi- 
patorischen Weiterentwicklung ihren Sinn sieht. 
Dies kann nur im Rahmen einer undogmatischen 
Lehre und Forschung geschehen. Mitglieder der 
ASTI sollten also dementsprechend in Lehrveran¬ 
staltungen den libeträren Standpunkt einbringen 
und auf einen anti-autoritären Verlauf derselben hin- 
w ' r ^ en - I n der eigenen Forschung soll gezielt zur li- 
* bertären Theorie und Praxis gearbeitet werden. Ei¬ 
gene Veranstaltungen, Werbung für unsere Ideen 

durch Verbreitung anarchistischer Literatur und eine 
mögliche eigene publizistische Tätigkeit sind weitere J 
Punkte. Wir wollen eine breite lebendige Informa-| 
tion und Diskussion. Die natürlichen Bündnispart- ^ 
ner an der Uni sind antiautoritär-sozialistische Grup- ^ 
pen. Zweckbündnisse mit anderen sind bei Wahrung 
der eigenen Standpunkte und Interessen denk¬ 
bar^...) Die Uni muß ein Ort der wirklich freien 
Wissenschaft und Lehre/Forschung werden, der da-, 
zu geeignet ist, verantwortungsbewußte Menschen j 
für eine freie, ökologische Zukunft werden zu las- 
sen. Sie muß für alle Menschen geöffnet werden, die 
lernen oder forschen wollen und muß ihre systemim¬ 
manente Rolle als selektorische Herrschafts-und Eli¬ 
tefabrik verlieren... 

Kontakt: Bettina030/3948334oderRaif030/3222027 , 



tj L ! ebc Pfunde, das anarchistische Forum Wiesba- 
j*i v ^ n lat c 'ne Bitte: Die in libertären Kreisen schon 
•4 Fi/ j/j lrcn geäußerten Befürchtungen in Bezug auf 
p .. >°n und gesellschaftliche Auswirkungen einer 

L ( v U | nen Partei bestätigen sich in vielerlei Hinsicht 
1 def >>Wozu nocb ’ n die Parlamente?« usw.) Die Be- 

• j a ^ tün 8 yon Spaltung und Reintegration Außerpar- 
di c Cntanscbcr Opposition (im weitesten Sinne) in 

• de p° rma * cn » sich besser steuern lassenden, Bahnen 
ton a . r ^ amcnt arismus ist nur einer von vielen Aspek- 


★ Prozeß in Belgrad- Anfang Oktober erlebte Ju 


goslawien einen großen Prozeß gegen Personen, die 
angeklagt sind, die Verfassungsordnung des Landes 
Umstürzen zu wollen. Diesmal geht es um sechs Per 
sonen, als Intellektuelle bezeichnet, die illegale Zu 
sammenkünfte organisiert haben sollen, um ihre 
Ziele zu erreichen. Der Prozeß ist eine Folge der 


Festnahme von 28 Teilnehmern einer privaten Zu 


sammenkunft am 20. April in Belgrad, wo Milovan 


Djilas über die Nationalitätenfrage in Jugoslawien 


einen einführenden Vortrag hielt. Warum die Poh 


zei während der Versammlung ins Haus eindrang, ist 


nicht klar.(...) Die Zusammenkunft am 20.4. war 


Teil einer Reihe von Diskussionsveranstaltungen 


★ Durchsuchung am 17.10. -s-Blättle und die un 


aufhörhehe Konfrontation mit dem §129a. »Konkre 


ter Anlaß war der Artikel > Anschlag auf die NATO 


| Pipeline< im Blättle Nr.92. Der schlichte schwarze 


Balken an Stelle eines presserechtlich Verantwortli 


chen war ihnen willkommener Anlaß, sich alle zur 


Redaktionskonferenz einfindenden Personen zu 


greifen und als mutmaßliche Redaktionsmitglieder 


einer ED-Behandlung zu unterziehen.« (...) Eine 


schriftliche Beschuldigung der ED-Behandelten 


steht noch aus, das Blättl e will weiter informieren 


★FREIRAUM - Die Repression gegen die anarchi 
stische Zeitung aus München geht weiter. Nach dem 


Vorgehen der Staatsanwaltschaft gegen die Num 

Lf die seit 1977 von verschiedenen Leuten regelmäßig^ 1 mern 2,3 und 4 u.a. wegen dem abgedruckten Straf- H| 
.' zu Hause abgehalten wurden, über wechselnde The-,befehl gegen Christian, wegen dem Aufruf zur Ma- yS 
men wie Aggression, alternative Lebensweisen, die növerbehinderung im Fulda-Gap oder dem Vor- BT 
p“ Zulässigkeit der Todesstrafe, unsere technische Zi-jn schlag, Hannover mit Spraydosen zu verschönern, Ek[ 
“fl vilisation, den kreativen Prozeß, den Tod im dialek-j ist nun auch die Nummer 6 für verboten erklärt wor- jP 
tischen Materialismus usw. Es war keine fest Grup- den. Gleichzeitig mit diesem überzogenen und 
pe, die die Versammlungen organisierte, und auch ^sj kleinlichen Eifer der Behörden, nimmt die Repres-, 
die Teilnehmer wechselten; im Laufe der Zeit waren sion gegen die presserechtlich Verantwortlichen zu. • 

2^ etwa 200 Personen bei den Zusammenkünften. (...) So fand nun die 7. Hausdurchsuchung wegen einem 
.ij Die Zusammenkünfte waren unter dem Namen Artikel statt, der sich vergleichend mit Kriegsdienst- \ 

!£?< »Freie Universität« bekannt und wurden auch in den Verweigerung, Totalverweigerung und Zersetzung J 
h ; Medien beachtet. Mehrere Teilnehmer an den Ge- HB der Bundeswehr befaßte. Dies wurde wieder einmal 
sprächen hatten unter der einsetzenden Repression als Aufforderung zu Straftaten (§111 StGB) ^usge-1 


“•uinicntansmus ist nur einer von vielen Aspek- »picicncn »aucu vinoviivuutii «us Aunuiucjung /.u ouauaicn jh .mvjjd; <jusge- 

dic cs notwendigmachen eine Zwischenbilanz Ep zu leiden. Ein Arbeiter ist ermordet aufgefunden, legt, obwohl nicht viel mehr ausgesagt ist, als in allen 
| | u Folien. Konkrete Erfahrungen über die üble Rol- ein anderer massiv bedroht und mißhandelt worden. ** ' drei Bereichen aktiv zu werden um Sand im Getrie- 

| c der GRÜNEN, wie wir sic z.B. in Bezug auf die §§i Die Verteidigung der Angeklagten wird behindert. ^ be zu werden. Die Prozeßlawine betrifft in München 
art bahn-Wcst immer noch machen aber auch ES Der Vorsitzende des Präsidialrates von Jugoslawien, M inzwischen mehr und mehr Leute, die Kosten über- 

T-> .. . . v ,v : , ninronn,.;/ Kot a _<7^:*__ P _ a:~ a _:_ r- _ 


I lliP 7 u * TOl immer noen macnen, aoer aucn 
.fische Erörterungen (Aufsätze, Referate etc.) 
k u „ ■ ür Uns als Grundlage für eine analytische Dis- 
^ ,0 n interessant. 

I'abt ‘^ S0 a ^ cs was l br zu dies 601 Thema 
U n( j J 7 ' F- Wahlboykottaufrufe, eigene Gedanken 
u ni tc Hungnahmen usw.) an: Anarchistisches For- 
hof^ 0s ‘tlagcrkartc Nr.062032, 6200 Wiesbaden. Wir 
n Cr ° Ucb ^ ann in Bälde die Ergebnisse in Form ei- 
?.n i - r ° Sc hürc oder auch auf andere Weise mittcilen 
K ° n ncn. GrußM. 


Kp} Veselin Djuranovid, hat in einem in den Zeitungen l 
W#» wiedergegebenen Referat für das ZK in Montenegro I 
b die Angeklagten im Voraus für schuldig erklärt. Es E 
11 gilt jetzt eine möglichst große Öffentlichkeit herzu- i 
stellen, da es Jugoslawien wegen seiner Kreditwün¬ 
sche an den Westen sehr ungelegen kommt, der Un¬ 
terdrückung der freien Meinungsäußerung bezich¬ 
tigt zu werden.. 

Kontakt: Het Fort van Sjakoo-Buchladen, Postbus 
16 578, NL-1001 RB Amsterdam. 


steigen die Möglichkeiten der jungen Genossen/in¬ 
nen Christian, Brigitte und Matthias. Wir bitten des¬ 
halb um Spenden auf das Konto des Ermittlungsaus¬ 
schusses, Stichwort FREIRAUM, PschA München, 
Kontonr. 3664 83 - 801, M. Dörflinger (BLZ 700 100 
80). 

Wer sich direkt bei den Urhebern erkundigen will, 
was die eigentlich so bewegt, kann diese erreichen: 
Tel. 089-5204 4346 (Justizgebäude Nymphenburger 
Straße). 



WfSCWriKu; 




























62 


So erfreulich ich cs auch finde, daß im SF so heftig 
um das wichtige Thema 'erziehen’ und ‘Erziehung’ 
gerungen wird, so sind mir doch einige Punkte einge¬ 
fallen, die dazu noch zu bemerken sind: 

1. Herr Ulrich Klemm behauptet, eine libertäre 
Tradition im Erzichungswcsen entdeckt zu haben. 
Wohl gibt es eine Menge libertärer »Pädagogen« 
und unterschiedlichster Theoretiker, aber keine li¬ 
bertäre Tradition, denn wenn diese Pädagogen und 
Theoretiker libertär bzw. Anarchisten waren, so ha¬ 
ben sie eine Sichtweise , aber kein abgeschlossenes 
Theorien- oder Lehrgebäude hinterlassen, die Fra¬ 
ge n der »Einführung von Kindern in unsere Welt« zu 
betrachten. Der wirkliche Anarchist befragt die 
Realität selber, wie sic ist und wie sie werden könn¬ 
te. Ohne Lehrgebäude aber auch keine Tradition: 
traditionell kann nur die Sichtweise sein, die Realität 
immer wieder neu zu befragen, wie sie ist und wie sie 
werden kann, aber in keinem Fall die Rückschlüsse 
Tolstois oder anderer libertärer Pädagogen aus der 
Realität ihrer Zeit. 

2. Daher gibt es eine libertäre Pädagogik gar nicht. 
Ein Eintreten der ‘libertären Pädagogen' z.B. gegen 
die Schulpflicht erklärt sich daher nicht aus ihrer 
Theorie, sondern aus ihrer Befragung der »Realität 
der Kinder« ihrer Zeit - wie sie ist und wie sie sein 
könnte ... Dieses erklärt auch, weshalb sie ihre »be¬ 
grenzte Anarchie des Lernens aus der Erfahrung« in 
einer beherrschenden und beherrschten Gesell¬ 
schaft nur innerhalb eines begrenzten, abgeschlosse¬ 
nen Erfahrungsraumes »Institution Schule« ver¬ 
wirklichen konnten. Im Geiste ihrer Zeit war die 
»reine zur Verfügungstellung von Wissen und Lehr¬ 
inhalten« ein Schritt zur Befreiung und zur Freiheit. 

3. Heute ist jedoch die Erziehung und ihr »Lehrin¬ 
halt« selber zum Gegenstand der Kritik geworden. 
Diesen Tatbestabd zugunsten eines Anknüpfen an 
»libertäre Pädagogen« des vorigen Jahrhunderts zu 
verleugnen, bedeutet, die Erfahrungen vom Dada 
bis zum Punk und von Mauthner bis Erlenberger zu 
verleugnen. Das reine zur Verfügungstellen von 
Wissen und Lchrinhalten reicht nicht aus - ist nur 
äußere Freiheit. Der Versuch, fremdes Wissen zu ei¬ 
genem zu machen, egal, ob auf freiwilliger oder 
zwangserzogener Basis, begründet die Entfremdung 
des Menschen von sich selbst und damit die Angst 
vor »innerer« Freiheit. 

4. Die »Barbarei der Besserwisser« besteht darin, 
in der zur Verfügungstellung von Lchrinhalten - ob 
auf freiwilliger Basis im Rahmen einer »Schülcr- 
schule« oder durch Zwangserziehung in cincrstaatli- 
chcn Schule - Lebensbeschreibungen und Lebensin¬ 
terpretationen anzubictcn, die vom Schüler anstelle 
des Lebens selber gelebt werden sollen. Der Schüler 
lernt nicht selber- als jenen Einzigen, der mit deräu- 
ßcren Welt hinsichtlich der Verwendung von Wor¬ 
ten und Wortbedeutungen z.B. eine Abmachung 
eingeht, um verstanden zu werden, dahinter jedoch 
der Entscheidende, sich selber denkende, Worte 
prägende und Bedeutungen hineinlegendc Mensch 
bleibt sondern er lernt Sprache und Wissen als et¬ 
was feststehendes, dem Komet zwischen Menschen 
enthobenes, unveränderliches Etwas, auf dessen 
Bedeutung er keinen Einfluß hat. 

5. Die Abschaffung der Erziehung neben aller In¬ 
stitutionen (Schule, Kindergarten, Uni usw.) meint 
daher n.m.A. die Schaffung eines Freiraumes für 
Kinder, um sich selber - als Entscheidende, Bewer¬ 
tende, sich selber Ausdenkende ohne Abstand zwi¬ 
schen sich selbst und ihrer Vorstellung von sich sel¬ 
ber - zu lernen und eigene Vorstellungen ihres Le¬ 
bens zu entwickeln. Dieser Freiraum ist eher im Um¬ 
gang außerhalb aller Institutionen zwischen Erwach¬ 
senen und als kleine Erwachsene gleichberechtigt 
anerkannter Kinder gegeben als im Rahmen von 
Schülcrschulen und freien Schulen aller Art. - Wer 
dagegen meint. Kindern etwas beibringen zu müssen 
und selber Sichtweisen und Theorien fremder Men¬ 
schen (Tolstoi o.ä.) als die eigenen akzeptieren 
kann, obgleich cs nicht seine Erfahrungen sein kön¬ 
nen, dem ist in seiner Entfremdung von sichsclber- 
wic Herrn Klemm-einfach nicht mehr zu helfen. Je¬ 
denfalls solange nicht, wie er nicht selber bereit ist, 
sich helfen zu lassen. »Weil das Leben gar nicht exi¬ 
stiert, außer man erfindet gern Namen für frei 
schwingende Regungen des menschlichen Gehirns 
...« (Maria Erlenberger, Hoffnung auf Erinnern, 
Rowohlt 1982). Diese sind jedoch Sache jedes Men¬ 
schen - auch des Kindes - allein. 

K. Jakob/Steinhagen, Max Stirner Memorial Institut 

Hamburg 


Anmerkung zu diesem Brief von Seiten der Indivi¬ 
dualanarchisten: Ich will an dieser Stelle nun keines¬ 
wegs die Kritik zurückweisen, die an der »libertären 
Pädagogik« geübt wird; denn sie ist interessant und 
diese Diskussion wird vermutlich weilergeführt wer¬ 
den. Aufgefallen ist mir jedoch das Verständnis von 
‘Lernen’, von ‘Mensch sein’ usw. in Punkt 4 und 5 
des Briefes. >Der Einzige geht einen Vertrag mit sei¬ 
ner Umgebung ein, um verstanden zu wcrden<, eine 
solche Auffassung von Sprache gehl nun ebenfalls 
völlig am Wissensstand über die Sprachcntstehung 
beim Kind vorbei (vgl. z.B. Jean Piagct, Wygotsky, 
Karl Biihler und viele andere mehr). Sprache ist in 
erster Linie Kommunikationsmittel und als solche 


Da dies nun keine wissenschaftliche Abhandlung, 
sondern nur eine kurze Anmerkung werden soll, 
stelle ich den Thesen 4 4-5 die Meinung entgegen: 
Jeder ‘Einzige’ lebt von Fremderfahrungen, die er 
mit der Sprache in sich aufnimmt. Sprechen, Ler¬ 
nen, Erfahrungen machen sind ohne Gegenüber, 
ohne Gemeinschaft nicht möglich. Jeder Sprecher 
braucht einen Hörer; die Reduzierung auf ein »Ein¬ 
ziges Individuum«, das lediglich Verträge mit seiner 
Umwelt abschließt um die sogenannte »Fremdbe¬ 
stimmung« bewußt zu »legalisieren«, ist nichts mehr 
als ein ideologischer Irrtum. 

Wolfgang Hang 


bleibt sic abhängig vom Kollektiv, das sic spricht. Sie 
verändert sich mit den Erfahrungen die das Kollek¬ 
tiv und die einzelnen Individuen des Kollektivs ma¬ 
chen. Sie trägt Bewußtseininhalte weiter, ihre Zei¬ 
chen enthalten Bedeutung. Bedeutung spielt jedoch 
ebenfalls nur dann eine Rolle, wenn sie in einem 
Kommunikationsprozeß und Handlungsprozeß zum 
Tragen kommt. 




Internationales Journal 
zur Kultur der Anarchie 

r ----— N 

Heft: 14 

Anarchismus in Frankreich, Israel, 
Italien,Norwegen & anderswo 
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dig 1979 (Trotzdem-Verlag, 

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ist inzwischen sehr dünn geworden; über das 


*ALTE AUSGABEN DES SF: 

JJm neueren Abonennten die Gelegenheit zu geben, 
,llr e Sammlung zu vervollständigen und bei Bekann¬ 
ten und Interessierten zu einem günstigen Preis für 
den SF zu werben, machten wir folgendes Angebot: 
>>Für 4 alte Ausgaben schickt ihr uns 10 DM (Schein, 
Überweisung, Briefmarken). Welche Nummern ihr 
haben wollt, schreibt ihr dabei. Zur besseren Orien¬ 
tierung hier die Inhaltsangaben der noch lieferbaren 
taben:« - Die Anzahl der noch lieferbaren Num- 


Interesse haben wir uns natürlich sehr gefreut und 
zur finanziellen Stabilisierung des Blattes hat diese 
Aktion ebenfalls einiges beigetragen. Wir legen des¬ 
halb ab sofort mehr Exemplare auf, um diesem Inter¬ 
esse in Zukunft wieder nachkommen zu können. Ein 
Nachdruck der nun vergriffenen Nummern kommt 
finanziell jedoch nicht in Betracht. Deshalb haben 
wir uns etwas anderes überlegt: 

Nostalgie-Nummer !!! Wir wollen, eine Extranum- 
mit den wichtigsten und am wenigsten veralte¬ 


ten Beiträgen von Nummer 0 bis 12 (also von 13 
Nummern) zusammenzustellen, neu gesetzt und lay 
outet, ca. 100 Seiten, zum SF-Unterstützungspreis 
von 10.- DM. Um das Projekt kalkulieren zu kön¬ 
nen, bitten wir schon jetzt um Vorbestellungen und 
Vorauszahlungen. Stichwort: »Nostalgie jetzt oder 
nie!«, Merci! 


Nr. 0, 1,2, 3,4, 5, 6, 7, 8, 9,10,11,12 vergriffen! 
Was bleibt sind also lediglich 3 Nummern! Wer diese 
für 10.-DM haben will, bekommt sie weiterhin. Wir 
legen dazu etwaige Remittendenexemplarc aus 
Buchläden bei, falls wir welche bekommen. 


Nr.13: (64 Seiten) 

★ Zeit-Echo ★ Anarcho-Organisierung (FLI etc.) ★ 
Kabelfernsehen ★ »Containment...« ★ Bakteriolo¬ 
gische Kriegsanfänge ★ Thoreau ★ Libertäre Päd¬ 
agogik ★ Interview mit Johannes Agnoli ★ Kritik an 
S. Gesell * Hochzinspolitik der USA ★ Projekte¬ 
messe ★ Landauers Aktualität ★Ausbildungsverbot 

★ Nachruf ★ IAA-Geschichte *DAS in Spanien, II- 
Teil ★ Zeitschriftenschau ★ Buchbesprechungen ★ 

Repression mit §129a ★ Kleinanzeigenjiaumahetc